Eigentlich wollte ich nur „kurz, auf die Schnelle, den Ausweis von meinem Göttergatten abholen. Nur kurz – weitgefehlt!

Es gibt so Tage, die muss es wohl geben, um einem die Augen zu öffnen. Nicht meine Augen, aber vermutlich die, eines deutschen Ehepaares. Ich hatte den Eindruck, sie waren mit der Situation im Bürgerservice-Bereich der Stadt leicht überfordert und in ihren Augen konnte man so einiges lesen. Unverständnis machte sich breit. Dazu gleich mehr.

Nun ja, über mehr als 40 Minuten, welche ich auf der Wartebank verbrachte, offerierte sich ein bühnenreifes Stück „Alltag“. Ich wollte doch nur einen Ausweis abholen. Umgeben von einem Stimmengewirr in unzähligen Sprachen, versuchte ich eine Zuordnung dieser. Ich muss dazu sagen, dass mir sowohl Polnisch, Russisch, Französisch als auch Englisch vertraut sind, weil ich vor vielen Jahren darin unterrichtet wurde. Doch keine dieser Sprachen war hier vertreten.

Es ging zu, wie auf einem Bahnhof – ein Kommen und Gehen. Von den Plätzen der Mitarbeiter ertönte Englisch, manche arbeiteten mit Händen und Füßen. Dann hörte man kurz auf Deutsch von einer immer noch freundlichen Mitarbeiterin: „Dort kannst du Sofa abholen!“

Nun zurück zu dem Ehepaar. Vorausführen muss ich, dass auf unserem hiesigen Bürgeramt seit geraumer Zeit ein Termin vereinbart werden muss, um seine Angelegenheiten erledigen zu können. Das erging uns ja auch so. Denn für die Verlängerung /Antrag PA haben wir drei Wochen auf einen Termin warten müssen.

Indes konnte ich beobachteten, wie Frauen, das Gesicht mit einem Kopftuch verhüllt, offensichtlich ganz ohne Termin sofort „bedient“ wurden. Auch zwei junge Männer, die zuvor auf der Treppe saßen, wurden nicht nach einem Termin gefragt. Alle stiefelten wie selbstverständlich hinter den Mitarbeitern her und erhielten auf kurzem Weg all das, was sie benötigen.

Anders nun bei dem Ehepaar. Die beiden standen vor dieser Kiste, wo man ein Ticket ziehen kann. Das gilt aber nur für die Abholung von Reisepass oder PA. Doch das Ehepaar wollte etwas Anderes, und fragte höflich bei einer Mitarbeiterin nach. Die war kurz angebunden, bediente gerade einen jungen Mann aus dem afrikanischen Lande, und rief: „Sie müssen einen Termin vereinbaren“.  Völlig verdutzt standen die Beiden nun da. Drückten nochmal auf die deutsche Flagge auf dieser Kiste, doch die Auswahl blieb gleich – nur Abholung Reisepass oder PA.

Der Mann meinte enttäuscht: „Und dafür habe ich mir den Vormittag frei genommen“. Die Frau schien ungehalten, sagte aber nichts weiter. Unverrichteter Dinge zogen sie davon.

Indes schlenderten zwei weitere, ich nehme an, ebenfalls aus afrikanischem Lande, junge Männer an dem Ehepaar vorbei, zeigten der Mitarbeiterin ein Blatt Papier – ein Papier, dass ihnen offensichtlich den Weg ohne Termin ermöglicht.

Was sagt uns das?

Werden die Umrisse einer Zeitenwende sichtbarer? Es ist so offensichtlich. Doch wo ist der Widerstand?


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