Eine kleine Sammlung zu: „Den Deutschen verstehen“

Hier findet ihr einzelne Beiträge aus Überlieferungen, beruhend auf Zitaten, Gedichten und Erzählungen

Immer, wenn ich den Versuch unternehme, herauszufinden, was beim Deutschen aus der „Reihe“ läuft, warum er so ist wie er ist, warum er den unvorteilhaften Hang zum Nachahmen nicht verlassen kann, und aus bloßer Pedanterie knechtisch zu sein scheint, erinnere ich mich an die Deutung Immanuel Kants, betreffend deutscher Charakterzüge. Wie schon oft erwähnt, besteht dieses deutsche Phänomen der geringen Meinung von sich, original sein zu können (was gerade das Gegenteil des trotzigen Engländers ist) über Jahrhunderte hinweg. Es macht wohl einen Teil der Eigentümlichkeit des Deutschen aus.

Doch wann haben sich die eher nachteiligen Charakterzüge gefestigt?

Hängt es möglicherweise mit der (ehemaligen) Form der Reichsfassung Deutschlands zusammen?

Immanuel Kant schreibt dazu: Neben seinem unvorteilhaften Hang zum Nachahmen und der geringen Meinung von sich, original sein zu können, zeigt der Deutsche vornehmlich eine gewisse Methodensucht sich mit den übrigen Staatsbürgern nicht etwa nach einem Prinzip der Annäherung zur Gleichheit, sondern nach Stufen des Vorzugs und einer Rangordnung peinlich klassifizieren zu lassen, und in diesem Schema des Ranges, in Erfindung der Titel (von Edlen und Hochedlen, Wohl- und Hochwohlgeborenen) unerschöpflich und so aus bloßer Pedanterie knechtisch zu sein, welches alles freilich wohl der Form der Reichsfassung zugerechnet werden mag. Und doch muss man bemerken, dass das Entstehen dieser pedantischen Form selber aus dem Geiste der Nation und dem natürlichen Hange des Deutschen hervorgehe. Nämlich zwischen dem, der herrschen, bis zu dem der gehorchen soll, eine Leiter anzulegen, woran jede Sprosse mit dem Grade des Ansehens bezeichnet wird, der ihr gebührt. Aber auch darüber, wer keinen Titel hat, nicht ist, welches denn dem Staate, der diesen erteilt, freilich was einbringt. Der Deutsche fügt sich unter allen zivilisierten Völkern am leichtesten und dauerhaftesten der Regierung, unter der er ist.

Die guten Charakterzüge überwiegen – das macht Hoffnung!

Kant beginnt seine Ausführung zum Charakter der Deutschen mit den Worten:

Die Deutschen stehen im Ruf eines guten Charakters, nämlich dem der Ehrlichkeit und Häuslichkeit, Eigenschaften, die eben nicht zum Glänzen geeignet sind. Er ist dabei der Mann von allen Ländern und Klimaten. Er wandert leicht aus und ist an sein Vaterland nicht leidenschaftlich gefesselt. Doch wenn er in fremde Länder als Kolonist kommt, da schließt er bald mit seinen Landsleuten eine Art von bürgerlichem Verein, der dich durch Einheit der Sprache und unter der höheren Obrigkeit in einer ruhigen sittlichen Verfassung durch Fleiß, Reinlichkeit und Sparsamkeit vor den Ansiedlern anderer Völker vorzüglich auszeichnet – So lautet das Lob, welches selbst Engländer den Deutschen in Nordamerika geben.

Darüber hinaus ist da dieses Phlegma (in gutem Sinne genommen), das Temperament der kalten Überlegung und der Ausharrung in Verfolgung seines Zwecks und zugleich das Aushalten der damit verbundenen Beschwerlichkeiten. So zehrt der Deutsche von den Talenten eines richtigen Verstandes und seiner tief nachdenkenden Vernunft.

Wie schon Tacitus in „Germania“ den Deutschen gesunden Verstandestalent zuordnet, erkennt Kant diesen, verbunden mit Fleiß, ebenfalls – dieses sein Charakter im Umgange ist Bescheidenheit. Er lernt mehr als jedes andere Volk fremde Sprachen (wie Robertson sich ausdrückt), ist Großhändler der Gelehrsamkeit, und kommt im Felde der Wissenschaft zuerst auf manche Spuren.

