Gestern hüpfte er mich quasi an, ein Kommentar unter einem Post zur Geschichte Deutschlands – zu unserer Geschichte. Und es trat wieder das zutage, was oft auch sprachlos macht: Die meisten kennen nur die Geschichte nach 1933, und auch die nur in ihrer überlieferten (oft gefälschten) Version. Man kann dieses Unwissen den Menschen noch nicht einmal übelnehmen.

„Der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet“ erklärte einst Friedrich Schlegel (1772-1829). Davon tummelt sich bis heute eine große Zahl in unseren Schulen, Hochschulen und Universitäten.
Friedrich Gottlob Klopstock (1724-1803) machte Hoffnung mit seinen Worten: „Aber die Geschichte wird schon zu ihrer Zeit aufstehen und reden. Und wenn sie geredet hat, so kommt alles vorangegangene Geschwätz nicht mehr in Betracht.“
Nun ja, diese Zeit ist längst überfällig, aber auch hier gilt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“
Den wohl entscheidendsten Satz bildete Goethe: „Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst Geschichte erlebt hat.“
Orientieren wir uns also weiter an den Erlebnisberichten, trotzen wir der Propaganda und den ständigen Versuchen der Herrschenden, die Wahrheit zu vertuschen.
In dem Sinne verbleibe ich mit Schiller:
„Strauchelt der Gute und fällt der Gerechte, dann jubilieren die höllischen Mächte.“
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Auch wenn sich die Epochen über Jahrhunderte hinweg nahezu gleichen (das menschliche Verhalten betreffend), lohnt hin und wieder der Blick auf eine Zusammenfassung des Dilemmas:
AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.
Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.
Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.
Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen.
Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.
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Immanuel Kant – 1724 bis 1804, Philosoph in Königsberg. Wir veröffentlichen den Text nach dem Original. Er erschien zuerst unter dem Titel: »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?« in: »Berlinische Monatsschrift«, DezemberHeft 1784, S. 481-494.