Pogrom in Jedwabne – wenn dunkle Geheimnisse die Archive verlassen

Teil V aus der Reihe „Die Anklage hören viele, die Rechtfertigung wenige…“

Schon seit dem Ende des Ersten Weltkrieges verfolgte man in Polen nicht nur Deutsche, sondern besonders eifrig auch Juden, Ukrainer und andere Minderheiten. Mehr als eine halbe Million Deutsche und eine halbe Million Juden haben deshalb Polen bis zum 1. September 1939 verlassen müssen. Das Predigen der „Gottesmordschuld“ gehörte in Polen bis weit nach der Befreiung Polens und der damit gewonnenen Erkenntnisse zum Credo.

Gestattet sei mir zunächst ein Rückblick auf historische Vorgänge, die vermutlich nur wenige kennen.

„Nach den erfolgreichen Abwehrschlachten von 1914 und 1915 an der deutschen Ostfront bei Tannenberg und den Masurischen Seen verlagerte sich der dortige Kriegsschauplatz immer tiefer in das von Russland besetzte Polen hinein. Dort lebten mehrere Millionen Juden, die wie die polnische oder ukrainische und zuvor die deutsche Bevölkerung unter den Drangsalen des Krieges litten. 1916 wurde auch Serbien von den verbündeten Truppen der Mittelmächte unter der Führung von Generalfeldmarschall Mackensen erobert.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man in der amerikanischen Presse nur darauf hingewiesen, dass die christlichen Polen, Ukrainer und Deutschen die unvermeidbaren Härten, die jede Kriegführung mit sich bringt, erlitten. Doch die Juden, die schon von den Russen und Polen verdammt worden waren, begegneten einer konzentrierten Orgie von Hass, Blutdurst und Rache.“

Ab dieser Zeit wurde Deutschland als neue Besatzungsmacht für Entbehrungen und materielle Engpässe verantwortlich gemacht, die zwangsläufig während eines Krieges auftreten und alle besetzten Bevölkerungsteile in etwa gleichem Maße treffen.

Zur Stimmungsmache gegen die Deutschen brachte die amerikanische als auch die britische Presse ein Schauermärchen nach dem nächsten in Umlauf. Später stellten sich diese Veröffentlichungen als Lügen heraus, doch wer will davon später noch was hören?

All das geschah lange vor dem Eintritt Hitl.ers in das Weltgeschehen.

Und wie sich das mit der Propaganda so gestaltet, erfahren wir gegenwärtig „hautnah“.

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Doch nun zurück in die Zeit der unerwähnten, wenn auch „aufgedeckten“ Verbrechen – also solche, die man viel lieber hinter dicken Mauern unter Verschluss gehalten hätte. Doch manchmal kommt eben auch die Wahrheit ans Tageslicht.

Wir schreiben das Jahr 2000.

Mehr als einmal unternahm man den Versuch der Notwendigkeit, auch die polnischen Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts anzuklagen, die Opfer zu entschädigen und geltendem weltlichen Recht und kirchlicher Moral endlich Geltung zu verschaffen. Doch dem schenkten die Kirchenfürsten keine Aufmerksamkeit.

Also bleibt alles wie gehabt: Unter Verschluss.

Oder doch nicht? Im Jahr 2001 legt der jüdische Wissenschaftler aus Warschau Jan T. Gross, selbst ein Überlebender des Holocaust die Geschehnisse in Jedwabne offen.

Hier hatten 1941, nach dem Abzug der sowjetischen Truppen, polnische Einwohner ihre jüdischen Nachbarn in einer Holzscheune verbrannt. Die Scheune wurde mit Benzin bespritzt und angezündet. Die Opfer verbrannten qualvoll bei lebendigem Leib.

Lange Zeit verwies ein Stein mit der Inschrift: „Die Juden von Jedwabne – ermordet von der Gestapo“ auf den Pogrom von Jedwabne.

Auf diesem Gedenkstein sprach man von 1.600 Ermordeten, die einem Nazi-Massaker zum Opfer gefallen waren.

(Die Zahl der Opfer wurde selbstverständlich nach unten „korrigiert, gleich nach der Bekanntgabe, dass es nicht die Deutschen waren).

„Erst nach Jahrzehnten kam durch Gross die Wahrheit, nämlich die Täterschaft der Polen, ans Licht.

Jan T. Gross legte schonungslos dar, welche Verbrechen insbesondere von der polnischen Bevölkerung begangen wurden, ob bei der Jagd auf ihre jüdischen Mitbürger und der Zulieferung an die deutsche SS oder durch selbständige Mordaktionen.“

„Die Aufdeckung dieser polnischen Verbrechen löste in Polen die bis dahin größte historische Debatte aus, denn ein fest im Bewusstsein eingegrabener Geschichtsmythos wurde plötzlich als Legende entlarvt.“

„Darüber hinaus zeigt der polnisch-amerikanische Soziologe Jan Thomas Gross in einem längeren Essay auf, wie die polnische Bevölkerung sich an dem Eigentum der 3,5 Millionen Juden in Polen bereicherte. Als „Goldene Ernte“ bezeichnete er die Raubzüge und Plünderungen. Ein von ihm veröffentlichtes Bild zeigt eine größere Gruppe mit Spaten ausgerüsteter Bäuerinnen und Bauern, die sich im Lager Treblinka fotografieren ließen. Nach dem Abzug der Deutschen, so schildert Gross, hatten Polen die Erde und die Asche des Lagers ausgegraben, um die letzten Kostbarkeiten der ermordeten Juden zu finden.“

Weitere Informationen:

  • Gründliche Untersuchungen weisen daraufhin, dass Jedwabne nicht der einzige Fall dieser Art war. Allein in der Gegend rund um Jedwabne gab es rund 30 Pogrome.
  • Neben Jedwabne werden weitere Pogrome, die polnische Bürger an ihren jüdischen Mitbürgern in mehreren Städten (unter anderem auch in Wasosz und Radzilow, Grajewo,Wizna,Goniądz, Szczuczyn –, Kolno, Stawiski, Rajgród) verübten, genannt.
  • Sara Bender  (Dozentin am Institut für jüdische Geschichte der Universität Haifa) sagt, dass die Menschen in Jedwabne auch zugeben, dass die Bewohner das Pogrom begonnen haben, und sie fügt hinzu, dass es kein ungewöhnlicher Vorfall gewesen sei, sondern einer von vielen, bei denen nichtjüdische Polen ihre jüdischen Nachbarn während des Krieges ermordet hatten.

Quelle:

  • Jan Thomas Gross „Nachbarn“
  • Auszug aus einer Niederschrift von Rudi Pawelka, ehemaliger Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien
  • Auszüge aus den Schriften der Sara Bender, Dozentin am Institut für jüdische Geschichte der Universität Haifa
  • Auszug aus einem Artikel der Sächsischen Zeitung vom 7. /8. Juli 2001

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