Er diszipliniert seine Kinder zur Sittsamkeit mit Strenge, wie er dann auch seinem Hange zur Ordnung und Regel gemäß, sich eher despotisieren (autorisieren) als sich auf Neuerungen (betreffend eigenmächtige Reformen in der Regierung) einlassen wird – das ist eine gute Sache!

Auszug aus „Charakter der Deutschen“ 1798, leicht abgewandelt

(Quelle: projekt-gutenberg.org/stael/deutschl)

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Auszug aus „Vorzüge der Teutschen“ 1785 von Wilhelm Ludwig Wekhrlin

„Es ist nicht zu Viel gesagt, wenn man behauptet, in eben dem Grad, wie unser Jahrhundert alle vorigen an Aufklärung übertrifft, übertreffe Deutschland alle anderen auch.

Wir sind zum Exempel, die Ersten, welche auf den Einfall kamen, die Todesstrafen abzuschaffen, und somit einen der erleuchtetsten Grundsätze in der Natur- und Sittenlehre einzuführen. Dann Nichts ist eitler, als dass man über das Recht der Todesstrafe streitet; inmittelst ein sehr einfacher Begriff die Sache entscheidet: sie empört die Natur.

(Und nichts ist gründlicher und der Entwicklung würdiger, als dieses Argument. Die Todesstrafe empört der Natur, also widerspricht sie dem Naturgesetz, also ist sie falsch).

Wir sind, die sich zuerst Nationalgesetzbücher gaben, das ist, ihr eigenes Interesse von römischen, gothischen, fränkischen Recht zu unterscheiden wussten. Hierin übertreffen wir die Engländer und Franzosen, deren Jurisprudenz noch durchaus barbarisch ist, bei weitem.

Wir sind, in jedem Zeitpunkt betrachtet, die Urheber der gereinigten Religion! Insofern wie sie erstlich von den Fesseln Roms, und dann von den Fesseln der Theologie befreit haben.

Wir haben die Leibeigenschaft abgeschafft, und es liegt nicht an uns, wenn das Sklavensystem in Afrika und Amerika noch nicht aufgehoben ist. Wenigstens sind es Deutsche, die unlängst den Entwurf hierzu in den Staaten Virginien und Neu-Yorck angaben.

Die Nationalerziehung, dieser grosse Gegenstand, der sich mit Sonnengewalt über ganz Europa verbreitet, ist unser Werk. In diesem Fach sind wir Schöpfer.

In Deutschland war’s, wo die Tortur und die Hexenprozesse zuerst fielen.

  • Es ist an der Zeit, nein…, längst überfällig, dass die Menschen in diesem Land wieder ein Bewusstsein für ihr Land erlangen.

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Tacitus zu „Ehe und Familie“ der Germanen

In diesem und auch in anderen Kapiteln aus „Germania“ idealisiert Tacitus das sittliche Leben der Germanen, um es in den Gegensatz zum Sittenverfall Roms zu stellen:

„So leben sie denn in wohlbeschirmter Keuschheit, und durch keine Lockungen von Schauspielen, keine Reizungen von Gastmählern verführt.“

„Preisgegebener Keuschheit gewährt man vollends keine Verzeihung; nicht durch Schönheit, nicht durch Jugend, nicht durch Reichtum, fände ein solches Weib einen Mann. Denn hier lacht niemand über das Laster, und verführen und sich verführen lassen nennt man nicht den Geist der Zeit.“

„Die Zahl der Kinder zu beschränken oder irgendein von den Nachgeborenen zu töten, wird für eine Missetat gehalten, hier vermögen gute Sitten mehr als anderswo Gesetze.“  

In jedem Haus wachsen sie halbnackt und schmutzig zu dem Gliederbau, zu der Leibesgestalt empor, die wir bewundern. Jeden nährt seine eigene Mutter an ihrer Brust, Mägden und Ammen werden sie nicht überwiesen.

