… und eine Geschichte mit eminent politischem Hintergrund

Das Heilige Grab: Ganz ohne Zweifel gehört es zu den besonderen Bauten der Stadt.
Schließlich ist es eine originalgetreue Nachbildung der Heiligen Stätte in Jerusalem.
1481 wurde der Bau begonnen, 1504 war Weihung. Die Heilige Stätte in Jerusalem wurde zerstört. Dadurch ist die Kopie in unserem Görlitz das einmalige ursprüngliche Bauwerk.
Doch wie kommt ein solches Artefakt nach Görlitz?
So muss es sich wohl damals in einer Görlitzer Schenke zugetragen haben: Agnes Fingerin, „ein Weib von männlichem Mute und Reden in einer Mönchskutte verkleidet“, trifft dort auf den Herzog.
„Wie mir zu Ohren gekommen ist, soll ja dieser Georg Emmerich ein tüchtiger Windhund und Intrigant sein“, rief Agnes Fingerin dem Herzog zu. Meine Leute haben mir damals berichtet, dass er zu dem blutigen Femegericht, dass der Frauenburg damals in Görlitz abhielt, die Fäden im Hintergrund gesponnen, um damit auch seinen persönlichen Zwist zu bereinigen.“
Der Herzog reagierte verhalten und sprach: Lassen wir das Unerquickliche ruhen, Frau Agnete! Die Görlitzer Politik ist schon allezeit ein Kapitel für sich gewesen! Wechseln wir doch das Thema.
Doch erlaubt die Frage, wie seid ihr an diese Bauunterlagen gekommen, und welche Rolle spielt dieser Georg Emmerich in eurem Leben?“
Es ist umstritten, ob Agnete Fingerin tatsächlich die Baupläne aus Jerusalem mitgebracht habe. Und doch wird diese Geschichte immer wieder erwähnt. Nicht zuletzt eröffnet sich darüber ein Spannungsbogen zu dem eigentlichen und ohnehin interessanten Ereignis.
Dieses Ereignis beginnt mit Georg Emmerich (geb. 1422 in Glatz, gest. 24.12. 1507 in Görlitz), Sohn eines reichen Kaufmanns und Bürgermeister von Görlitz. Georg war Jurist und Kaufmann und sein umfangreicher Handel mit Tuchen, Getreide und anderen Waren brachten ihm großen Reichtum. Er erwarb 20 Dörfer und mehrere Güter im Umkreis von Görlitz, die meisten auf der östlichen Seite der Neiße. Zudem besaß er noch sieben Häuser in der Stadt. Bei den Bürgern war er zwar ein angesehener Ratsherr und Bürgermeister, aber sein Vergehen in der Jugendzeit wollten sie ihm nicht verzeihen.
Sage und Legende um eine „Pilgerfahrt“
Es geschah in der politisch angespannten Lage des Jahres, als der Sohn des amtierenden Bürgermeisters und Hauptes der Ungarnpartei Urban Emmerich, ein Verhältnis zur Tochter des wohlhabenden Nikolaus Horschel, Bengina, einging. Georg Emmerich schwängerte Bengina, die Tochter des Ratsherren Horschel und führenden Anhänger der böhmischen Partei, heiratete sie aber nicht. Unter der Androhung der Exkommunikation (im Mittelalter war die Folge dieser Strafe oft der wirtschaftliche Ruin) für seine schwere sittliche Verfehlung wurde ihm als Sühne eine Pilgerreise nach Jerusalem auferlegt. Diese brachte ihm die Absolution. Bei seiner Rückkehr brachte er die genauen Aufmaße des Heiligen Grabes von Jerusalem mit.
Als Sühnestiftung ließ Emmerich das „Heilige Grab“, eine original getreue Nachbildung der Grabeskriche von Jerusalem bauen – mit Heiliger Grab-, Heiliger Kreuz-, Adams-, und Golgatha-Kapelle sowie dem Salbhaus.
Verglichen mit all den vielen Nachbildungen besitzt das Görlitzer Heilige Grab den Vorzug, dem damaligen Original am ähnlichsten zu sein – nachgewiesen von Gustav Dalman, Alttestamentler und Palästinaforscher.
Auch gut zu wissen: Den damaligen Zustand des Heiligen Grabes zu Jerusalem zeigt das berühmte 1486 in Mainz – also mehr als 20 Jahre nach Emmerichs Reise – erschienene Buch von Bernhard Breydenbach „Pilgerfahrten ins Heilige Land“ auf einem von Erhard Reuwich gefertigten Holzschnitt. Dieses Blatt dürfte für die Görlitzer Nachbildung, die erst um 1500 ausgeführt wurde, als Vorlage gedient haben.
