Staraya Alt Ladoga, ein hübscher verschlafener Ort an einer Biegung des Wolchow-Flusses, war möglicherweise die älteste Siedlung des alten Russlands. Hier hat Rurik, der Wikingerfürst, 862 die erste hölzerne Festung erbaut, und von hier aus Russland erobert und beherrscht.

Blättern wir im Geschichtsbuch noch einmal kurz zurück (ab etwa 879): Alle späteren Großfürsten und Fürsten stammten von Rurik und seinen Brüdern Sineus und Truwer ab. Die germanischen Namen wurden später slawisiert – z. Bsp.: aus Helga wurde Olga, aus Johann Ivan
Die Nachkommen der Ruriks regierten bis 1598.
Letzte Rurikiden:
- Ivan III. 1462-1505
- Wassili 1505-1533
- Ivan IV 1533-1584
- Fjodor 1584-1598 – mit ihm erlosch die Dynastie der Rurikiden.
Erwähnenswert ist, dass Rurik Alt Ladoga zu seiner Hauptstadt machte. Alt Ladoga liegt am Südufer des Ladogasees. Festungen, Kirchen und Ruinen erinnern noch an den Glanz der Ruriker. Das Gebiet ist touristisch nicht erschlossen, aber es gibt Museen dort und sowohl die hölzerne als auch steinerne Festung wurde restauriert.
Nach einigen Jahren der Wirren, begann 1613 die Dynastie der Romanows. Anastasia kam aus einem ehemaligen Fürstenhaus der Ruriker.
Gewiss ist es für einen nationalbewussten Russen wenig erfreulich zu lesen, das der Chronist Nestor aus dem Jahre 862 über das Treiben ihrer slawischen Vorfahren berichtete: „Da war keine Gerechtigkeit unter ihnen, und es erhob sich Stamm gegen Stamm, und Zwistigkeiten waren unter ihnen, und sie huben an, selbst einander zu bekriegen. Schließlich sprachen sie bei sich: ‚Lasset uns einen Fürsten suchen, welcher uns regiere und gerecht über uns richte.‘ Dann gingen sie übers Meer zu den Warägern, zu den Rus .
Das schrieb der geheimnisvolle Mönch Nestor Anfang des 12. Jahrhunderts, im Höhlenkloster zu Kiew und er nannte es „Erzählung von den vergangenen Jahren“.
Im 20. Jahrhundert allerdings zeitigte diese Chronik ungeahnte Folgen. Ihretwegen verloren sowjetische Professoren den Lehrstuhl und wurden in den Gulag verschleppt.
Und so muss es sich wohl zugetragen haben: Um 820 kamen von Südschweden und von der Insel Gotland her germanische Krieger und Händler, die sich Vaeringjar (Gefolgsleute) oder Waräger nannten. Sie bildeten einen Teil der allgemeinen normannischen Expansion, die sich bis in den Mittelmeerraum erstreckte. Ihr geschlossenes Auftreten imponierte den notorisch zerstrittenen Stämmen Nordrusslands offenbar. Im Jahre 862 kam laut Nestor eine Delegation von Slawen und Finnen zu dem Warägerhäuptling Hrørikr (berühmter Herrscher), den sie „Rurik“ oder „Rjurik“ nannten.
Die vornehmsten russischen Fürstengeschlechter (Obolenski, Dolgoruki, Gortschakow, Wolkonski, Lwow, Gagarin, Schuiskij und Tatischtschew) führten ihre Ahnenreihe auf den Stammvater Rurik zurück und waren sehr stolz darauf.

Unter Stalin
Doch das änderte sich während Stalins Terrorherrschaft seit den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Der Diktator ersetzte ab 1936 die bisher geltende Ideologie eines „proletarischen Internationalismus“ durch großrussischen Chauvinismus.
Demnach war es unerträglich, die Gründung des russischen Reiches in Gestalt der Kiewer Rus als eine Leistung von Fremden – noch dazu von Germanen – zu akzeptieren.
Stattdessen schrieb der kommunistische Staat vor, die Bildung der Rus sei als selbstständige slawische Leistung besonders herauszustellen. „Der Streit hängt damit zusammen, dass immer wieder versucht wurde, die Bildung des Kiewer Reiches als eine eigenständige slawische und nicht als eine vorrangig von außen, von den Warägern betriebene Entwicklung anzusehen“, schreibt der Osteuropa-Historiker Heiko Haumann in seiner „Geschichte Russlands“.
Stalin persönlich ordnete an, die Nestor-Chronik als Fälschung abzuwerten. Rurik und seine Nachfolger seien lediglich Sagengestalten, erdichtet von einer prodeutschen Historiografie. In den sowjetischen Geschichtsbüchern war fortan zu lesen, die Waräger „übten keinen nennenswerten Einfluss auf die Gesellschaftsordnung und die Kultur der Rus aus“
Sowjetische Geschichtswissenschaftler, die aufgrund archäologischer Befunde die Stichhaltigkeit der Nestor-Chronik nachgewiesen hatten, verloren ihren Lehrstuhl und erhielten Publikationsverbot. Einige von ihnen wurden sogar in die Lager des Gulag eingeliefert. Bis in die Gegenwart hat diese „antinormannistische“ Doktrin im Russland von Wladimir Putin Konjunktur.
—————————
Quelle:
Weltgeschichte Ullstein & Co Berlin
Welt Artikel von Journalist Jan von Flocken