
Rückblick. Ein sonniger Sonntagvormittag im März 1975: „Gleich laufen wir zur Landeskrone“ ertönte es vernehmlich aus der Küche. Als Kinder hatten wir natürlich ganz andere Vorstellungen von Unternehmungen an einem Sonntag. Doch „fügte“ man sich, und schließlich wurde es auch noch richtig schön.
Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als meine Mutter mit uns Kindern die Landeskrone hinaufwanderte, und es dabei hervorragend verstand, über das Erzählen von Sagen und Geschichten, den Aufstieg so spannend wie möglich zu gestalten.
Aus der Südstadt kommend, liefen wir zunächst am Kreuzkirchenpark vorbei. Dort erzählte sie mir die Geschichte von den sieben Raben, frei nach den Gebrüdern Grimm. Inspiration dazu, gaben die unzähligen Dohlen und Rabenvögel, die auf knorrigen Ästen saßen und ihre kehligen Laute von sich gaben. Über das Erzählen hinaus, erreichten wir schon bald den Fuß der Landeskrone.
Hier wurde dann ein verborgener Schatz zum Thema. Noch heute, lausche ich dieser wundervollen Sage nach.
Vermutlich kennt sie jeder Görlitzer. Der Schatz der Landeskrone war bereits dem jungen Jakob Böhme bekannt, als er noch im Dienst eines Bauern Vieh hütete. Er trieb die Schafe gerne bis an die Landeskrone, die stolz aus der Ebene aufragte und gebieterisch über die Lande schaute, zu den Sudeten hin, denen ihr Basaltkegel wie ein Wächter vorgelagert ist. Die prächtige Aussicht lockte den träumerischen Knaben immer wieder zur Höhe, wo einstens Raubritter geherrscht hatten, deren Burg die Görlitzer freilich schon 1440 zerstörten.
Am sagenumtankten Zauberberg der Heimat
Hier lest ihr die Sage um Jakob Böhme. Zitiert aus den alten Schriften des Joachim Leopold Haupt aus dem Jahre 1838.
„In der Landeskrone ist ein großer Schatz, welchen Jakob Böhme einst gesehen hat. „Als er die Schafe hütete, stieg er einst in der Mittagsstunde auf die eine Stunde von Görlitz liegende Landeskrone. Auf dieser fand er einen Eingang, und als er hineinging, erblickte er eine große Bütte mit Geld. Er erschrak aber so sehr darüber, dass er eiligst zurückging, ohne sich etwas von dem Gelde zu nehmen. Als er nachher mit andern Knaben mehrmals auf den Berg stieg, konnte er den Eingang nicht mehr finden.“ ´
Und so hat e sich zugetragen:
„Zwischen Geröll und Trümmergestein ließ der Knabe seine Schafe weiden, indes er durch das wildgewachsene Gebüsch auf dem Gipfel streifte und dabei wie von ungefähr den Eingang zu einer großen Höhle entdeckte.
Jakob trat zögernd näher. Ein wundersames Licht schimmerte von den felsigen Wänden und ließ ihn deutlich den rötlichen Steinbelag des Bodens erkennen, der sich in der Tiefe verlor. Der erstaunte Hirtenbub drang weiter vor und fand zu seiner wachsenden Verwunderung, dass die seltsame Dämmerung zunehmend heller wurde. Deutlich konnte er alles erkennen und wusste gar bald um die Wahrheit dessen, was das Volk von der Landeskrone erzählte: dass sie bis obenauf angefüllt sei mit einem unermesslichen Schatz von Gold und Edelsteinen, der so groß und gewaltig sei, dass ihn niemand zu heben vermöge.„
Nach dieser Erzählung erging es mir tatsächlich immer so ein bisschen wie Jakob Böhme: „Also, wie wär’s du kleiner Glückspilz, der als erster und einziger den Zugang zu den verborgenen Schätzen im geheimnisumraunten Berge gefunden hat? – Greif zu!“
Aber Jakob war schon damals ein Schatzsucher anderer und besonderer Art. Was konnte es ihm frommen, ein reicher Mann zu werden, wenn er vielleicht Schaden nähme an seiner Seele? Mochte nicht möglicherweise ein böser Zauber haften an diesen gleißenden Herrlichkeiten? Hatten etwa die unterirdischen Mächte einen Bann oder gar Fluch gelegt auf diese lockenden Reichtümer? Oder kamen sie nicht allein der Landeskrone zu, diesem sagenumtankten Zauberberg der Heimat.
Sinnend und vom Abenteuer des Unerhörten angerührt, stand der Hirtenknabe aus Altseidenberg im Glanze des Goldes und der Juwelen. Seine heißen Finger zuckten fiebrig. Aber er ballte sie zur Faust. Nein, Jaköble, so glaubte er bestätigend, eine innere Stimme zu vernehmen, nein, Jaköble, das ist nicht deine Welt, die gehört dir nicht zu!
Und langsam ging der barfüßige Junge auf den kühlen roten Steinfließen wieder zum Ausgang zur Höhle zurück, vor dem seine Herde graste, als kümmere sie diese Pforte zum Glück nicht das geringste.
Da war dem Burschen so leicht wie nur einem sein kann, der recht getan hat.“
Und dann gab es noch den Teufel auf der Landeskrone. Dazu zitierte meine Mutter aus den schönen Knitterversen des Hans Sachs dem Zweiten.
„Einstmals der Teufel ging spazieren,
Wollt‘ sich im Freien amüsieren,
Und kam dabei in unser Land,
Worin er manches Neues fand“.
Ihr wollt noch mehr über unseren Hausberg erfahren? Oder euch manches wieder in Erinnerung bringen? Dann bleibt neugierig. Schon bald gibt es noch mehr Geschichten. Auch zum schlesischen Schuster und Gottsucher Jakob Böhme, der als armer Mann zu Görlitz mit Knieriemen, Leisten, Hammer und Ahle am Werkstisch gesessen und geschafft – der einstige Bauernjunge von Altseidenberg, als redlicher Handwerksmann.

https://undinepeter.wordpress.com/2023/02/20/gorlitz-meine-wunderschone-heimat/