Immer wieder schön: Der Blick in unsere Sagenwelt

Aus dem Alwislied (Götterlied der Edda) – ein rhetorischer Wettstreit zwischen Thor (Sohn Odins) und Alwis (Zwerg, Widersacher Thors).

Einst schlug Thor einen dichterischen Wettstreit vor. Der Wettstreit endet mit dem Tod des Zwerges.

Zu Anfang kehrt Alwis bei Thor ein. Beide sind einander äußerlich unbekannt. Auf Nachfrage erklärt Alwis dem überraschten Thor, dass er sich während der Abwesenheit des Asen heimlich mit dessen Tochter verlobt hat und seine angedachte Braut nun in ihr zukünftiges Heim begleiten möchte.

Thors Wille ist es, die Hochzeit zu verhindern. Er erklärt die Verlobung für ungültig, da seiner Ansicht nach die Zustimmung des Vaters (d. h. seine eigene) notwendig ist. Alwis macht deutlich, dass er sich damit nicht zufriedengibt, und bekräftigt seinen Willen, die Tochter des Asen zu heiraten.

Als Kompromiss schlägt Thor einen dichterischen Wettstreit vor: Alwis muss dem Gott sein Wissen über dichterische Vokabeln, deren Synonyme und Anwendungsbereiche bei den verschiedenen Völkern der nordischen Mythologie darlegen.

So fragt Thor in der neunten Strophe des Alwisliedes, welches Wort die anderen Völker für „Erde“ gebrauchen, und Alwis gibt zur Antwort:

So sage mir, Alwis, da alle Wesen,
Kluger Zwerg, du erkennst,
Wie heißt die Erde, die allernährende,
In den Welten allen?

Erde den Menschen, den Asen Feld,
Die Wanen nennen sie Weg,
Allgrün die Joten, die Alfen Wachstum,
Lehm heißen sie höhere Mächte.

Nach insgesamt zwölf weiteren Fragen erscheinen die ersten Sonnenstrahlen und Alwis erstarrt zu Stein.

Thor erweist Alwis seinen Respekt für dessen umfangreiches Wissen, gesteht aber gleichzeitig ein, mit Hinterlist gehandelt und die Versteinerung des Zwerges wissentlich herbeigeführt zu haben, indem er den Ausgang des Wettstreites absichtlich verzögerte.

Quelle: übernommen aus Heldenlieder der Edda Felix Genzmer (1969)

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Wenn es auch den meisten unter uns längst bekannt ist:

Der Name „Edda“ bedeutet „Urgroßmutter“ und weist damit auf die uralte mündliche Überlieferung der Mythen und Heldenlieder hin. Die Auswahl der in die Edda aufgenommenen Heldensagen war nicht willkürlich, sondern hängt einmal von den Liedsängern ab, von denen Sæmundur die Lieder erfuhr, unter denen sich auch Sänger aus Deutschland befanden, sodass die deutsche Nibelungensage, Gudrunsage und Wielandsage, im Vordergrund stand.  

In gleicher Weise hat man den Jahreskreis mit Geschehnissen in den Göttermythen verbunden, wie noch der Name „Baldrs böl“ (Baldrs Verbrennung) für das Mitsommerfeuere in Schweden zeigte, oder die Widergeburt des Ebers (und damit Ebergottes Yngvi-Freyr) zur Wintersonnenwende.

Doch darf man wohl festhalten, dass die Sagenauswahl insgesamt einem Gedanken folgt – einem Jahreskreis, der auf die Helden gelegt ist: Zur Wintersonnenwende wird der Held und heldische Lichtergott geboren, zu Fasnacht bekämpft er den Winterdrachen Fafnir und erringt die goldene Saat, zur Frühlingsgleiche erweckt er die schlafende Frühlingserde Brynhild, im Mai aber heiratet er die erblühte Sommererde Gudrun, und unser Held wird durch den finsteren Högni zur Sommersonnenwende unvermutet getötet, ähnlich wie der Lichtergott Baldur zur Sommersonnenwende vom Dunnkelgott Hödr durch den Mistelpfeil getötet wird.

Quelle: „Heldenlieder der Edda“ Herausgeber Baron Arpad und Nahodyl Nemenyi /Altheidnische Schriften /Books en Demand GmbH


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