Görlitz, meine wunderschöne Heimat Teil VI – das Görlitzer Stadttheater

Mit diesem Theater, unserem Gerhart-Hauptmann-Theater, verbinde ich ganz viele Erinnerungen. Hier hat meine Schwester schon Coppélia getanzt. Und auch ich habe mich auf der großen Bühne des Theaters im Tanz der kleinen Schwäne aus Tschaikowskis Schwanensee versucht. Da war ich gerade mal acht Jahre alt. Mein Ballettmeister war damals Herr Kiesewetter, meine Ballett-Trainerin Frau Genova, und am Klavier saß Frau Blankenstein – eine schillernde Persönlichkeit. Sie begleitete uns kleine Tanz-Feen musikalisch. Im Ballettsaal auf dem Mühlweg probten wir so für den großen Auftritt im Gerhart-Hauptmann-Theater.

Ein Stück schlesische Theatergeschichte

Unsere Familie pflegte eine enge und innige Verbindung zu dem ehrwürdigen Theater mit all seinen Geschichten. Regelmäßig besuchten wir die Aufführungen, Opern, das Ballett, Operetten und Musicals. Mit dem Opernglas „bewaffnet“, machten wir uns auf den Weg zur jeweiligen Vorstellung. Vor jeder Oper wurde in der Stube noch (vor)gelesen“, damit man verstand, was uns die wunderbaren Sänger vermitteln wollen. Gewiss, nicht jedermann mag die Oper, und manchmal wäre auch ich lieber zuhause geblieben, hätte die Musikkassette ins „Sonett“ gelegt, und „fetzige“ Musik gehört. Doch gerade jetzt, geht es um die Erinnerungen, um die vielen schönen Erinnerungen, dich ich mit diesem Theater verbinde – und mit den wundervollen Künstlern und Menschen, die ich dort kennenlernen durfte.

Um so mehr betrübt mich die aktuelle Situation.

Ein Fehler in der Brandmeldeanlage, eine verheerende Löschwasserkatastrophe – und die Frage aller Fragen: Was nun?     

Nach dem verheerenden Wasserschaden im vergangenen Jahr, scheint nichts mehr, wie es einmal war. Ich weiß: Das Leben ist ein Fluss, und alles ist in Veränderung. Und doch schmerzt es, mit anzuschauen, wie dünn doch das Parkett ist, auf dem nun getanzt und gespielt werden soll.

Entscheidungen müssen getroffen werden. Muss das Theater gar 40 Mitarbeitern kündigen? All das das stimmt mich traurig. Und ich hoffe doch so sehr, dass sich noch alles zum Guten wenden mag. Zum Guten, für unser altes städtischen Theater, dass den Namen des aus Niederschlesien stammenden Dichters und Literaturnobelpreisträgers Gerhart Hauptmann trägt.

Vielleicht ist es zu früh für eine endgültige Hommage, aber Zeit für den Blick in die Geschichte der „kleinen Semperoper“, die muss sein:

  • Erbaut wurde das Theater von Gustav Kießler, und eröffnet mit Schillers „Don Carlos“. Es war genau am 2. Oktober 1851, als der Musentempel am Demianiplatz glanzvoll seinen Spielbetrieb begann.
  • Von 1851 – 1898 verkörperte das Theater die typische Provinzbühne dieser Zeit.
  • Bis 1923 war das Görlitzer Stadttheater an einen Unternehmer verpachtet.
  • 1924 wurde der über lange Zeit geplante Umzug und Ausbau der alten Holzbühnenkonstruktion beschlossen.
  • Während der Kriegszeit musst die Stadt die finanzielle Hauptlast tragen – später übernahm sie das Theater.
  • Von innen heraus, wurde das Theater öfter erweitert.
  • 1942 sprach Johannes Maximillian Avenarius im Görlitzer Stadttheater eine Zuneigung zu Hauptmann „Iphigenie in Delphi“ bei der Eröffnung der Winterspielzeit 1942/43 in Gegenwart des damals 80-jährigen Dichters.
  • Die gemeinsame Theatergesellschaft Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau GmbH besteht seit der Fusion der Theater Görlitz und Zittau zum Jahresbeginn 2011.

Damals wie heute, nur unter anderen Berufsbezeichnungen, wirkten und wirken hier Direktoren, Regisseure, Dramaturgen, Choreografen, Theaterärzte, Rechtskonsulenten, Souffleusen, Theatermaler, Ankleider, Friseure, Requisiteure, Garderobeninspektoren, Gasbeleuchter und Portiers. Und selbstverständlich all die wunderbaren Schauspieler, Sänger, Tänzer und Darsteller aller Art. Sie alle schenken diesem Theater die Lebendigkeit, die es verdient. „Theater rührt den Menschen an einer Stelle in seiner Seele an, die verdeckt ist.“

Aktuell erklingen aufgrund der Katastrophe die Arien im Görlitzer Kaufhaus, und vielleicht treffen sich Theaterfreunde schon bald in der Lagerhalle des Güterbahnhofs. Und doch kreist das Schwert des Damokles über dem Haupt der „kleinen Semperoper“. Die Ungewissheit ist groß. Darüber, was künftig noch möglich ist, nagt an der Künstlerseele und an der, der Menschen, die sich mit dem Theater auf besondere Weise verbunden fühlen.


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