Görlitz, meine wunderschöne Heimat Teil IX – der Kaisertrutz: eine der merkwürdigsten deutschen Stadtbefestigungen

Unser Kaisertrutz, errichtet zwischen 1490 und 1520 als Geschützbastei des Reichenbacher Tores, ist eine der merkwürdigsten deutschen Stadtbefestigungen.

1490 wurde mit dem Bau der größten aller Görlitzer Bastionen, dem Kaisertrutz begonnen, der seit der Belagerung von 1641 seinen gegenwärtigen Namen trägt. Ursprünglich hieß er „das Rondell“.

1639-1641 belagerten schwedische Truppen Görlitz. Sie hatten sich im „Rondell“ vor dem Reichenbacher Turm verschanzt und trutzten dem deutschen Kaiser, seitdem trägt die Bastion den Namen Kaisertrutz.

Wer von der Westseite her Einlass in die Stadt begehrte, war genötigt „das Rondell“ im Wirkungsbereich starker Kanonen zu umgehen, um dann das Tor der nördlichen Zingelmauer zu passieren, eher er vor dem eigentlichen Stadttor stand.

Jeder Bürger, jeder Gärtner und jeder Bauer von Görlitz und dem Weichbild (das ersteckte sich über den sogenannten Bergdistrict des jetzigen Görlitz) musste beim Bau des Rondells mindestens einen Tag Schanzarbeiten leisten oder einen Tagelöhner stellen.

Noch 1498 erbat der Rat von den Landständen zum Bau der Bastion Hilfe.

Die äußere Ringmauer, die zugleich den Wehrgang trägt, ist auf der stadtauswärts gekehrten Seite mehr als doppelt so stark als auf der Ostseite. Das Geschoss über dem einst hölzernen Wehr wurde erst 1848 aufgesetzt, während zugleich das einstige Erdgeschoss zugeschüttet ward.

Noch heute erkennt man dicht über den Grünanlagen des Demianiplatzes die alten Kanonenschießscharten des verschütteten Geschosses. Beim Umbau des 19. Jahrhunderts wurden auch die beiden Eckpylone und ihre Flügelbauten sowie der zwischen ihnen gelegene Portikus errichtet. Während der alte konzentrische alte Turm seine Renaissancehaube verlor und ein neugotisches Obergeschoss mit Zinnen erhielt. 1952 wurde der Kaisertrutz als Museum der städtischen Kunstsammlungen ausgebaut.

Seit 1947 ist er dazu bestimmt, die stadtgeschichtliche Sammlung, eine Gemäldegalerie, Kunsthandwerk und ein besonderes Ausstellungskabinett aufzunehmen.

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Aufnahmen: Blick vom Reichenbacher Turm auf den Kaisertrutz mit den zwei Zingelmauern, die um 1848 fielen. Nach der Idee Könige Friedrich Wilhelms IV. bekam das nun frei auf dem Platze stehende Bauwerk einen Vorbau mit zwei Türmen und einem Säulentor, statt des Ziegeldaches einen Zinnenkranz und eine Zinnenkrone für das Türmchen. (Zeichnung von F. Thieme, 1841).

Weiter seht ihr ein Foto zum Text von Gustav Frommelt: „Der Kaisertrutz zu Görlitz“.

Die beiden letzten Abbildungen: Der Kaisertrutz mit seinen neuen Türmchen von 1850 glich wie das Ständehaus einer romantischen mittelalterlichen Burg. (Lithographien um 1865.)

Das Ständehaus von 1854, Sitz der Ständevertretung für die Oberlausitz, Ausdruck der Machtansprüche des Adels.

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Quelle: Das Farbfoto mit Kaisertrutz ist eine private Aufnahme aus 1994.

Die anderen Aufnahmen stammen aus der Schriftenreihe: „Görlitz zwischen Biedermeier und Märzrevolution“ Heft 1


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