Alles über Lügen, Lügendichtung, nordische Prahlereien, festliches Männergeschwätz oder auch Spieltrieb des Geistes

Nach Huizinga, einem niederländischen Kulturhistoriker, muss die Lügendichtung schon früh in der Geschichte aufgetreten sein: „Die Sucht nach einem staunenerregenden Effekt durch grenzenlose Übertreibung oder Verwirrung von Ausmaßen und Verhältnissen muss m. E. muss niemals als vollkommen ernsthaft aufgefasst werden, gleichviel, ob wir si in Mythen oder in rein literarischem, aber echt kindlichen Phantasieerzeugnissen antreffen. In allen diesen Fällen hat man es mit demselben Spieltrieb des Geistes zu tun.“
Historisch betrachtet, können Lügen auch mythologische Rätsel sein, die nur zu lösen vermochte, wer mit einem bestimmten Geheimwissen vertraut war.
Was sagt uns das? Auch Lügen sind eine Sache der Auslegung. Man könnte die Lüge auch so definieren: Man lügt der Lüge wegen, um zu lügen und belügt, um sich über die Lüge zu retten.
Im Märchen rettet sich der Spitzbube mit einer Lüge vor dem Galgen, der beste Lügner erhält die Königstochter zur Frau und das halbe Königreich dazu
Jedoch die Lügen, die wir erfahren, sind keinem Märchenbuch entsprungen oder gleichen einer fantasievollen Unsinns Geschichte. Nein. Die Lügen, die man uns täglich auftischt, haben System!
Bei der „Verkehrten Welt“ und dem „Schlaraffenland“ kommt System in den Unsinn, der sich von der Antike bis in das 21.Jahrhundert hineinverfolgen lässt. Alle Gattungen des Widersinnigen laufen hier bunt durcheinander, rennen sich an und verschlingen sich.
Diese Art Lügen sind nicht neu, nur dem Wissen der Bevölkerung entsprechend neu aufgelegt.
Der grünenden Jugend überflüssiger Gedanken ähnlich der Geistesverwirrung waren sich schon Dichter aus der Vergangenheit bewusst.
Selbst logisch richtige ‚Sätze können sich aus einem naiven Staunen über die Möglichkeiten der Sprache in Scheinunsinn verwandeln, wie im Gespräch zwischen Vater und Kind: „War heute gestern morgen?“ – Vater: Ja, so wie heute morgen gestern sein wird.“
Über systematisierte Lügen erhebt man das Versprechen zum Gesetz. Wer es im Spiel korrigiert, wird bestraft!
Mit diesem Wissen lässt sich so manches Auftreten mancher Leute durchaus erklären.
Die Lügen von damals und heute sind und bleiben eine Aneinanderreihung und Häufung von Unmöglichkeiten, Verkehrtheiten und Widersprüchen, Aufhebung und Verleugnung der Wirklichkeit und natürlichen Ordnung der Dinge.
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Quelle: Dichtung als Spiel – eine Studie zur Unsinnspoesie / An den Grenzen der Sprache, Alfred Liede (1963)