Immer, wenn ich den Versuch unternehme, herauszufinden, was beim Deutschen aus der „Reihe“ läuft, warum er so ist wie er ist, warum er den unvorteilhaften Hang zum Nachahmen nicht verlassen kann, und aus bloßer Pedanterie knechtisch zu sein scheint, erinnere ich mich an die Deutung Immanuel Kants, betreffend deutscher Charakterzüge. Wie schon oft erwähnt, besteht dieses deutsche Phänomen der geringen Meinung von sich, original sein zu können (was gerade das Gegenteil des trotzigen Engländers ist) über Jahrhunderte hinweg. Es macht wohl einen Teil der Eigentümlichkeit des Deutschen aus.

Doch wann haben sich die eher nachteiligen Charakterzüge gefestigt?
Hängt es möglicherweise mit der (ehemaligen) Form der Reichsfassung Deutschlands zusammen?
Immanuel Kant schreibt dazu: Neben seinem unvorteilhaften Hang zum Nachahmen und der geringen Meinung von sich, original sein zu können, zeigt der Deutsche vornehmlich eine gewisse Methodensucht sich mit den übrigen Staatsbürgern nicht etwa nach einem Prinzip der Annäherung zur Gleichheit, sondern nach Stufen des Vorzugs und einer Rangordnung peinlich klassifizieren zu lassen, und in diesem Schema des Ranges, in Erfindung der Titel (von Edlen und Hochedlen, Wohl- und Hochwohlgeborenen) unerschöpflich und so aus bloßer Pedanterie knechtisch zu sein, welches alles freilich wohl der Form der Reichsfassung zugerechnet werden mag. Und doch muss man bemerken, dass das Entstehen dieser pedantischen Form selber aus dem Geiste der Nation und dem natürlichen Hange des Deutschen hervorgehe. Nämlich zwischen dem, der herrschen, bis zu dem der gehorchen soll, eine Leiter anzulegen, woran jede Sprosse mit dem Grade des Ansehens bezeichnet wird, der ihr gebührt. Aber auch darüber, wer keinen Titel hat, nicht ist, welches denn dem Staate, der diesen erteilt, freilich was einbringt. Der Deutsche fügt sich unter allen zivilisierten Völkern am leichtesten und dauerhaftesten der Regierung, unter der er ist.
Die guten Charakterzüge überwiegen – das macht Hoffnung!
Kant beginnt seine Ausführung zum Charakter der Deutschen mit den Worten:
Die Deutschen stehen im Ruf eines guten Charakters, nämlich dem der Ehrlichkeit und Häuslichkeit, Eigenschaften, die eben nicht zum Glänzen geeignet sind. Er ist dabei der Mann von allen Ländern und Klimaten. Er wandert leicht aus und ist an sein Vaterland nicht leidenschaftlich gefesselt. Doch wenn er in fremde Länder als Kolonist kommt, da schließt er bald mit seinen Landsleuten eine Art von bürgerlichem Verein, der dich durch Einheit der Sprache und unter der höheren Obrigkeit in einer ruhigen sittlichen Verfassung durch Fleiß, Reinlichkeit und Sparsamkeit vor den Ansiedlern anderer Völker vorzüglich auszeichnet – So lautet das Lob, welches selbst Engländer den Deutschen in Nordamerika geben.
Darüber hinaus ist da dieses Phlegma (in gutem Sinne genommen), das Temperament der kalten Überlegung und der Ausharrung in Verfolgung seines Zwecks und zugleich das Aushalten der damit verbundenen Beschwerlichkeiten. So zehrt der Deutsche von den Talenten eines richtigen Verstandes und seiner tief nachdenkenden Vernunft.
Wie schon Tacitus in „Germania“ den Deutschen gesunden Verstandestalent zuordnet, erkennt Kant diesen, verbunden mit Fleiß, ebenfalls – dieses sein Charakter im Umgange ist Bescheidenheit. Er lernt mehr als jedes andere Volk fremde Sprachen (wie Robertson sich ausdrückt), ist Großhändler der Gelehrsamkeit, und kommt im Felde der Wissenschaft zuerst auf manche Spuren.
Er diszipliniert seine Kinder zur Sittsamkeit mit Strenge, wie er dann auch seinem Hange zur Ordnung und Regel gemäß, sich eher despotisieren (autorisieren) als sich auf Neuerungen (betreffend eigenmächtige Reformen in der Regierung) einlassen wird – das ist eine gute Sache!
Auszug aus „Charakter der Deutschen“ 1798, leicht abgewandelt
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Infotafel zu Immanuel Kant
Die vier Kantischen Fragen:
„Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?“
Kant hat ein sehr hohes Alter erreicht, und ist nie aus Königsberg herausgekommen. Unter den Eisschollen des Nordens hat er sein ganzes Leben damit zugebracht, über die Gesetze des menschlichen Geistes zu denken. Vermöge eines unermüdlichen Eifers hat er Kenntnisse aller Art erworben. Die Wissenschaften, die Sprachen, die Literatur, alles war ihm geläufig; und ohne den Ruhm zu suchen, den er erst sehr spät genoß – denn erst im hohen Alter vernahm er den Widerhall seines berühmten Namens –, begnügte er sich mit dem stillen Vergnügen des Nachgrübelns. In seiner Einsamkeit betrachtete er seine Seele mit Andacht. Die Erforschung des Gedankens gab ihm neue Kräfte zur Unterstützung der Tugend; und obgleich er mit den glühenden Leidenschaften der Menschen nie etwas zu schaffen hatte: so hat er doch Waffen für die geschmiedet, die zur Bekämpfung derselben berufen sein können.
(Quelle: projekt-gutenberg.org/stael/deutschl)