„Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern“.

Das tue ich unaufhörlich und bin darüber auf die Schriften des Gervinus gestoßen.

Selbstverständlich lässt es sich nicht 1:1 übernehmen. Doch darum soll es nicht gehen. Vielmehr ist es das Wissen und die Bestätigung dazu, dass das, was wir erleben nicht „Neu“ ist.

Aber lest selbst.

Zunächst ein Blick in die Presseberichte des Jahres 1853 nach Erscheinung des Werks „Einleitung in die deutsche Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts“:

Sonnabend, den 8. Januar 1853
In Gervinus gelesen, mit großer Befriedigung…
Das Buch von Gervinus ist in Heidelberg schon polizeilich weggenommen und soll als hochverrätherisch angeklagt werden.

Darin finden sich Aussagen wie: „Blinder Regierungsp.öbel, dum.me Bea.mtenrotte! Die Wahrheiten glauben sie unterdrücken zu können!

Donnerstag, den 13. Januar 1853
Die Neue Preußische Zeitung ist ganz entsetzt über die sich kundgebende Demokratie, die Anzeige von Berends und Bathow, die Schrift von Gervinus, sie schreit Lärm und Rache!

Die Sache von Gervinus erweckt große Theilnahme; man sieht in ihr alle freie historische Forschung und Aeußerung bedroht

Sonnabend, den 5. Februar 1853
Nun haben sie auch in Leipzig die Schrift von Gervinus verboten!

Mittwoch, den 9. März 1853
Gervinus ist vom Hofgericht zu Mannheim nicht des Hochverrathes, aber der Stiftung von Unruhe schuldig befunden und zu zweieinhalbmonatlicher Festungsstrafe verurtheilt worden, auch in die Kosten, und die Schrift soll vernichtet werden!

Donnerstag, den 17. März 1853
Nun ist die Schrift von Gervinus auch in Köln verboten, und sogar in Berlin selbst. Man hat aufgehört sich zu schämen.

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Doch worüber hat er eigentlich geschrieben?  Wie kam es zu einem solchen Sturm der Entrüstung unter Androhung empfindlicher Strafen?

Hier findet ihr einen Auszug aus seinem Werk: „Einleitung in die deutsche Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts“ Georg Gottfried Gervinus

Ich habe versucht, die wichtigsten Passagen zu entnehmen.

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„Deutschland“  (Georg Gottfried Gervinus 1853)

„Ganz eben so zweifelnd blickt man aus dem Stande der deutschen Dinge in die Zukunft unseres Volkes. Deutschland ist seit seiner frühesten Geschichte immer seiner besten Kräfte beraubt worden. Es hat in der Völkerwanderung, in der Anpflanzung slawischer Länder, in Kreuzzügen, in Römerzügen seine rüstigsten Söhne massen – ja völkerweise ausgeschickt, und mit der Verjüngung der Welt seine eigene Erschöpfung gekauft.

Dieß dauert in den Auswanderungen gleichsam noch heute fort, in der kostbaren Ausfuhr von Geld und Menschen, die das Vaterland verarmt und schwächt.

So haben wir, als die Entdeckung Amerikas den Völkern neue Laufbahnen eröffnete, keinen Antheil mehr nehmen können an den äußeren Bewegungen der Welt. Unsere regsameren Grenzlände im Westen, Schweiz und Niederlande, fielen von uns ab, unsere Großmächte im Osten, Preußen und Österreich, stellten sich auf eigene Füße, der übrige, sieche, getheilte Körper blieb regungslos liegen, ein Spielwerk aller Rührigen und Thätigen.

Lage und Beschaffenheit des Landes war zu trefflich, als daß es nicht von jedem Mächtigen begehrt werden sollte. Und doch wurde es wieder eben deswegen Keimen zu festem und einheitlichen Besitze gegönnt. Es war zu wohl geeignet zur Entfaltung einer starken Macht, als daß nicht in jedem der Vereinigung günstigen Augenblicke alle Welt hätte sich gegen uns stellen sollen.

Unser Geschick schien das aller getheilten Nationen zu sein, daß wir wie Judäa, Griechenland, das neuere Italien ein weltbürgerliches Volk bilden und uns begnügen sollten mit den geistigen Wohltaten, die wir uns und der Menschheit bereitet hatten.

Wenn diese großen Züge unseres nationalen Lebens, die den Charakter des Volkes unwidersprechlich zeichnen, jede vaterländische Hoffnung in uns scheinen tilgen zu müssen, so stellt doch die rätselvolle Geschichte wieder ebenso große Züge einer anderen Art daneben, die diese Hoffnungen wieder stolz emporrichten.

Deutschlands Geschichte seit der Reformation hat den denselben regelmäßigen, nur langsamen Verlauf genommen, wie die Geschichte Englands und Frankreichs. (religiös, und die staatliche Freiheit betreffend).

Die angelsächsische Zeit des patriarchalischen Königsthums nannten wir reich und bedeutend wie keine andere; dürfen wir aber unsere deutsche Geschichte bis zu den ersten Hohenstaufern, solange die Kaisermacht noch etwas bedeutete, als die entsprechende Periode bezeichnen, so ist sie noch reicher, noch größer und ruhmvoller.

Wenn sich, wie auf die kaiserliche Periode die aristokratische, so auf die aristokratische Ordnung in Deutschland eine demokratische in derselben reinen Ablösung und Gestaltung ohne zu große und erschöpfende Zerrüttungen bilden kann, so wird Deutschland seine Geschichte mit neidwürdiger Sicherheit, und in einem gleichen Zuge bescheidener Großheit fortsetzen.“

Dies wir in dem geteilten und der Thätigkeit entwöhnten Volke, wenn es überhaupt möglich ist, nur langsam, unter Rückfällen und Täuschungen, schwerlich ohne fremde Hilfe und nicht ohne äußere Begünstigung der Zeiten und Verhältnisse geschehen.

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Quelle:

  • uni-heidelberg.de/fakultaeten/philosophie
  • Auszug aus „Einleitung in die deutsche Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts Georg Gottfried Gervinus
  • Zitat-Titel /Überschrift Theodor Fontane
  • Foto: private Aufnahme von einer Reise nach Goslar

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