(Entdeckungen unterwegs, aus der vergangenen Woche)
Was der Ausspruch mit unserem Besuch in der Kirche von Wolgast gemein hat …
Motive dieser Art zu den sogenannten „Totentänzen“ sind im Norden Deutschlands nicht sehr verbreitet. Daher gehören die großformatigen Gemälde, ausgestellt in der Kirche zu Wolgast, zu den wenigen erhaltenen monumentalen Totentanz-Darstellungen in Norddeutschland.

Wer sich die Mühe macht, auf einer Landkarte von Mitteleuropa zu verfolgen, an welchen Orten es Darstellungen von Totentänzen gibt und in welchen Gebieten die meisten Beispiele dieser mittelalterlichen Bildtradition überliefert sind, wird die dichteste Ansammlung in den Regionen Elsass, Breisgau, Ober- und Hochrhein, Bodensee und Oberschwaben sowie im Schweizer Mittelland vorfinden.
Der berühmte Ausspruch „Ihr müsst alle nach meiner Pfeife tanzen“ fasst das zentrale Motiv früher Totentänze (Danse macabre) zusammen. Ab dem 14. Jahrhundert wandelte sich der Sensenmann in der Kunst vom tanzenden Teufel zum unerbittlichen Spielmann, der Menschen aller gesellschaftlichen Stände in den Reigen zum Grab zwingt.
Manchmal spielt der Tod zum Tanz auf und erinnert daran, dass vor ihm alle weltlichen Unterschiede und Hierarchien (vom Papst bis zum Bettler) verschwinden.
Oder er sucht die Menschen in ihrem Alltag heim. Dabei dominiert die Kritik vor allem an den geistlichen (=katholischen) Ständen, auch Ereignisse wie der Bauernkrieg hinterlassen ihre Spuren.
Später, in den berühmten Holzschnitten von Hans Holbein dem Jüngeren (1497–1534), wurde der Reigen aufgebrochen und der Tod als heimtückischer Überrascher in den alltäglichen Szenen der Menschen dargestellt.
.
Die Wolgaster St. Petrikirche beherbergt in ihren Mauern also nicht nur die bedeutende Grablege der pommerschen Herzöge mit den im vergangenen Jahrzehnt so aufwändig restaurierten Zinnsarkophagen, sondern auch ein einmaliges Zeugnis einer umfangreichen, fast vollständig erhaltenen Totentanzdarstellung.
Wir fanden das sehr interessant.
Der Verfasser der Verse ist unbekannt. Dass hier Maler und Dichter zusammengearbeitet haben, wäre denkbar, doch möglicherweise hat auch der Maler die Texte verfasst. Nach der Überlieferung soll es Caspar Sigmund Köppe gewesen sein, der durch eine Epidemie Frau und Kinder verloren, und deshalb die Bilder gemalt und anschließend der Stadt geschenkt haben soll. Jedoch erreichte erst 1709 bis 1711 die Pest die Stadt. Auch fehlt ein Beleg, dass Köppe Wolgaster Bürger war.
Eine Besonderheit zeigt die Abbildung mit dem Vers „Das antichristlich Ottergezücht // Entlaufen mag dem Tod auch nicht.“ Auf dem Bild sind Papst und Sultan zu sehen, die sich komplizenhaft die Hand reichen. Katholiken und Osmanen galten seit der Reformation als Feinde der evangelischen Christenheit und erscheinen hier als Verbündete gegen den kleinen Mann, der zu ihren Füßen liegt.
Auch gut zu wissen: Das Verbreitungsgebiet, in dem seit dem 15. Jahrhundert die Totentanzdarstellungen in außerordentlicher Vielfalt vorkommen, deckt sich weitgehend mit dem alemannischen Sprachraum, der im Norden an die Gebiete der fränkischen Dialekte und im Osten an die der bayerischen Idiome angrenzt, während er sich im Westen und Süden von den romanischen Sprachregionen scheidet.
Die ikonischen Fresken, wie der berühmte (heute verlorene) Totentanz in Basel, entstanden als Reaktion auf die verheerenden Pestwellen im späten Mittelalter.
Dann gibt es den Totentanz von Jakob von Wyl, der sich in seinen Szenen anders gestaltet, als mit dieser Dramatik wie bei Hans Holbein; oder wie bei Niklaus Manuel, genannt Deutsch.
Bei von Wyl stehen die Opfer oft in Gruppen zu zweit oder zu dritt zusammen; der Papst z.B. wird von einem Schweizergardisten und einem Kardinal begleitet.