Den Herrn und Knecht kann man in keiner Art durch weichlichere Erziehung unterscheiden; unter demselben Vieh, an demselben Erdboden halten sie sich auf, bis das Alter die Freigeborenen absondert und Tapferkeit sie kenntlich macht.

Spät erwacht beim Jünglinge die Sinnlichkeit, und darum ist seine Manneskraft unerschöpft.

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Deutsche Größe

Darf der Deutsche in diesem Augenblick,
wo er ruhmlos aus seinem tränenvollen Kriege geht,
wo zwei übermütige Völker ihren Fuß auf seinen Nacken setzen,
und der Sieger sein Geschick bestimmt – darf er sich fühlen?
Darf er sich seines Namens rühmen und freu’n?
Darf er sein Haupt erheben
und mit Selbstgefühl auftreten in der Völker Reihe?


Ja er darf‘s!
Er geht unglücklich aus dem Kampf,
aber das, was seinen Wert ausmacht,
hat er nicht verloren.
Deutsches Reich und deutsche Nation sind zweierlei Dinge. Die Majestät des Deutschen
ruhte nie auf dem Haupt seiner Fürsten.
Abgesondert von dem Politischen
hat der Deutsche sich einen eigenen Wert gegründet,
und wenn auch das Imperium untergegangen,
so bliebe die deutsche Würde unangefochten.

Sie ist eine sittliche Größe,
sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation
die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist.
Dieses Reich blüht in Deutschland,
es ist in vollem Wachsen
und mitten unter den gotischen Ruinen
einer alten barbarischen Verfassung
bildet sich das Lebendige aus.
Der Deutsche wohnt in einem alten, sturzbedrohten Haus,
aber er selbst ist ein edler Bewohner,
und indem das politische Reich wankt,
hat sich das geistige immer fester und vollkommener gebildet…

…. Jedem Volk der Erde glänzt
Einst sein Tag in der Geschichte,
Wo es strahlt im höchsten Lichte
Und mit hohem Ruhm sich kränzt,
Doch des Deutschen Tag wird scheinen . . .]
Wenn der Zeiten Kreis sich füllt,
Und des Deutschen Tag wird scheinen
Wenn die Scharen sich vereinen
In der Menschheit schönes Bild!

Ein Auszug (4 von 12 Strophen) aus dem Gedicht „Deutsche Größe“ von Friedrich von Schiller 1797)

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Unternehmen wir noch einen kurzen „Schwenker“ in die Anfänge des 11. Jahrhunderts, die der Wiedergewinnung alten germanischen Bodens.

Schlesien, Ostpreußen, Westpreußen und Pommern sind Gebiete, die 7 Jahrhunderte und mehr von germanischen Stämmen bewohnt waren. Als dieses west- und südwärts zogen, kamen Slawen ins Land. Doch dieses Slawen waren nicht in der Lage, den Boden zu bewirtschaften, Wälder zu roden, um Anbaugebiete zu schaffen. Deshalb übergaben sie das unbewohnte Land und die unbewohnbaren dichten Wälder den Deutschen. Aus den alten germanischen Stämmen kamen Franken, Thüringer, Flamen und viele andere nach Schlesien. Unter schwersten Bedingungen schufen diese Deutschen Dörfer und Städte und brachten eine Wüste zum Blühen, und ließen auf altem germanischen Boden neues Leben erwachsen.

Und noch etwas: Unser Volksstamm, soweit wir zurückblicken können, besaß dichterische Begabung. Er wusste, die bunte Menge von Gestalten und Handlungen zu erfinden, die den Inhalt einer Mythenreihe ausmachen. Später, als die Germanen lange Zeit bei den südlichen Nachbarn in die Schule gegangen waren, erhob sich ihre bildende Kunst zu freien, großen Schöpfungen.

Wusstet ihr, dass allein aus der Provinz Niederschlesien mit der Hauptstadt Breslau 13 Nobelpreisträger stammen?

