Teil I – Reise zum Kyffhäuser
„Ich habe mich nach Kräften bemüht, des Menschen Tun weder zu belachen noch zu beweinen, noch zu verabscheuen, sondern es zu begreifen“. Spinozas Worte tragen und untermauern meine Gedanken zu unserer Kyffhäuserreise.
Auf dem sagenumwobenen Bergrücken südlich der Goldenen Aue erfahren wir eine Fülle von Naturschönheiten und den Reichtum historischer Stätten.

Der Mythos des Kaisers Barbarossa im Kyffhäuserberg verkörpert deutsche Geschichte von Anbeginn bis heute.
Einige Aufnahmen haben wir bereits mit euch geteilt. Die tatsächliche Atmosphäre lässt sich immer nur schwer übertragen.
Von oben schweifen die Augen über die mittelalterliche Burg, das gigantische Denkmal Kaiser Barbarossas und Kaiser Wilhelm I. und die liebliche Landschaft am Fuß des Gebirges. Hier wünscht man sich die Geschichte wieder, denn vor uns dehnt sie sich aus. Und wenn man sich Gedanken darübermacht, ob „deutsch“ noch etwas mehr bedeuten könnte als bundesdeutsche Staatsbürgerschaft, der wird an dem Begriff des Deutschen Reiches nicht vorbeikommen. Um darüber nachdenken zu können, braucht man aber Wissen, nicht über die Fakten, sondern auch über die Hintergründe, über das menschliche Umfeld der jeweiligen Zeit, und über das, was davon bis heute in unserer Gesellschaft lebt.
Den alten Göttern geweiht – kennt ihr diese Geschichte?
Einmal war ein Bote unterwegs. Vor dem Boten lichtete sich der Wald, und nach Westen hin eröffnete sich ein Durchblick auf den Höhenzug, an dem der Weg entlangführte. Der Bote zügelte sein Pferd. Trotz seines Hungers und der verlockenden Aussicht auf das reichhaltige Abendessen in dem Kloster, das nur wenige Meilen vor ihm lag, stieg er ab und trat an den Rand der Lichtung. Er beugte das Knie und murmelte ein Gebet für Donar, denn vor ihm lag der Berg, der Sitz der alten Götter war. Als kleines Kind hatte ihn sein Großvater an diese Stelle geführt und ihm berichtet von Wodan, dem mächtigen Götterfürsten der Germanen. Von ihm kannte er den Namen des Berges, Wodans Hut, den oft verhüllten Wolken den Sitz der Götter vor den Sterblichen, und dann sah der Gipfel des Berges so aus, als ob er einen Hut aus Wolken trüge. Von seinem Großvater wusste der Bote auch, dass auf dem Gipfel dieses Berges eine heilige Stätte gewesen war, den alten Göttern geweiht.
Dann, als die Zeiten immer wirrer wurden, hat man den heiligen Ort mit einem Wall umgeben. Der Königsbote fröstelte. Viel Blut ist hier in den letzten Jahrhunderten geflossen – unter dem „Siegeszug“ des Christentums.






Der Kyffhäuser ist ein fabelhafter Ort – ein Kraftort. Und doch ist da dieser geschichtliche Knick, den unser Bewusstsein nach 1945 erlitt.
Alles im Trend – kurzfristige Erscheinung oder langfristiger Wandel? Eine Interpretation, die nachdenklich stimmt.
Wie vor jeder unserer Reisen, werfe ich einen Blick ins „Netz“, um zu erfahren, was man denn so über den Kyffhäuser alles schreibt, ob dort auch die vielen schönen Geschichten, Legenden und Fabeln hinterlegt sind.
Was soll ich euch erzählen. Ich bin fündig geworden und musste feststellen, Geschichten gibt es. So zum Beispiel, dass man doch froh darüber sein darf, dass sich am Kyffhäuser keine rechtsradikalen, nationalistischen Brutstätten gebildet haben. Schließlich gäbe es ja immer noch Personen, die den Berg als Kultstätte begreifen möchten. Aber das ist er nicht, so erklärt es eine Syrerin, und auch, dass das gut so ist. Denn der Kyffhäuser als Erinnerungsort deutscher Geschichte könnte durchaus ein Anziehungspunkt für nationalistische Bewegungen sein.
