Bederkesa, Fallward, Feddersen Wierde– auf der Suche nach Identitäten: Volk, Stamm und Kultur

Auf dieser Reise befinden wir uns in der Nähe altsächsischer Grabhügel, inmitten einer der ältesten germanischen Siedlungen, nahe dem Moor und einer Burg, die wertvolle Funde bewahrt. Vielleicht sind es magere Reste, und doch von großer Bedeutung. Wir haben uns auf den Weg gemacht.

Altsachsen – ein Streifzug durch die Frühgeschichte

Die westliche Küstenregion im heutigen Schleswig-Holstein gilt historisch als Keimzelle des sächsischen Stammes und ist auch für die sächsischen Expansionen nach England und auf den Kontinent wichtig.

Westlich der alten Marschregion, liegt angrenzend und nahezu halbkreisförmig um Sievern /Holßel angeordnet, eine Kette von Wurtensiedlungen, darunter die Feddersen Wierde und die Fallward bei Wremen. Letztere ist besonders hervorzuheben, weil zu ihr ein Gräberfeld mit Urnen- und Körperbestattungen gehörte. Neben ungewöhnlichen Grabkonstruktionen (unter anderem ein Bootsgrab) enthielt es auch einzigartige Holzobjekte mit Kerbschnittdekor der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts u. Z.

Vorweg gebe ich eine Einschätzung zu den gewonnenen Eindrücken der Funde bei Bederkesa: Ich kenne Xanten mit seinem Archäologischen Park und dem riesigen Museum sehr gut – dort findet man einiges über die Römer, gewiss hochinteressant.

Aber das, was ich heute, hier in und rund um Bederkesa gesehen und erfahren habe, finde ich tatsächlich beeindruckender. Vielleicht weil es unsere Geschichte widerspiegelt, weil es das ist, was uns ausmacht. Weil es unser kulturelles Erbe ist.

Der Thron aus der Marsch ist der Nachweis von sogenannten Klotzstühlen wie sie auf der Fallward zur Ausgrabung kamen. In dem Fall ist es ein reich beschnitzter Klotzstuhl, er gehört zu den bekanntesten Stücken.

Doch wo liegt eigentlich dieses Bederkesa?

Der Ort liegt inmitten des Elbe-Weser-Dreiecks. Hier erleben wir gut 100 000 Jahre Geschichte, angefangen bei den Neandertalern in der Altsteinzeit über seltene Möbel der Sachsen bis zur Errichtung der Burgen im Mittelalter.

Gleich drei Ausstellungen belegen eine reiche Kulturlandschaft zwischen Geest, Marsch, Moor und Wattenmeer – vier unterschiedliche Landschaftsformen, die den Menschen prägte und vom Menschen geprägt worden sind.

Unsere Wanderung durch das Dorumer Moor – einfach fabelhaft!

Mal abgesehen von der mächtigen historischen Bedeutung der Region, ist es hier traumhaft schön. Auf knapp 10 Kilometer Wegstrecke sind uns zudem gerade mal fünf Seelen begegnet. Davon eine Pferdekutsche mit drei Menschlein. Wenn man sich auf das Wesentliche im Leben besinnen möchte, ist man hier goldrichtig. Ein Kraftort am Moor vor den Grabhügeln unserer Vorfahren. Eine fabelhafte Atmosphäre und später unser Wissen bestätigt, wie weit fortgeschritten die Germanen waren. Nur mag man das lieber nicht an die „große Glocke“ hängen. Und so bleibt dieser Ort noch vielen unbekannt.

Ihr seht nur eine kleine Ausbeute – rund um Bederkesa, bei Sievern, am Dorumer Moor, Feddersen Wierde. Der tatsächliche Blick auf die Hügel lässt sich über Fotos nur schwer darstellen.

Doch zurück zu den Funden

Wir entdecken die Replik eines Dolches aus Wanna. Dieser aus einem Grabhügel stammende Vollgriffdolch zählt zu den prunkvollsten Metallfunden der Bronzezeit aus der Region. Das Original befindet sich im Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover.

Auch das ausgestellte Gewebe aus Schafwolle in einer Kombination aus Diamant – und Spitzkarokörper erfährt Aufmerksamkeit. Die Gewebebindung erzeugt eine auffällige Ornamentik. Farbstoffanalysen konnten belegen, dass die heute dunkelbraun wirkenden Fäden ursprünglich eine leuchtend blaue Farbe besaßen. Gefärbt wurden die Fäden mit Färberwald, einer damals bereits in Gebieten des heutigen Nordwestdeutschlands kultivierten Färberpflanze. (Datierung etwa Mitte des 1. Jahrhunderts.)