  • 1908 Paul Ehrlich
  • 1912 Gerhart Hauptmann
  • 1918 Fritz Haber
  • 1931 Friedrich Bergius
  • 1934 Otto Stern
  • 1950 Kurt Alder
  • 1954 Max Born
  • 1963 Maria Goeppert-Meyer
  • 1964 Konrad Bloch
  • 1987 Georg Bednorz (Kind schlesischer Eltern)
  • 1994 Reinhard Selten
  • 1999 Günter Blobel(geb. 1936, er kam mit seinen Eltern als Vertriebener aus Sohrau-Niederschlesien- nach Dresden, ging nach Abitur und Studium nach Amerika – da er in der DDR keine Unterstützung zur Forschung bekam).

Auch das deutsche West- und Ostpreußen hat Nobelpreisträger:

  • 1920 Walter Nernst
  • 1901 Emil Behring
  • 1911 Wilh. Wien
  • 1956 Werner Forssmann
  • 1963 Fritz Lippmann

Aus dem deutschen Sudetenland: 1905 Philipp Lenard

Weitere größere Persönlichkeiten aus dem zum deutschen Reich gehörigen Ostdeutschland sind Imanuel Kant, Kopernikus,  Knobelsdorf,  Schopenhauer, Virchow,

Borsig, Langhans, Fahrenheit , A. Menzel (Maler) , B. Grzimek  Zoologe)

Kurt Masur (Dirigent).

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Über das Kriegswesen der Germanen (ein Auszug aus Germania)

Könige wählen sie nach dem Adel, Feldherren nach der Tapferkeit. Wie die Könige keine unumschränkte oder willkürliche Gewalt haben, so befehligen auch die Feldherren mehr durch Beispiel als durch Kommando, wenn sie tapfer, vor andern kenntlich und vor der Schlachtreihe tätig sind: Die Bewunderung verschafft ihnen Gehorsam.

Übrigens ist außer den Priestern niemand berechtigt, jemand hinzurichten, zu fesseln oder selbst zu schlagen.

Dies alles geschieht nicht wie zur Strafe, noch auf Geheiß der Feldherren, sondern wie wenn es die Gottheit geböte, von welcher sie glauben, dass sie bei den Kämpfenden gegenwärtig sei., weshalb sie auch Bildnisse und gewisse aus Hainen hervorgehobenen Zeichen mit in die Schlacht nehmen.

Was aber einen ganz besonderen Sporn zur Tapferkeit gewährt, ist das, dass nicht der Zufall oder ungefähre Zusammenhäufung der Geschwader oder den Keil bildet, sondern Familien und Verwandtschaften.

Dabei haben sie ihre Lieben ganz in der Nähe, so dass das Geheul der Weiber und das Gewimmer der Kinder vernommen werden kann.  Das sind für jeden die heiligsten Zeugen und die größten Lobredner. Zu den Müttern wie zu den Gattinnen bringen sie ihre Wunden, und diese scheuen sich nicht, ihre Zahl und die Art der Verwundung genau zu untersuchen. Ebenso bringen sie den Kämpfenden Speisen und gewähren ihnen Ermunterung.

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„Das Schicksal des Staates“ meinte einst Alexander Vinet (1797-1847), hängt vom Zustand der Familie ab.“

Wenn es stimmt, sieht es für die Bundesrepublik nur bedingt rosig aus. Immer weniger Ehen werden geschlossen, immer mehr geschieden. Immer weniger Kinder werden geboren, immer mehr wachsen bei Alleinerziehenden auf oder schauen bei fremden Menschen aus den Fenstern. Immer mehr Mütter müssen arbeiten, immer mehr Alte sterben in Heimen. Wohlstand hat sich als nicht besonders familienfreundlich erwiesen.

Von Leo Tolstoi stammt das Zitat „Entbehrung braucht die Familie notwendiger als Überfluss. “ Darin spiegelt sich die Überzeugung, dass (ein gewisses Maß) an Entbehrung charakterformend sei. 

