Wusstet ihr, dass Walther von der Vogelweide der erste „politische“ Dichter war? Mit ihm begann die politische Dichtung in deutscher Sprache.
„Er brauchte die Poesie nicht zu Leibesklagen allein, er lobte, er tadelte, er lehrte. Er lobte erhaben, er tadelte fein und er lehrete moralisch.
(aus Johannes Jacob Bodmer: Proben der alten schwäbischen Poesie des 13. Jahrhunderts)
Neben Goethe und Schiller gehörte Walther von der Vogelweide zu den bekanntesten deutschsprachigen Dichtern. Sein Werk ist über 800 Jahre alt – 500 Strophen, davon 140 Sprüche sind von Walther in mehr als 25 Handschriften überliefert.
Der nun folgende Spruch entstand 1198.
Man könnte ihn so interpretieren: Treue ist die ethische Forderung aus dem feudalen Lehnsverhältnis, das auf Gegenseitigkeit der Verpflichtungen beruht: kein Dienst ohne Lehen; und kein Lehen ohne Dienst. Die untriuwe (Treulosigkeit, Verrat) kann demnach hier die Verweigerung der Anerkennung des Staufers durch einen Teil der deutschen Fürsten im Jahr 1198 meinen.
Ich saz uf eime steine (Reichsklage)
Mittelhochdeutsch
Ich saz ûf eime steine,
und dahte bein mit beine;
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer werlte solte leben:
deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der deheinez niht verdurbe.
diu zwei sint êre und varnde guot,
der ietwederz dem andern schaden tuot,
daz dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.
die wolte ich gerne in einen schrîn.
jâ leider desn mac niht gesîn,
daz guot und werltlich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîg unde wege sint in benomen:
untriuwe ist in der sätze
gewalt vert ûf der strâze;
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht,
diu zwei enwerden ê gesunt.
Ich saß auf einem Felsenstein
Ich saß auf einem Felsenstein
und schlug ein Bein über das andre Bein.
Drauf stützte ich den Ellenbogen,
in meine Hand hatt‘ ich geschmiegt
mein Kinn und meine Wange.
So dachte ich darüber nach,
wie man auf dieser Welt wohl leben sollte –
doch keine Antwort wusste ich darauf,
wie man drei Dinge so erwürbe und beisammenhielt‘,
dass keines wiederum verloren ginge:
Die ersten zwei sind Ansehen und Besitz,
welche sich oft schon gegenseitig stören,
das dritte ist Gottes Gnade,
von noch viel höherem Wert.
Die wünschte ich, in ein Gefäß zu tun. –
Doch leider, nein, es kann nicht sein,
Besitz und Ansehen vor der Welt
und Gottes Gnade noch dazu,
dass sie in einem Herzen zueinanderkommen.
Weg und Steg ist ihnen genommen, Verrat lauer im Hinterhalt,
Gewalt zieht auf der Straße,
Frieden und Gerechtigkeit sind wund bis auf den Tod –
eh diese beiden nicht wieder gesunden,
haben die drei Dinge keinen Schutz
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(Foto aus dem Lesebuch der 9. und 10. Klasse der zwölfklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule 1961)

