Wie sieht es etwa in einem Jahrhundert mit uns Deutschen aus?

Gedankengänge von Goethe und Eckermann aus dem Jahre 1828

„Und denn, man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder geprediget wird, und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse. In Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten, überall ist der Irrtum obenauf, und es ist ihm wohl und behaglich, im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist.

Oft lehret man auch Wahrheit und Irrtum zugleich, und hält sich an letzteren.“

Dazu ein Auszug aus einem Gespräch zwischen Goethe und Eckermann

Mangel der Deutschen an Tatkraft und Praxis Gespräch mit Eckermann (1828)

Ein Gespräch aus der Zeit der heiligen Allianz (Russland, Österreich, Preußen) bis zum Tod Friedrich Wilhelms III.

Goethe seufzte und schwieg.

Ich dachte an die glückliche Zeit des vorigen Jahrhunderts, in welche Goethes Jugend fiel; es trat mir die Sommerluft von Sesenheim vor die Seele und ich erinnerte ihn an die Verse:

„Nach Mittage saßen wir

Junges Volk im Kühlen“.

„Ach!“ seufzte Goethe, „das waren freilich schöne Zeiten!“ – Doch wir wollen sie uns aus dem Sinne schlagen, damit uns die grauen Nebeltage der Gegenwart nicht ganz unerträglich werden.“

Das Gespräch begann Goethe mit den Worten:

 „Ich brauche nur in unserem lieben Weimar zum Fenster hinauszusehen, um gewahr zu werden, wie es bei uns steht. Als neulich der Schnee lag und meine Nachbarskinder ihren kleinen Schlitten auf der Straße probieren wollten, sogleich war ein Polizeidiener nahe und ich sah die armen Dingerchen fliehen, so schnell sie konnten. Jetzt, wo die Frühlingssonne sie aus den Häusern lockt und sie mit ihresgleichen vor ihren Türen gerne ein Spielchen machten, sehe ich sie immer geniert, als wären sie nicht sicher und als fürchteten sie das Herannahen irgendeines polizeilichen Machthabers.  

–Es darf kein Bube mit der Peitsche knallen oder singen oder rufen, sogleich ist die Polizei da, es ihm zu verbieten. Es geht bei uns alles dahin, die liebe Jugend frühzeitig zahm zu machen und alle Natur, alle Originalität und alle Wildheit auszutreiben, sodass am Ende nichts übrigbleibt, als der Philister (ein kleinbürgerlich-engstirniger Mensch).  

Sie wissen, es vergeht bei mir kaum ein Tag, wo ich nicht von durchreisenden Fremden besucht werde. Wenn ich aber sagen sollte, dass ich an den persönlichen Erscheinungen, besonders junger deutscher Gelehrten aus einer gewissen nordöstlichen Richtung große Freude hätte, so müsste ich lügen. – Kurzsichtig, blass, mit eingefallener Brust, jung ohne Jugend, das ist das Bild der meisten, wie sie sich mit darstellen. – Von gesunden Sinnen und Freude am Sinnlichen ist bei ihnen keine Spur, alles Jugendgefühle und alle Jugendlust ist bei ihnen ausgetrieben, und zwar unwiederbringlich; denn wenn einer in seinem zwanzigsten Jahr nicht jung ist, wie soll er es in seinem vierzigsten sein.“

Das Gespräch beendet Goethe lächelnd mit dem Satz: „Wir wollen indes hoffen und erwarten, wie es etwa in einem Jahrhundert mit uns Deutschen aussieht. Und ob wir es sodann dahin gebracht haben, nicht mehr abstrakte Gelehrte und Philosophen, sondern Menschen zu sein.“

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Kriege hinterlassen immer Spuren der Zerstörung – die Zerstückelung eines Volkes und der Raub deren Seele Um das Wesen und die Tugenden des deutschen Volkes zu verstehen, müssen wir uns immer wieder auf Zeitreisen begeben.

Daher möchte ich dem Gespräch Goethes mit Eckermann folgend, noch ein paar Sätze aus den letzten Zeiten des deutschen Reichs hinzufügen, beruhend auf dem Feldzug des Jahres 1792 (Übernommen von Christian Stacke Deutsche Geschichte).

„Nicht Deutschland hat Frankreich zum Kriege herausgefordert.“(das lässt sich im Übrigen auch auf alle Kriege, die noch folgen sollten, übertragen), vielmehr waren es die in der gesetzgebenden Versammlung dominierenden Girondisten, die Anhänger Brissots, welche das neugeformte Staatswesen mit dem Kranze kriegerischer Erfolge schmücken wollten. Sie verweigerten den Elsässer Reichsständen die gebührende Entschädigung und drängten den unglücklichen König Ludwig, das rettungslose Opfer der Bewegung, dem Kaiser, welcher die französischen Frechheiten würdig und maßvoll beantwortet hatte, am 20. April 1792 den Krieg zu erklären.“

Anders also, als man es uns über Jahrzehnte hinweg immer lehrte oder versuchte es zu lehren. Menschen, die bewusst Fragen stellen, außerhalb des uns Vorgefertigten, werden auch Antworten erhalten.

Stellen wir also Fragen! Dann erfährt die Tatkraft der Deutschen vielleicht wieder Impulse.

Quelle:

Deutschland, Deutschland, Texte aus 500 Jahren (herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold

Deutsche Geschichte – in Verbindung mit Anderen L. Stacke II. Band (Verlag von Velhagen und Klasing 1881)

Foto: Traum und Märchen – Flucht aus der Wirklichkeit (Moritz von Schwind)


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