In dem Zusammenhang möchte ich auch an die Beschreibung Tacitus zu „Ehe und Familie“ (aus Germania) anknüpfen: Gleichwohl sind die Ehen dort streng, und in keinem Punkt möchten ihre Sitten mehr zu loben sein. So leben sie denn in wohlbeschirmter Keuschheit, und durch keine Lockungen von Schauspielen, keine Reizungen von Gastmählern verführt. In jedem Hause wachsen sie halbnackt und schmutzig zu dem Gliederbau, zu der Leibesgestalt empor, die wir bewundern. Jeden nährt seine eigene Mutter an ihrer Brust, Mägden und Ammen werden sie nicht überwiesen.“

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Während Cäsar etliche Tage bei Vesontio (Besançon) verweilte, befiel plötzlich eine solche Furcht sein ganzes Heer, daß die Gemüter von allen in hohem Grade verwirrt wurden. Die Römer fragten nämlich bei Galliern und Händlern den Germanen nach, und da rühmten jene von diesen, sie besäßen eine riesige Körpergröße, sowie eine unglaubliche Tapferkeit und Waffenfertigkeit. Oft hatten sie, die Gallier, mit den Germanen zu streiten versucht, aber nicht einmal den Feuerblick germanischer Augen zu ertragen vermocht. Die Furcht bemächtigte sich zuerst solcher Offiziere, welche Neulinge im Kriegswesen waren, und ging von diesen allmählich auch auf die schlachterfahrenen Soldaten über. 

Nur mit dem leichten Kriegsmantel bekleidet, selten mit Panzer und Helm versehen, gingen diese gegen Frost und Unwetter abgehärteten, dem Hunger und der Ermüdung trotzenden Männer in die Schlacht. Ihre Hauptstärke bestand im Fußvolke, doch kannten und übten sie auch den Gebrauch der Reiterei. Ihre Schlachtordnung stellten sie in Keilrotten auf. Flucht beschimpfte, und die Zurücklassung des Schildes machte geradezu ehrlos. Waffen waren des freien Mannes Kennzeichen, Schmuck und Stolz; sie anzulegen war keinem gestattet, bevor die Gemeinde ihn wehrhaft erklärt hatte.

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Was taten eigentlich die Germanen in ihrer „Freizeit“ –  über ein Volk ohne List und Trug

Die Zeit, welche sie nicht mit Jagd und Krieg ausfüllten, verbrachten sie in träger Ruhe oder mit Zechgelagen, welche die beiden großen altgermanischen Laster, Trinksucht und Spielsucht, nährten.

Aus Feldfrüchten, geronnener Milch und Wildbret bestand vornehmlich ihre Kost; ihr Getränk, das sie im Übermaße liebten, war ein aus Gerste oder Weizen gezogener Saft, zu einiger Ähnlichkeit mit Wein verderbt wie des Tacitus treffender Ausdruck besagt. Dies der Anfang des seither so sorgsam ausgebildeten Nationalgetränkes, welches jetzt unter dem Namen »deutsches Lagerbier« die Runde um die Welt macht. Da es bräuchlich war, Tag und Nacht ununterbrochen fortzuzechen, ging das Gelage nicht selten in Kampftumult über, um mit Totschlag zu endigen.

Vom Biere erhitzt, mitunter auch nüchtern, Hab und Gut, ja zuletzt die persönliche Freiheit im Würfelspiel einzusetzen, war durchaus nicht ungewöhnlich.

Andererseits wurden fast alle wichtigen Angelegenheiten beim Gastmahle verhandelt. Hier wurden Aussöhnungen zuwege gebracht und Ehebündnisse verabredet, hier wurden sogar über Krieg und Frieden Beschlüsse gefaßt, hier zeigte sich die Gastfreundschaft, diese von den Germanen bis in ihre äußersten Folgerungen geübte Tugend, in ihrem vollsten Glanze, hier wurde unserer Ahnen liebstes Schauspiel, nackter Jünglinge Tanz zwischen aufgerichteter Schwerter Spitzen und Schneiden, aufgeführt, hier endlich öffnete sich bei »zwangloser Fröhlichkeit des Innere der Brust eines Volkes ohne List und Trug«.

Quelle:

  • Johannes Scheer Deutsche Kultur- und Sittengeschichte
  • Auszüge aus Tacitus „Germania“

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Wieder einmal bei Tacitus gestöbert –

Gleich beim ersten Absatz schoss mir durch den Kopf, welch wunderbare Vorstellung für unsere politische Gegenwart.