Am Beispiel der Wurt „Feddersen Wierde“ bei Wremen konnten wir erleben wie die Marschbewohner im ersten Jahrhundert v. u. Z. bis in das sechste Jahrhundert u. Z. gelebt, Häuser gebaut und produziert haben.

Auch das Bestattungsritual des germanischen Volkes hinterlässt bemerkenswerte Eindrücke

So möchte ich an dieser Stelle explizit auf die Achtung und Ehrung der Toten eingehen und auf die damit verbundenen Bestattungsrituale.

Auf den Bildern seht ihr Teile der Grabausstattungen, wie die eines jungen Mädchens und eines Mannes aus dem 5. Jahrhundert. Das Grab eines Kindes fand man nur wenige Meter von dem Bootsgrab entfernt. Es gehört zu den aufwendig ausgestatteten Gräbern der Fallward. Beigesetzt war das Mädchen in einem gut erhaltenen Sarg.

An den Sarg angelehnt fand sich der kleine Hocker, der aus einem Baumstamm gefertigt ist. Die habkreisförmigen Aussparungen ähneln dem „Thron“ aus dem Bootsgrab.

Unter weitere Ausstattungen des Grabes fallen eine aufwendige Tracht, ein großer Goldring, zahlreiche Perlen sowie Fibeln als Gewandschließen.

Ihr seht auch Spaltbohlen aus dem Mädchengrab. Die Hölzer lagen wie ein Andreaskreuz über der Grabkammer.

Die Achtung und Ehrung der Toten stellt sich mit der anhebenden Kultur überall ein. Auch in Altgermanien war sie vorhanden. In der vorhistorischen Zeit scheint das Vergraben der Leichname die üblichere Art der Bestattung gewesen zu sein, wie sie später, nach der Bekehrung unserer Ahnen zum Christentum, die ausschließliche wurde. Beim Beginne der geschichtlichen Zeit erscheint das Verbrennen der Toten als die herrschende Sitte. Die älteste historische Bezeugung gibt Tacitus in der Germania.

»Mit den Toten machen sie nicht viele Umstände. Doch wird darauf gehalten, daß zur Verbrennung der Leichname vornehmer Männer gewisse Arten von Holz verwendet werden. Gewänder und Spezereien werden nicht auf den Holzstoß getan, wohl aber die Waffen des Mannes und mitunter auch sein Roß. Ein Rasenhügel markiert die Grabstätte der Asche. Vom mühsamen Auftürmen stattlicher Denkmäler wollen sie nichts wissen; solche, meinen sie, beschwerten nur die Toten. Wehklagen und Tränen lassen sie bald, nicht aber das Leid und die Trauer.

Die Gräber wurden mit reichen Beigaben aus organischen Materialien bedacht, für einen guten Start im nächsten Leben.

Lassen wir die Bilder sprechen:

Was für ein wundervoller und ereignisreicher Tag. Die Eindrücke sind mächtig und wirken nachhaltig.

Der Abend bricht an: Wir schreiben den 30. April. Viele Menschen finden sich heute zusammen, um zu feiern. Doch was feiern wir da eigentlich? Walpurgis/Beltane war das Siegfest der Sonne im Jahreskreis. Ein Freudenfest des Lebens, der Fruchtbarkeit, der Vereinigung der Zeugung und des Sieges des Sommers über den Winter.

Jeder genießt und feiert diesen Übergang auf seine Weise.

Wir stehen mit unserem Wohnmobil im Wald, auf einem kleinen, unscheinbaren Parkplatz vor einer Lichtung und genießen die Natur in ihrer Stille, verinnerlichen das Erlebte und lauschen dem Flüstern der Bäume nach.

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Quelle:

  • Flyer des Museums Bederkesa
  • Verschiedene Ausstellungsobjekte des Museums Bederkesa als private Aufnahmen
  • Textauszüge aus dem Ersten Kapitel – die Vorzeit (Weltgeschichte von Ullstein & Co Berlin)
  • Quelle:
  • Die Bilder sind private Aufnahmen aus dem Museum Bederkesa.
  • Einzelne Textstellen, beruhen auf den jeweiligen Informationen mit entsprechen Info-Tafeln des Museums.

2 Antworten zu “Bederkesa, Fallward, Feddersen Wierde– auf der Suche nach Identitäten: Volk, Stamm und Kultur”

    • Hallo Ulrike, das freut mich sehr. Eine Reise dahin lohnt unbedingt. Schön, dass ich inspirieren konnte. Und schwupps habe ich deine Seite abonniert, Ebenfalls sehr spannend. Liebe Grüße Klara

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