Schlesien und seine Bäder – Teil I

Beruhend auf den Niederschriften zum Vortrag, den meine Mutter im Jahr 2004 in ihrer Schlesien-Gruppe gehalten hat, verweilen wir zunächst im Glatzer Bergland und besuchen dort Bad Kudowa.

Nordwestlich von Glatz liegt das Heuscheuer Gebirge mit seinen rötlichen Felswänden aus Quadersandstein, die sich aus dunklen Tannenwäldern über 700 Meter erheben, ein sogenanntes Felsenmeer. Regen, Frost und Wind haben dieses Wundergebilde geschaffen, denen menschliche Fantasie unterschiedliche Namen gab. Zum Beispiel Eberkopf, Tanzbär, das beladene Kamel, Großvaterstuhl und andere. Von deutschen Siedlern begehbar gemacht, wanderten Schlesier und viele andere Besucher auf schmalen Steigen durch enge Schluchten. In die engen Felsgassen drang kaum ein Sonnenstrahl, der Schnee lag noch im Juli darin.

Erwähnenswert: Zum Bau des Berliner Reichstags wurde Sandstein aus dem Heuscheuergebirge geholt.

Bad Kudowa liegt hier in einem windgeschützten Kessel am Fuße des Heuscheuergebirges, nur einen Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt.

Doch bevor wir uns Bad Kudowa näher widmen, möchte ich noch etwas loswerden:

Wenn wir von deutschen Tragödien sprechen, weiß nur ein Bruchteil der Menschen um das eigentliche Geschehen. Allein aus meinem Bekanntenkreis kann ich die Wissenden an einer Hand abzählen. Insbesondere die Menschen, jenseits der Oder /Neiße, in den westlichen Gebieten Deutschlands erkennen erst mit der Zeit und nach zahlreichen Rückfragen einen Zusammenhang zu den damaligen Geschehen, zu dem Elend und Leid, dass über Millionen Deutsche nach Kriegsende hereinbrach. Auch mein lieber Mann, der nun mal aus den westlichen Gefilden stammt, wusste, bevor er mich kennenlernte, von Schlesien nichts, überhaupt nichts. So auch nichts von den anderen betroffenen Ostgebieten und ihrem Schicksal.

Es ist daher falsch mit der Tragödie zu beginnen. Zuerst müssen die Menschen die Menschen hinter der Tragödie kennenlernen, mit ihren Bräuchen, Sitten, ihre Kultur, der herrlichen Landschaft und all dem Schönen, was ihre Kindheit einst ausmachte. Wie soll man sonst etwas erfassen, wovon man nie gehört hat?

Erst wenn man erkennt, was man diesen Menschen genommen hat, was sie verloren haben, lässt sich die Tragödie vielleicht besser begreifen.

Eichenblatt und Götterberg – wer sind die Schlesier eigentlich?

O. P. Geyer beschrieb es einst so:

„Der Schlesier ist heiter an Gemüt, die Traurigkeit verachtend,

mild und streng in der Gesinnung, voll Liebe zur Heimat.

Tugend liebt man in Schlesien, Frömmigkeit, die Gott versöhnt, und

Demut und Gerechtigkeit…“

Aus den höchst gegensätzlichen Zutaten einer sowohl ernsten als auch heiteren Landschaft, dem Weinen und Lachen der Menschen, sollte etwas Besonderes entstehen – in der Form eines Eichenblatts. Die starke Mittelrippe und auch die feineren Nebenrippen waren schon vorhanden – mit der Oder und allen ihren linken und rechten Nebenflüssen.

Die schwungvolle Eichenblattform sollte für ewige Zeiten auf die feste Verzahnung mit den Nachbarn hinweisen, auf den gegenseitigen Austausch von Kultur und Lebensart der Menschen-

Mit den restlichen Zutaten entstanden liebliche Landschaften und fruchtbares Ackerland, hohe Berge mit Felsgestein, stillen Mooren und tiefen Wäldern. Unverwechselbare Düfte schwangen über allem, Farben spiegelten sich in diesem heiteren schlesischen Guckkasten.

Den Zobten als Götterberg habt ihr ja bereits kennengelernt.

Zu Beginn ihres Vortrages erklärte meine Mutter noch Folgendes:

Heute wollen wir die immer mehr verblassende Erinnerung an unsere Heimat auffrischen und auf Schlesien und seine Bäder zurückblicken.

Ein Dichter sagte: „Erinnern ist so wichtig für unser Leben wie das Atmen.“

Und von einem anderen stammen die Worte: „Erinnerung, es ist das dort erlebte Glück, es ist das dort erlebte Leid, was man mitteilen muss.“

Kinder und Enkelkinder sollen endlich erfahren, was wirklich geschah, als eine Welle der Gewalt über ihre Eltern hereinbrach, sie zu Freiwild wurden und Enteignung, Vertreibung, Vergewaltigung und Mord an ihren Verwandten erleiden mussten.

Und auch das muss man wissen: Die vertriebenen Schlesier, Pommern, Ostpreußen und Sudetendeutsche haben nach dem Krieg die größten Lasten und Entbehrungen getragen. Dennoch zählten sie zu den ersten, die trotz Hunger, Not und Elend sich am Wiederaufbau Deutschlands beteiligten. Und nur sie können von dem wahren Geschehen der Flucht und Vertreibung berichten.

Heraklit sagte schon vor mehr als 500 Jahren v. u. Z.: „Denn was ich selbst geschaut, gehört habe, gebe ich den Vorrang.“

Die Geschichte der Schlesier beginnt im 12. Jahrhundert. Ihre Urahnen, die germanischen Silinger, lebten von ca. 100 v. u. Z. Bis 600 n. u. Z. in Schlesien.

Bad Kudowa, dem wir uns morgen dann in Gänze widmen, begeistert nicht nur mit zahlreichen Mineralquellen, es bewahrt auch eine beeindruckende Geschichte. So steht hier eine Schädelkapelle, 1796 errichtet. Die menschlichen Schädel und Knochen stammen von Pestopfern des Dreißigjährigen Krieges und Gefallenen des Siebenjährigen Krieges.

Morgen lest ihr mehr darüber. Also bleibt neugierig!


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