Görlitz, meine wunderschöne Heimat (Teil V) – Faszination Nikolaifriedhof

Ich liebe diese Spaziergänge über den Görlitzer Nikolaifriedhof. Über Stunden bin ich schon als junges Mädchen hier umhergeschlendert, haben die Inschriften gelesen., die Skulpturen fotografiert und andere Besucher beobachtet. Hier tummeln sich der Schuljunge auf dem Heimweg, die Malerin auf der Decke, junge Familien mit ihren Kindern und Ausflügler aus aller Welt.
Nur jemand, der den Friedhof nicht kennt, wird darüber sein Unverständnis vermitteln. „Wie kann man es nur mögen, über einen Friedhof zu schlendern?“ Oft wurde mir diese Frage gestellt. Doch begreife ich den Friedhof als einen Ort der Einkehr und Erinnerung. Und er ist noch viel mehr.

Der Nikolaifriedhof entführt uns in eine idyllische Welt der Romantik. Der Besuch gleicht einer mystischen Zeitreise. Hier wandelt sich der Zauber der Stimmung mit der Jahreszeit, mit dem Laubwerk und Geäst der Bäume, die hier ebenfalls ihre Geschichte haben, wie die sagenumwobene Moller-Linde links am Eingang.

Mystisch, kunstvoll und manchmal auch bizarr
Ein sanfter Abhang trägt zwischen verwildertem Kraut und wuchernden Büschen die altersgrauen Male, unter denen Geschlechter ruhen, die kaum noch einer kennt. Mich bewegen sie immer wieder durch ihre Schönheit. Kleine Engel und Amoretten verziehen ihr Kindergesicht in Falten bitterlichen Schmerzes, eine verhüllte Frau neigt sich in zärtlicher Trauer über den Stein und eine vielstimmige Totenklage scheint unter dem leisen, unablässigen Flügelschlage der Zeit erstarrt.

Symbole von kunstvoller, oft bizarrer Form, zeigen den Anspruch ererbter Würden und gesammelter Verdienste. Pyramiden und Urnen, figurenreiche Wappen, bekränzte Sarkophage, traurig vereinsamt und halb versunken in ihrer zerbröckelnden Pracht.

Gräber, die Geschichten erzählen
Hochbetrübt beweinten hier Hannß Siegmunden von Warnsdorff auf Schönborn und seine Frau Helen Marien geb. Warnsdorffin, den Tod ihrer herzliebsten Tochter Agneten Tugendreich, die durch das Umschlagen des Wagens im 18. Lebensjahr zu Tode kam. Nebst Kutscher und Pferden ist sie jämmerlich ertrunken und wurde bei der Walck-Mühle tot herausgezogen.

Mehrere Grabkapellen stehen nebeneinander auf der Höhe des Abhangs. Nur mit schweren, verschnörkelten Schlüsseln kann der Totengräber diese aufschließen. Voll Staub und Spinnweben hängen hier die prunkvollen Wappen der Familien alten Stadtadels wie Färber, Schön, Schmidt, Möller von Mollerstain, Schnitter und Seyfriedt. Unter den schaurig kühlen Räumen liegen unzugänglich ihre Särge.

Die wohl berühmteste Erzählung wähnt sich um Gregor Gobbius
Was wäre ein Spaziergang über einen alten Friedhof ohne diese Legenden und berüchtigten Erzählungen? So erzählt man sich, dass sich vor einer Gruft ein Gitter befindet, an dem ein Ring fehlt. „Kein Schmied konnte diesen ersetzen, ohne dass er in der folgenden Nacht wieder abspränge.
Es handelt sich um die Gruft des Gregor Gobbius, der 1656 das Amt des Stadtrichters in Görlitz bekleidete. Seine Familie stammte aus Anklam in Pommern. Gobbius war ein Alchimist und auch sonst eine auffallende Persönlichkeit, ging im roten Rock und großer Perücke einher und trieb nach dem Tod sein spukhaftes Wesen in Görlitz fort. Knaben, die einmal vor der Gruft spielend riefen: „Gobsch, Gobsch komm heraus!“, erhielten von unsichtbarer Hand eine Ohrfeige. Auch wollen ihn viele um Mitternacht gesehen haben. Dann trug er den Kopf unter dem Arm und saß in einer mit vier Pferden bespannten Kalesche, die dreimal im Kreise umherfuhr.

