Aus der Zeit von fast fortwährender Gefahr, blutigem Krieg und sehr erschütternden Erlebnissen entstand nicht nur der wahre, geschichtliche Held wie zum Beispiel Arminius oder Theoderich I., sondern auch der Held in der Literatur, wie er noch heutzutage in den alten Sagen und Heldenliedern zu sehen ist. Fritz Martini beschreibt die Entstehung des Helden wie folgt: „Aus dem Lebensgefühl dieses Kriegertums, aus der Wucht und Tragik dieser Untergänge, aus der Bewunderung der Taten und aus der Trauer um die Anführer ist die germanische Helden- dichtung entwickelt worden.“

Diese Zeiten erlebten die Germanen gemeinsam, als einzelne Stämme und auch als ein ganzes Volk, alle von demselben Feind bedroht, bis sie endlich „im Laufe der Wanderzeit . . . allmählich stammesmäßige Individuen wurden.“ Wilhelm Treue bemerkt in seinem Buch Deutsche Geschichte Folgendes: „Dem Wandern der Gruppen entsprach, von der gleichen Unruhe getrieben, der vagabundierende, nach Individualisierung strebende einzelne Held—so dass es in der Wanderzeit auch innerhalb der Stämme zu höheren Differenzierungen des Lebens kam.“‚ Diese Differenzierungen waren also die Gestalten, die oft als hervorragende Führer und Krieger an der Spitze ihres Volkes oder Stammes standen.
Ist es an der Zeit für echte Helden? Vielleicht. Vielleicht aber auch, sollten wir dieser /unserer Zeit ihren Charakter in Form von Schriften, Bildern, Geschichten verleihen. Nie wird die Geschichte vollkommen sein. Das soll sie auch nicht. Aber sie erinnert, mahnt und führt uns zurück zu unseren Wurzeln. Es ist ja schließlich ganz natürlich, dass man sich zuerst mit der Geburt, der Heimat und der Herkunft der Gestalt, um die es sich handelt, beschäftigt.
Besonders die Menschen, die auch in der Gegenwart auf der Suche nach ihren Ursprüngen sind, die Mutter und Vater nicht kennen (durch Adoption o. ä) verstehen gewiss, was ich meine. Denn wenn wir uns nicht unseres Ursprungs gewiss sind, wenn wir keine Anhaltspunkte haben, wenn uns diese Verbindung fehlt, bleiben wir in Teilen unberührt.
Dazu fällt mir noch eine Geschichte von Tacitus „Germania“ zum Kriegswesen der Germanen ein.
„Könige wählt man nach ihrem Adel, Führer nach ihrer Tapferkeit. Doch auch der Könige Macht ist nicht ohne Schranken, nicht Willkür, und die Führer wirken weit mehr durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie überall zur Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kämpfen und zur Bewunderung fortreißen.
Auch ist es ihnen nicht erlaubt, über Leben und Tod zu richten, noch fesseln zu lassen; ja selbst zu Schlägen verurteilen dürfen nur Priester, gleichsam als geschähe es nicht zur Strafe noch auf Befehl des Führers, sondern gewissermaßen auf Geheiß der Gottheit, die nach germanischem Glauben über den Streitenden waltet.
So nehmen sie auch Bilder und gewisse Götterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und ein besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, dass nicht ein Ungefähr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader und Keile entstehen lässt, sondern dass Familien und Sippen zusammenhalten. Dann sind auch für jeden seine Lieben ganz nahe, und da hört er das schrille Geschrei der Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten Zeugen, hier das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin kommt er mit seinen Wunden, und die schrecken nicht zurück, zählen und prüfen sie ihm und bringen den Kämpfern Speise und Zuspruch.“
Und weiter schreibt Tacitus:
„Es ist uns überliefert, dass Frauen, mehr als einmal, schon wankende und weichende Reihen durch ihr unablässiges Flehen, die Brüste entblößend und auf die drohende Gefangenschaft deutend, wiederhergestellt haben. Denn ihre Frauen gefangen zu denken, ist ihnen ganz unerträglich, und das geht so weit, dass Völkerschaften, die unter ihren Geiseln auch adlige Mädchen stellen müssen, wirksamer gebunden sind.
Ja, sie schreiben den Frauen etwas Heiliges, Seherisches zu und verschmähen nicht ihren Rat, überhören nicht ihren Bescheid. Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus Zeit Veleda weit und breit als göttliches Wesen galt. Aber auch früher haben sie Albruna und manche andre Frau verehrt, doch nicht aus Schmeichelei, noch als machten sie Göttinnen aus ihnen.“
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Quelle
Auszug aus Tacitus „Germania“
Germanische Heldensage Fritz Martini