Doch zurück ins alte Germanien! Zu dem politischen und sozialen Leben der Germanen schreibt Tacitus in seinem Werk Germania“:

„Über geringere Sachen ratschlagen die Häupter, über größere alle, jedoch so, dass auch das, worüber das Volk zu bestimmen hat, von den Häuptern erst in Überlegung gezogen wird.

Sie kommen, wenn nicht ein zufälliges oder plötzliches Ereignis vorfällt, an bestimmten Tagen, entweder bei Neumond oder bei Vollmond zusammen; denn sie halten dies für den günstigsten Anfangspunkt von Geschäften.

Auch rechnen sie nicht, wie wir nach Tagen, sondern nach Nächten. Auf dieses Weise setzen sie Termine fest und treffen Verabredungen. Die Nacht erscheint als Führerin des Tages. Eine nachteilige Folge der Freiheit ist es, dass sie nicht zugleich und nicht wie Leute, denen es anbefohlen ist, zusammenkommen, sondern dass selbst der zweite und dritte Tag über dem Zögern der sich Versammelnden hingeht.

Sobald es dem Haufen gutdünkt, setzen sie sich bewaffnet nieder. Von den Priestern wird Schweigen geboten, welche dann auch das Strafrecht haben. Dann lässt sich ein König oder ein Häuptling, wie Alter, wie Adel, wie Kriegsehre, wie Wohlredenheit einen jeden berechtigt, vernehmen, mehr mit dem Ansehen der Überredung, als mit der Macht des Befehls.

Missfällt der Antrag, so verwerfen sie denselben mit Gemurr, gefällt er, schlagen sie die Framen zusammen. Die ehrenvollste Art der Beistimmung ist das Lob mit den Waffen.

Ferner wählt man auch in diesen Versammlungen die Häupter, welche in den Gauen und Dörfern Recht sprechen. Jedem steht ein Geleit von Hunderten aus dem Volke zugleich als Rat und zu größerem Ansehen zur Seite.

Nichts aber, weder von öffentlichen noch Privatgeschäften, verhandeln sie anders als bewaffnet. Jedoch erlaubt keinem die Sitte, früher die Waffe zu tragen, als die Gemeinde ihn dazu bewährt gefunden hat.“

Quelle: Caesar-Tacitus, Berichte über Germanen und Germanien by Phaidon Verlag GmbH, Essen

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An die Deutschen

Kraft, Freiheit, Glauben! – habt ihr es vernommen?

Sie sind nicht außer euch, noch in den Dingen.

Das Herrliche, es kann euch noch gelingen.

Doch es euch nur aus euch selber kommen.

Seht, eure Stützen sind euch fortgeschwommen,

Vergebens mit dem Strom der Zeit zu ringen,

Das Schicksal nicht, nur euch könnt ihr bezwingen,

Das ist das Ziel der Starken und der Frommen.

Ihr saht nur Teile stets und nur das Viele,

Gesammelt wart ihr nie zum Ganzen, Einen,

Drum ist gekommen, was ihr selbst verschuldet.

Jetzt rettet euch zum einzigen Asyle,

Flieht zur Idee, entflieht dem leeren Meinen,

Das Rechte tut und das Gerechte duldet. „

(Zacharias Werner) vermutlich 1806

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 …wann das deutsche Volk eigentlich entstand?

Das erste Reich der Deutschen entstand unter König Heinrich I. (919-936): Um das Jahr 920 erschien zum ersten Mal auf einer Urkunde der Begriff „RegnumTeutonicorum“ (Reich der Deutschen).

Die Bevölkerung teilte sich damals in fünf Stämme: Franken, Sachsen, Lothringer, Schwaben und Bayern. Übrigens: Jeder Einwohner des Reiches König Heinrichs kommt unter den Vorfahren der heutigen Deutschen etwa viertausendmal vor – so breit haben sich die Gene der mittelalterlichen Ahnen über tausend Jahre und rund 40 Generationen vererbt.

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„Kein Volk auf der Welt kann an Tapferkeit und Treue die 

 Germanen übertreffen!“ (Tacitus)

Ein Satz, der ungeheuer nachwirkt, wenn man sich dem nur besinnt!

