Buch der Leidenschaft (Auszug)

Am 3. Februar schippert Gerhart Hauptmann über den Atlantischen Ozean. Er sitzt an Deck der „Möwe“, und notiert diese Zeilen ganz nach seiner Gewohnheit mit Bleistift, in ein Buch, das auf seinen Knien liegt.

Er schreibt: „So weit ich blicke, kein Land um mich. Das Erlebnis, welches mich an Bord dieses Dampfers geführt, wird hoffentlich durch kein zweites ähnlicher Art künftig in meinen Schatten gestellt werden.“

An Bord der Möwe der Möwe, 4. Februar 1895:

„Es stieg ein Morgen herauf zu mir

in der großen Stadt Paris,

ein Morgen, trüb wie der trübe Gram,

und der neblichte Ostwind blies:

der brachte ein Blatt, ein kleines Blatt

von einem jungen Reis,

hereingeschaukelt auf meinen Tisch

aus des Ostens Winter und Eis.

Wo kommst du her, du grünes Blatt,

so zart und unversehrt?

Von welchem Bäumchen nahm dich der Wind?

Wer hat dich mir beschert?

»Kennst du denn nicht den jungen Baum,

der mich gesendet hierher?

Stolz trägt er die Krone, sein Stämmchen ist

so grad wie des Jägers Speer.«

Ich kannte das Bäumchen, ich kannt‘ es wohl,

seiner Blätter und Blüten Duft.

Es stieg aus dem einen verwehten Blatt

der Frühling und füllte die Luft.

Ein Licht wie Gold, ein Hauch wie Gras

und grüner Maienschein

brach in mein ödes, fremdes Gemach

mit Klingen und Läuten herein.

Da flog ein Rabe herein zu mir,

schwarzflüglig, ins goldene Licht,

der brachte ein Blatt, ein rotes Blatt,

wie der sterbende Herbst sie bricht.

Wo bringst du her das rote Blatt,

du schwarzer Bote du?

Mir schlug das Herz so bang und weh,

und der Rabe krächzte mir zu:

»Kennst du denn nicht den edlen Baum,

der dir gegrünet hat?

der alle seine Früchte dir gab?

Es ist sein letztes Blatt!«

Ein leiser Schrei wie ein Todesruf

durchdrang die Frühlingsglut:

da weinte das Blatt, das rote Blatt,

einen roten Tropfen Blut.

Der Tropfen hing, und der Rabe flog

hin über das grüne Reis.

Der Tropfen fiel, und das grüne Blatt,

es ward wie Schnee so weiß.


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