Kein Besuch auf dem Friedhof, ohne bei Jakob Böhme vorbeizuschauen
Und schließlich stehe ich vor dem eher schlichten Grab des Mystikers Jakob Böhme, dem wohl berühmtesten Sohne der Stadt. Das Haus am Ufer der Neiße ist nicht mehr, auch das alte Grabmal nicht. Das Denkmal, das der Rat ihm einst zugebilligt hat, verfiel mit der Zeit. Heute ist es ein moderner Felsblock, der an die Grabstätte des einsamen Denkers erinnert.

Die Geschichte des Nikolaifriedhofes, der ältesten Begräbnisanlage von Görlitz, angelegt auf dem ältesten Siedlungsgelände – im Zeitraffer

  • Angelegt wurde der Friedhof bereits im 12. Jahrhundert – 1305 erstmals urkundlich erwähnt.
  • Die mittelalterlichen Grabsteine sind in der Hussitenzeit zur Verstärkung der Stadtmauern verwendet worden – die der Renaissance vernichtete der Dreißigjährige Krieg.
  • Grabsteine des 17. Jahrhunderts haben sich vereinzelt an den Außenmauern der Nikolaikirche erhalten.
  • Seitenwangen mit Roll- und Knorpelwerk und Darstellungen des Alten Testaments oder der Verstorbenen bereichern gegen Ende des 17. Jahrhunderts die tektonische Grundform. Auch ovale Grabplatten tauchen auf.
  • Kostümgeschichtlich interessant ist der Grabstein des Tuchknappen Benjamin Beyer von 1675, links vom Westportal der Nikolaikirche.
  • Um die Mitte des 17. Jahrhunderts entstand die Sitte, dass sich die vornehmsten Familien Gruftkapellen als Erbbegräbnisse zulegten. Die ältesten von ihnen liegen auf der Westhälfte des Friedhofes – die erst 1624 in Anbetracht der vielen Todesopfer des Krieges hinzugewonnen wurden.
  • Die ältesten der Gruftkapellen, nämlich die der Familie Gobbius von 1635 inmitten des westlichen Teils und die der Familie Gehler von 1676- es ist die zweite am Wege links – verraten noch das ganze Fortbestehen der Bautradition.
  • Noch vom Ende des 17. Jahrhunderts stammt in der Nordgruppe die Doppelkapelle der Familie Schön und Wiedemann.
  • Die völlig gleichartig gebildeten Grüfte der Familie Zobel und Hänisch vom Beginn des 18. Jahrhunderts, öffnen sich in der Front arkardenartig.
  • Nach 1847 fanden nur noch in Ausnahmefällen Beerdigungen statt.

Der Nikolaifriedhof ist ein ganz besonderer, ja, außergewöhnlicher Friedhof. Mehr als 800 Grabmäler und Grabinschriften sind heute noch stumme Zeugen für die Entwicklung der Werte und Religion der Stadt. Kein Wunder also, dass sich auch Filmschaffende von der knisternden Atmosphäre inspirieren lassen.

Quellangaben zu den Erzählungen und Sagen: „Im Alten Reich Lebensbilder deutscher Städte“ Ricarda Huch

https://undinepeter.wordpress.com/2023/02/20/gorlitz-meine-wunderschone-heimat/

https://undinepeter.wordpress.com/2023/02/23/gorlitz-meine-wunderschone-heimat-teil-ii-wer-waren-die-bohmen-und-mahren/

https://undinepeter.wordpress.com/2023/02/24/gorlitz-meine-wunderschone-heimat-teil-iii-ein-mittelalterlicher-streifzug/

https://undinepeter.wordpress.com/2023/02/28/gorlitz-meine-wunderschone-heimat-teil-iv-aus-dem-sagenbuchlein-der-schatz-in-der-landeskrone-eine-sage-um-jakob-bohme/

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