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Es gibt eine Sorte

Es gibt eine Sorte im deutschen Volk,
Die wollen zum Volk nicht gehören;
Sie sind auch nur die Tropfen Gift,
Die uns im Blute gären.

Und weil der lebenskräftige Leib
Sie auszuscheiden trachtet,
So hassen sie nach Vermögen ihn
Und hätten ihn gern verachtet.

Und was für Zeichen am Himmel stehn,
Licht oder Wetterwolke,
Sie gehn mit dem Pöbel zwar,
Doch nimmer mit dem Volke.

Theodor Storm (1864)

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Auszug aus: „Das Faustrecht der Deutschen“ (1770) von Justus Möser

Sätze, die nachdenklich stimmen, auch, oder insbesondere in der Gegenwart,

„Es werden jetzt in einem Feldzuge mehrere Menschen unglücklich gemacht als damals in einem ganzen Jahrhundert. Die Menge der Übel macht, daß der heutige Geschichtschreiber ihrer nicht einmal gedenkt; und das Kriegsrecht der jetzigen Zeit bestehet in dem Willen des Stärksten. Unsre ganze Kriegesverfassung läßt keiner persönlichen Tapferkeit Raum; es sind geschleuderte Massen ohne Seele, welche das Schicksal der Völker entscheiden; und der ungeschickteste Mensch, welcher nur seine Stelle wohl ausfüllt, hat ebenden Anteil am Siege, welchen der edelste Mut daran haben kann.

Eine einförmige Übung und ein einziger allgemeiner Charakter bezeichnet das Heer; und Homer selbst würde nicht imstande sein, drei Personen daraus in ihrem eignen Charakter handeln oder streiten zu lassen.

Ich will jetzt der Turniere nicht gedenken, welche als notwendige Übungen mit dem ehmaligen Faustrechte verknüpft waren, ohn erachtet ihre Einrichtung den Geist von mehr als einem Lykurg zeigt und alles dasjenige weit hinter sich zurückläßt, was die Spartaner zur Bildung ihrer Jugend und ihrer Krieger eingeführet hatten; ich will die Vorteile nicht ausführen, welche eine wahre Tapferkeit, ein beständiger Wetteifer und ein hohes Gefühl der Ehre, das wir jetzt zu unser Schande abenteuerlich finden, nachdem wir uns auch selbst in unser Einbildung nicht mehr zu den ritterlichen Sitten der alten Zeiten hinaufschwingen können, auf eine ganze Nation verbreiten mußten.

Ich will nichts davon erwähnen, wie gemein die großen Taten sein mußten, da die Dichter das Reich der Ungeheuer und Drachen als die unterste Stufe betrachteten, worauf sie ihren idealischen Helden Proben ihres Muts ablegen ließen. Nein, meine Absicht ist bloß, die Vollkommenheit des Faustrechts als eines ehemaligen Kriegesrechts zu zeigen, und wie wenig wir Ursache haben, dasselbe als das Werk barbarischer Völker zu betrachten.

Rousseau mag noch so sehr getadelt werden: so bleibt die Stärke und die Wissenschaft, solche zu gebrauchen, doch allemal ein wesentlicher Vorzug. Unsre neuern Gesetzgeber mögen dem Menschen Hände und Füße binden; sie mögen ihm Schwert und Rad vormalen; er wird seine Kraft allemal gegen seinen Feind versuchen, sooft er beleidigt wird.

Unsre Vorfahren wagten es nicht, dieses angeborne Recht zu unterdrücken. Sie gönneten ihm seinen Lauf; aber sie lenkten es durch Gesetze. Und das Faustrecht war das Recht des Privatkrieges unter der Aufsicht der Land-Friedensrichter.“

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Um noch einmal deutlich zu machen, dass der gegenwärtige Zustand unseres Landes gar nicht so ungewöhnlich ist. Mit diesem, nennen wir es einfach mal „deutschen Phänomen“ schlugen sich schon einige Dichter weit vor unserer Zeit herum.

Hier eine Satire von Johann Benjamin Michaelis

„Schriftstellern nach der Mode“ (1766)

… du Göttin, die von Nacht und Erebus gezeugt,

Hans Sachs mißgebahr und Stoppe uns gesäugt,

und manches Dichters Haupt bei reimenreichen Stunden

Dein Mützchen aufgesetzt und Schellen umgebunden.

