Görlitz, meine wunderschöne Heimat Teil X – am Viadukt: Kraftort und formschönes Denkmal des technischen Fortschritts

Entlang des Viadukts bin ich schon immer gern in Kindertagen unterwegs gewesen. Später führte mich der Weg vom Stadion der Freundschaft aus, (meist nach zwei Sportstunden mit Ausdauerlauf) zurück zur Schule oder nach Hause. Am Fuße des Viadukts herrscht eine besondere Atmosphäre. Man wähnt sich an einem Kraftort. Da ist dieser ruhende Blick über die Lausitzer Neiße, die hier in ihrem Bett zu verweilen scheint. Und diese sagenhafte Stille, obwohl sich nur wenige Gehminuten weiter, die Tore zur Stadt öffnen. Nur das leise Geräusch vorüberziehender Drahtesel unterbricht kurz diese Stille. Langsam gehe ich wieder die Stufen nach oben, blicke noch einmal zurück und weiß zu schätzen, wie wunderschön doch meine Heimat ist.

Doch zurück zum Viadukt als Bauwerk

Mit dem Anschluss an das preußische und an das sächsische Eisenbahnnetz bekam die Görlitzer Wirtschaft nachhaltige Impulse. Der Eisenbahnverkehr begann mit dem 1. September 1847. Der von 1844 bis 1847 errichtete Neiße-Viadukt gilt als eine Meisterleistung der Bauschaffenden und als ein kühnes, formschönes Denkmal des technischen Fortschritts.

Mit 31 Pfeilern und einer Länge von 475 Meter wuchs der Viadukt zu einer der ersten deutschen Eisenbahnbrücken dieser ungewöhnlichen Größe.

Das 1847 fertiggestellte neue Bahnhofsgebäude sollte für die folgenden 100 Jahre der Anlage von Neubauvierteln mit Wohnungen, Geschäften und Hotels die Richtung weisen. Damals lag es weit vor der Stadt. (Ihr seht es auf dem Foto, eine Lithographie um 1848).

Vollbracht ist nun das Werk der Macht, der Macht vereinter Volkeskraft

Dazu berichtet der Görlitzer Anzeiger am 2.9. 1847:“Donnerstag, den 26. August, abends 6 Uhr langte die erste Lokomotive der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn auf dem Bahnhof allhier an. Von den beiden Türmen des Empfang-Gebäudes wehten Flaggen in den preußischen und sächsischen Landesfarben.

Mittwoch, den 1. September wurde beide Bahnen, die Niederschlesisch-Märkische und die Sächsisch-Schlesische, dem Publikum übergeben.

Von der Stadt Görlitz wurde dieser denkwürdige Tag der Eröffnung beider hier sich einenden Bahnen mit einem Mittagsmahl gefeiert, wozu die beiderseitigen Gesellschaftsdirektoren und die Oberbeamten geladen waren.

Vollbracht ist nun das Werk der Macht, der Macht vereinter Volkeskraft. Die Kraft der Eintracht hat’s vollbracht, die Großes will und Wunder schafft. Und allem Guten soll es dienen, und allem Edlen sei’s geweiht: Befestigt sei mit Eisenschienen des ew’gen Friedens goldne Zeit“!

Eine erhabene Schönheit – ein Riesenkörper aus rötlichem Granit

Zuvor schreibt der Görlitzer Anzeiger am 26.8.1847: „Der Viadukt stellt sich, nachdem er gänzlich vollendet ist und von seinen umhüllenden Gerüsten nach und nach befreit wird, in seiner großartig erhabenen Schönheit immer mehr dem Auge dar. Den Riesenkörper von rötlichem Granit krönt auf das zierlichste das Geländer von weißem Sandstein., und das letztere verleiht dem massenhaften und schweren Bogenbau eine dem Auge überaus angenehme anmutige Leichtigkeit, welche zu dem Erhabenen das Schöne auf das glücklichste fügt. … wie hoch übrigens die Technik in unserer Zeit gestiegen, haben wir bei unseren Eisenbahnbauten zu bewundern viel Gelegenheit gehabt. … Am Empfangsgebäude des Bahnhofs…, bewundern wir eine prächtige Vorhalle mit einem Überbau von Gußeisen im deutschen Stile…

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Da ich zu dem Zeitpunkt nicht vor Ort war, was meinem Alter geschuldet ist, muss ich auf entsprechende Quellen zurückgreifen. 😀

Hauptquelle: Schriftenreihe zu „Görlitz zwischen Biedermeier und Märzrevolution“, Herausgeber: Städtische Kunstsammlungen / Heft 19 /1. Auflage 1984

Auf den Bildern seht ihr: Bauarbeiten am Viadukt (eine Presse-Illustration) sowie eine Lithographie von E. Sachse um 1848

Historische Fotoarbeiten: Werner Hahn, Volkmar Pache, Beatrix Glaubitz, Christel Wagner.

Die Farbfotos sind privat, und stammen aus dem letzten Jahr, aufgenommen an einem Tag im Spätsommer.


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