„Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort“.

Die Magie der Sprache – zurück zum ältesten Stück der deutschen Literatur, den „Merseburger Zaubersprüchen“.

Vielleicht erinnert ihr euch noch: Vor Kurzem entdeckte ich in den Unterlagen meiner Eltern, diesen kurzen Vermerk zu diesem einmaligen Zeugnis althochdeutscher Sprache. Die Merseburger Zaubersprüche, verfasst im 10. Jahrhundert, sind bis heute die weltweit einzigen bekannten Schriftstücke germanisch-heidnischen Inhalts, die unverändert in althochdeutscher Sprache vorliegen – ein faszinierendes Zeugnis uralter Kultur und unschätzbarer Forschungsgegenstand. Sie wurden in einem Gebiet verfasst, das noch nicht christianisiert war. Es handelt sich um zwei in althochdeutscher Sprache verfasste Zauberformeln, die in n einer Handschrift in der Merseburger Dombibliothek überliefert sind.

Ich möchte dieses sprachgeschichtliche Phänomen gerne erneut aufgreifen, denn es ist nicht zuletzt ein beeindruckender Nachweis über den Inhalt einer Alltagssprache (Deutsch) und darüber hinaus verlieren sich die Zweifel an der allgemeinen Ausbreitung der nordischen Mythologie.

Der erste Zauberspruch dient der Befreiung von Gefangenen

Eiris sâzun idisi,
sâzun hera duoder.
suma hapt heptidun,
suma heri lezidun,
suma clûbôdun
umbi cuoniouuidi:
insprinc haptbandun,
inuar vîgandum.

Einmals setzten sich Idise (zauberstarke Schlachtjungfrauen, den Walküren verwandt), hierhin, dorthin und dahin,
manche Hafte hefteten (d.h. sie festigten die Fesseln der feindlichen Gefangenen),
manche lähmten das Herr (der Feinde),
manche klaubten um heilige Fesseln (es sind die Fesseln aus Eichenzweigen, mit denen der Priester oder König die Gefangenen umwindet, die als Opfer für die Götter bestimmt sind; diese Fesseln lockern die Idise):
Entspring den Haftbanden,
entfahr den Feinden!

Der Zweite Merseburger Zauberspruch gilt als Heilungszauber eines verletzten beziehungsweise verrenkten Pferdefußes und soll Glück bringen.

Phol ende uuodan
uuorun zi holza.
du uuart demo balderes uolon
sin uuoz birenkit.
thu biguol en sinthgunt,
sunna era suister;
thu biguol en friia,
uolla era suister;
thu biguol en uuodan,
so he uuola conda:

sose benrenki,
sose bluotrenki,
sose lidirenki:
ben zi bena,
bluot zi bluoda,
lid zi geliden,
sose gelimida sin.

Phol und Wodan
ritten in den Wald.
Da wurde dem Fohlen Balders
der Fuß verrenkt.
Da besprach
 (vgl engl. to beguile) ihn Sinthgunt
und Sunna, ihre Schwester;
da besprach ihn Frija,
und Volla, ihre Schwester;
da besprach ihn Wodan,
wie nur er es verstand:

Sei es Knochenrenke,
sei es Blutrenke,
sei es Gliedrenke:
Knochen zu Knochen,
Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern,
als ob geleimt sie seien.

 Zauberhafte Boten!

Gefunden wurden sie eher zufällig bei einer Recherche für die Monumenta Germaniae historica im Archiv des Domkapitel durch den Historiker Georg Waitz im Jahre 1841. Waitz sandte das Pergament unverzüglich an Jacob Grimm, seinerzeit der anerkannteste Sprachgelehrte seiner Zeit, der sofort die Bedeutung des Fundes erkannte.

Ein Jahr später (1842) wurden die Zaubersprüche dann von den Brüdern Grimm in der Ausgabe „Über zwei entdeckte Gedichte aus der Zeit des deutschen Heidentums“ veröffentlicht und werden derzeit in der Merseburger Domstiftsbibliothek aufbewahrt.

Bis zur Zeit Karl des Großen wurden Sprüche, Heldenlieder und Geschichten noch mündlich überliefert. Karl der Große ordnete an, das alte Wissen zu dokumentieren, um es für die Nachwelt aufzubewahren.

Quelle: Foto

Das Original der Merseburger Zaubersprüche wird in der Merseburger Domstiftsbibliothek aufbewahrt (Foto). Ein Faksimile dieser kostbaren Handschrift ist im „Zauberspruchgewölbe“ in der Südklausur des Domes zu sehen Foto: U. Freyberg


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