Es gibt auch einen Kyffhäuserverbund, einen deutschen Soldatenbund. Er ging im Jahr 1900 aus dem Ständigen Ausschuss der vereinten deutschen Kriegerverbände für die Verwaltung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf dem Kyffhäuser hervor und wurde als Dachverband deutscher Kriegervereine gegründet.
Dieser Bund, wie soll es auch anders sein, ist in den Fokus der „Bereichsleitung“ geraten. So muss dieser Bund deutlich machen, dass er ausschließlich als Reservisten- und Schießsportverband agiert und auch nichts mit den jährlichen Kyffhäuser-Treffen zu tun habe.
Ich bin doch immer wieder überrascht, wieviel „Kreativität“ man entwickelt, um der Geschichte bizarre Züge zu verleihen. So werden auch alle Hebel in Bewegung gesetzt, um streng prüfende und nach präzisen Maßstäben gewissenhaft handelnde Menschen auf das Abstellgleis zu verweisen.
Die Methoden dazu sind bekannt, denn sie sind nicht neu. Wo wir wieder bei diesem „vertrauten“ Muster angekommen wären.
So ist es eben nicht verwunderlich, dass ich bei meinen Recherchen zum Kyffhäuser auf, ich nenne es jetzt einfach mal, „wirre Interpretationen“, gestoßen bin – Aussagen, völlig aus dem Kontext gerissen.
Eine solche, aus dem Zusammenhang gerissene Darstellung, erlebten wir bereits über Veröffentlichungen zum Sachsenhain, oder auch vor wenigen Wochen am Oldenburger Wall.
Um das beurteilen zu können, muss man vor Ort gewesen sein. Und man muss graben, tief graben (sinnbildlich), aber dann wird man fündig und Widersprüche tun sich auf. Doch das ist anstrengend.
Lügen und betrügen, verfälschen, verwirren, ablenken und Ängste schüren: Bei genauer Betrachtung könnte man fast annehmen, sie handeln wie im Wahn. Oder ist es ein Trend? Ja, vermutlich ist es ein Trend. Doch einigen wir uns auf System. Es hat System.
Verzeiht mir diesen Schwenker, denn mir fällt dazu gerade etwas ein:
Um diesen unsäglichen Trend aufrechtzuerhalten, und dieses gewisse „Bild“ von Jemandem oder Etwas zu untermauern, läuft brandaktuell die Serie Sam, der Sachse (Aufstieg und Fall in Ostdeutschland) Manchen wird die Serie aus dem Hause Disney schon untergekommen sein. Die in der DDR spielende Handlung ist an Übertreibungen und Vorurteilen kaum zu übertreffen.
Aber was hat das nun mit dem Kyffhäuser zu tun?
Die Antwort ist leicht: Man nehme „eine“ Geschichte, spicke sie mit unterlauteren Mitteln, fülle sie mit einer übertriebenen Darstellung, schaffe eine künstlich herbeigeführte Dramatik und animiere die Menschen diesen „Schmarren“ zu glauben – und zack, die Geschichte ist verkauft.
Ich persönlich lasse mir nichts verkaufen, genieße den Moment auf dem Wotansberg, verweile achtsam an der ehemaligen Kultstätte, die dem germanischen Gott Wotan geweiht ist, schlendere durch das „Haus auf der Kuppe“, die Reichsburg, und wähne mich in die Zeit des Stauferkaisers Friedrich I. Barbarossa zurück. Das kann uns keiner nehmen!
„Ich habe mich nach Kräften bemüht, des Menschen Tun weder zu belachen noch zu beweinen, noch zu verabscheuen, sondern es zu begreifen“.
Quelle:
Fabel zum Kyffhäuser aus: „Der Traum vom Deutschen Reich“ – Diana Maria Friz (Beltz Verlag)
Wikipedia zum Kyffhäuser /Soldatenbund