Dieser Totentanz von Jakob von Wyl erschien 1838 in Lithographien von Karl Martin Eglin; außerdem wurde er 1941 von Werner Y. Müller in großformatigen Abbildungen veröffentlicht.
Die Bilderserie ist – wie andere Totentänze – Beispiel einer makabren, teils humorvollen Fantasie. Sie zeigt den Alltag um 1700, aber auch Ansätze von Sozialkritik und ein Bewusstsein für die Gleichheit aller Menschen vor dem Tod.
—————————————————————————————————————–
Hier seien die Titel zu den Abbildungen (auf den Beitragsfotos) wie folgt genannt:
1. Ursprung des Todes: Durch Evas Lust und Satans List // Der Tod in diese Welt kommen ist.
2. Das Ende vom Liede: Nur ein Leinwand und solches Haus // Bringt man endlich zur Welt hinaus.
3. Alle Menschen müssen sterben: Mit Pauk‘ und Trompetenschall // Der Tod sich anmeldt überall.
4. Der Kaiser: Der Kaiser und das Roemisch Reich // Und wer mehr drin, muß sterben gleich.
5. Der Papst und der Türk: Das antichristlich Otteregezuecht // Entlaufen mag dem Tod auch nicht.
6. Der König: Dem König nit hilft seine Gwalt, // Er muß mit dran gleicher Gestalt.
7. Der Fürst: Dem Fuersten auch nicht wuerd‘ gelingen // Wenn er wider den Tod wollt ringen.
8. Der Ritter: Kein Herr und ritterlicher Mann // Dem Tod was angewinnen kann.
9. Das Frauenzimmer: Kein Weibsbild ist so hoch geboren, // Es muß mit dran, taets ihr gleich zorn’n.
10. Der Adel: Der Adel sich nur straeube nicht, // Der Tod ihm doch das Herz absticht.
11. Der Prediger: Der Diener Gottes an dem Wort, // Wann’s Glas ist aus, muß auch mit fort.
12. Der Bauer: Die Bauern und geringen Leut // Nimmt auch der Tod hinweg zur Beut.
13. Der Weise und der Narre: Der Weisen Kunst, des Narren Spiel, // Nicht hilft es, es gilt dem Tod gleich viel.
14. Der Arzt: Den Tod der Arzt oft will vertreiben, // Und muss ihm selbst in Händen bleiben.
15. Der Jurist: Der Rat, Richter, Jurist geschwind, // Ohne Appelieren zum Tanz sich find.
16. Der Bürger: Den Bürger kein Handel noch Werk // Vom Tode retten kann, das merk.
17. Der gottlose Haufe: Den Saeufern, Spielern, Lästerern, // Pflegt solches End der Tod bescher’n.
18. Der Reiche: Auch sterben muss der reiche Mann, // Mit Geld ers nicht abkaufen kann.
19. Lerne sterben: Den Menschen gleich wie grünes Gras // Abmaehet gewiß der Totenfraß.
20. Die Alten: Die Alten, die ohn‘ das Schaff‘ ab // Der Tod fein sacht auch fuehrt zum Grab.
21. Die Kinder: Auch wuergt der Tod die Kindlein klein, // Nicht achtend, daß die Mutter weint.
22. Die jungen starke Leute: Jüngling, Jungfrau, Mann und Weib // Seh’n daß auch sie der Tod aufreibt.
23. Der Arme: Dem Tod der arme Lazarus // Ohn‘ Mitleid herhalten muß.
24. Das letzte Gericht: Im letzten Gericht Gottes Sohn // Drauf jedem geben wird sein’n Lohn.























———————————————————————————–
Aus den Sammlungen der Herzog August Bibliothek oder im Artikel zum Historischen Lexikon der Schweiz.
Beitragsbild: Totentänze vom 15. bis zum 20. Jahrhundert aus den Beständen der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und der Bibliothek Otto Schäfer Schweinfurt
Weniger anzeigen