O Dummheit deren Macht, die halbe Welt gehört,

die schon der Ost erblickt, der West mit Zittern ehrt.

Und Mode! Du, nach der sich fast in allen Ländern

Die Sitten und das Volk, Lob oder Tadel ändern,

die du den Deutschen itzt im Schlamm der Seine tauchst,

jetzt mit dem Kohlendampf des ernsten London schmauchst,

Heut unsern müden Fuß mit schweren Reimen plagest,

Morgen entfesselt der Welt auf stolpenden Sylben entjagest;

Wie lang belagert ihr den patriot‘schen Rhein?

Die Deutschen wollen nicht, sie können alles seyn.

Allein sie bleiben stets in andrer Werth verlohren,

Nachahmend Genies, originelle Thoren.

Zehn Stümper sagen nach, was einer weislich sprach,

Sobald ein Deutscher spricht, hallt auch ein Deutscher nach,

Und wer am meisten gilt, dem liefert auch die Mode

Lied, Epopee, Idyll, Erzählung, Fabel, Ode.

Anzumerken wäre, dass Michaelis den Meistersinger Hans Sachs (1494-1576) nicht nur als Spruchdichter, sondern auch als Befürworter der Reformation sehr schätzte.

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Die Sprache eines Volkes, eines Volksstammes, ist das wesentlichste Merkmal seines Volkstums. In ihr zeigen sich Herkunft, Wesen und Eigenart noch deutlicher als in seinen Sitten und Bräuchen, zeigt sich die Seele des Volkes.“

(Alois Bartsch 1979)

In Bezug zu den verschiedenen Formen eines Kulturtransfers scheint die Entwicklung glasklar: Dazu zählt das jahrzehntelange Bemühen und die Versuche (insbesondere mit Beginn der 1960er Jahre) die deutschen kulturellen als auch sprachlichen Wurzeln zu (ver)amerikanisieren, westernisieren, (ver)denglishen.

Auch wenn der Zeitraum dieser Prozesse die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg umfasst, liegen die Anfänge jedoch deutlich früher und reichen mindestens in die Zwischenkriegszeit zurück.

Ø (Ver)Amerikanisierung bezeichnend für den wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss Amerikas.

Ø (Ver)Westerinisierung bezeichnend für die politisch-ideologische Homogenisierung Westeuropas.

„Sale“, „Hiring“ oder Coffee to go“ – Ein Amerikaner könnte (beispielsweise) in Düsseldorf einkaufen gehen, ohne Deutsch zu lernen!

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Auszug aus Tacitus (Germania) zu unserer Herkunft

„Das Volk der Germanen scheint mir ureingeboren zu sein und ganz und gar nicht berührt durch Zuzug oder Aufnahme aus fremden Stämmen. Denn nicht zu Lande, sondern auf vielen Schiffen kamen in der Urzeit die Wanderer, die einen neuen Wohnsitz suchten; und ins unermeßliche Meer dort droben, in eine, ich möchte sagen andere Welt gelangen Fahrzeuge aus unserem Erdkreis kaum.

Und wer hätte denn auch, ungerechnet die Gefahr auf dem schauerlichen, unbekannten Meere, Asien, Afrika oder Italien verlassen und nach Germanien ziehen mögen, in ein ungestaltes Land unter rauhem Himmel, wüst zu bewohnen und anzuschauen für alle, die da nicht heimisch sind?

Sie feiern in alten Liedern, den einzigen Denkmälern ihrer Überlieferung und Geschichte.

Selber schließe ich mich denen an, die Germaniens Stämme, rein und vor jeglicher Mischung mit Fremden bewahrt, für ein eigenes, unverfälschtes, keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der großen Menschenzahl, überall der gleiche Schlag: hellblaue trotzige Augen, rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und ungestümem Drängen taugend. Durst und Hitze können sie gar nicht vertragen.

Kälte aber und Hunger sind sie in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt.“

Quelle: Berichte über Germanen und Germanien /Project Gutenberg aus Tacitus „Die Germania“


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