Gestern kamen mir diese wunderschönen Zeilen (um 1900) der Schriftstellerin Maria von Ebner-Eschenbach unter.

„Mährische Heimat
„Ein besonders stiller Sonntagnachmittag im Sommer bei uns auf dem Lande. Aus dem Hause ist alles ausgeflogen, die Spatzen in den Dachrinnen einzig ausgenommen Im Garten herrscht die schönste Einsamkeit, lebendige, wonnige, atmende Ruhe. Feierlich breiten die Bäume ihre Zweige in die milde, regungslose Luft und trinken Sonnenschein.
Die Vögel haben sich müde gesungen, kein einziges Stimmchen wird laut. Ich gehe langsam in den Laubengängen und zwischen den Wiesen hin und kann den Fuß auf keine Stelle setzen, die nicht vor langer, langer Zeit, oder vor einer noch nicht so fernen, ein mir teurer Mensch betreten hat.
Sie alle haben den dankbaren, fruchtbaren Boden unserer Heimat geliebt, und wenn ich über ihn hinschreite, umgeben sie mich, die Erbin dieser Liebe, sie mir ins Dasein, ich ihnen in den Tod getreu. Die Erinnerung knüpft ihre feinen, starken Fäden, trägt mir liebe Bilder, liebe Worte zu. Auch manches begrabene Leid regt sich, ein Widerstreit erwacht. Aber nur der Schatten seiner selbst, ohne Härte und Herbigkeit.
Entschwundene Zeit! Erst das Heute lehrt, was in deinem Damals des Kampfes wert oder unwert war.“
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Die Geschichte zur Geschichte
„Im Garten herrscht die schönste Einsamkeit, lebendige, wonnige, atmende Ruhe. Feierlich breiten die Bäume ihre Zweige in die milde, regungslose Luft und trinken Sonnenschein.“
In derart sommerlicher Prosa verfasste die Schriftstellerin viele ihrer Dichtungen und Werke. Hier wurde sie als Abkömmling der Adelsfamilie Dubský 1830 geboren.
Doch ist es auch eine Idylle auf Zeit.
Heute liegt das Schloss abgesperrt und öde hinter einem Zaun.
Bröckelnde Löwenfiguren, versiegte Brunnen, eingeschlagene Scheiben – nur durch dichtes Laub kann man aus der Ferne erspähen.
Kein Hund „Krambambuli“; kein prominenter Besuch aus der untergegangenen Habsburgerzeit; keine Gedenktafel, kein Zugang zum Mausoleum, in dem die Dichterin ruht.
Im Jahr 2016 hat sich die gemeinnützige Initiative Czech National Trust vorgenommen, wenigstens den Park und die Kapelle zu erneuern.
Unweit ihres Domizils, Richtung Austerlitz, fand am 2. Dezember 1805 eine der bekanntesten und blutigsten Schlachten der Napoleonischen Kriege statt – exakt ein Jahr nach der Kaiserkrönung Napoleons. Diese Schlacht war ausschlaggebend für die Vernichtung des Heilig Römischen Reiches. Bei Austerlitz stellte Napoleon den überlegenen Russen und Österreichern eine Falle und errang einen historischen Sieg.
1945 wurde das Schloss zum kommunistischen Kulturhaus umfunktioniert, das Mobiliar versteigert und die unschätzbare Bibliothek der Marie von Ebner-Eschenbach mit zahlreichen Widmungsexemplaren in einer Papiermühle zerschreddert.
Wie hatte sie geschrieben: „Vaterlandsliebe errichtet Grenzpfähle, Nächstenliebe reißt sie nieder.“ Die Tschechen haben die Dichterin und Philanthropin, die ihre Sprache sprach, lange verschmäht, dann immerhin in einem anderen mährischen Schloss eine Ausstellung über sie eingerichtet. In ihren wundervollen Aphorismen urteilte ausgerechnet die privilegierte Freifrau lakonisch: „Alle historischen Rechte veralten.“ So weit ist es nun auch mit ihrer Welt und ihrem Werk gekommen. Und Zdislavice liegt baufällig und verlassen da. Als wäre selbst die Erinnerung an jene ferne Zeit bereits verschwunden.
(Quelle: Feuilleton FAZ.Net, ein Kommentar von Dirk Schümer)
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Mähren ist nicht meine Heimat, doch die Reisen und Geschichten zu diesem herrlichen Fleckchen Erde haben mich von Kindheit an getragen. Böhmen, Mähren und Mährisch-Schlesien sind die „Länder der böhmischen Krone“ und heutige Teile der tschechischen Republik. Die meisten Besucher zieht es nach Prag. Doch um die Region kennenzulernen, sollte man nicht mit Prag beginnen – auch wenn die Stadt einen unvergleichlichen Charme bewahrt. Prag ist eine Welt für sich, ein Brennpunkt der Geschichte, ein urbanes Bilderbuch.
Zwischen Prag und meiner Heimatstadt Görlitz liegen gerade mal 160 Kilometer – mittendrin offerieren sich echte Lieblingsplätze.
Ich denke da an das Altvatergebirge, den Jeschken am Rande des Isergebirges oder an die Schneekoppe, dem höchsten Berg des Riesengebirges. Stets schweifen die Blicke weit hinaus ins böhmische und mährische Land.