Ein besonderer Tag, ein Tag, der sich über das ganze Jahr erstrecken sollte.
Dazu habe ich vor wenigen Tagen bereits berichtet. Nun fällt mir in diesem Zusammenhang noch eine schöne Erzählung ein.

Frigg, Odins rechtmässige Gemahlin, der Hera-Juno entsprechend, ist die Göttin der Ehe, des heiligen Herdes, des ehelichen Hauses, der ehehäuslichen Wirtschaft; sie ist das Urbild der germanischen Hausfrau, mit deren ernsten Pflichten und stolzen Rechten. Daher ist sie die Lehrerin und Beschirmerin des Spinnens, daher führt sie am Gürtel die Schlüssel als Zeichen ihrer Schlüsselgewalt, d.h. der Leitung des Hausstandes.
In der nordischen Mythologie zeugte Frigga mit Odin die Götter Balder, Hödur, Hermodr, Bragi und die Walküren. In Asgard ist Fensal, der Sumpfsaal, als ihr Wohnsitz überliefert. Sie soll die Wolken gewebt haben, dies lässt eine Assoziation, zur heutigen “Frau Holle” zu. Außerdem hieß es, dass Frigg auf einem goldenen Wagen einhergefahren sein soll, welcher mit zwei weißen Katzen bespannt ist. An anderer Stelle sind es Luchse, hier schwanken die Überlieferungen.
Wie Hera-Juno ist sie – freilich nicht immer ohne Grund; der wärmste Freund Odin-Wotans muss ihr das einräumen! – oft recht eifersüchtig auf ihren Gemahl. Dass er vermöge seiner Naturgrundlage und vermöge seiner verschiedenen geistigen Aufgaben von der Göttersage gar manche Frau und Freundin außer Frigga zugedichtet erhalten muss; – diese Notwendigkeit einzusehen hat Frau Frigga niemals über ihr Frauenherz gebracht.
Friggs Vater heisst Fiörgyn, weil sie ursprünglich mit der Erdgöttin Jörd, dessen Tochter, identisch war; ihre Halle heißt Fensal, was auf Sumpf und Meer deutet.
Als Spinnerin lebt Frigg bis heute im Glauben des Volkes fort; die drei Sterne, welche den Gürtel des Sternbildes Orion bilden, heißen „Friggs Rocken“. Bei den Bayern und Schwaben geht sie heute noch um als Berchtfrau, Frau Bercht, d.h. Berahta, die Glänzende, wie die Sage die Mutter Karls des Großen Bertha die Spinnerin
Die Bercht-Frau ist die leuchtende Frau; wir sahen, sie ist in glänzend Leinen-Weiss gekleidet; so ist es denn Frigg, welche als „weiße Frau“ heute noch in vielen Schlössern umgeht und als Ahnfrau gar manches Fürstengeschlechts.
Mit liebenswürdigem Scherz und tiefer Menschenkenntnis verwertet die Sage die alte Wahrheit, dass auch dem gewaltigsten Mannesgeist Frauenlist, zumal dem Ehegemahl gegenüber die Klugheit der Ehefrau, überlegen ist. Besonders wirksam muss dies hervortreten, wenn es kein geringerer ist als der oberste der Götter, der geistgewaltige Odin selbst, an dem diese alte Erfahrung sich bewährt; er, der alle andern Wesen zu überlisten pflegt, durch seiner Runen, durch seiner tiefgründigen Gedanken Weisheit, – er muss sich durch Frau Frigg überlisten lassen; ganz wie andre gewöhnliche Eheherren auch.
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Quelle: Felix Dahn und Therese Dahn „Wahlhall“
Foto aus Germanitaosthalia