Bevor ich zu den nächsten Kapiteln übergehe von die „Die Anklage hören viele, Rechtfertigung wenige…“, möchte ich noch etwas aus den Niederschriften meiner zitieren, in denen sie auch über Erlebnisse einer (damaligen) Kollegin berichtet.

Gleich zu Beginn dieses Kapitels ihrer Memoiren fasst sie die Ausgangssituation kurz zusammen und berichtet anschließend vom Schicksal ihrer damaligen Kollegin.
Ich zitiere:
„Die Archive in Deutschland sollten endlich geöffnet und die nachweisbaren Tatsachen, also Dokumente und Bildmaterial veröffentlich werden. Angefangen beim dem erzwungenen Versailler Vertrag über die Zeit nach 1919, wichtig die Meldungen des Auslands in den Jahren von 1933 -. 1939 und vor allem die abertausenden Berichte von 1945/46/47, abgegeben von den Millionen Vertriebenen, die von Polen, Russen geschlagen, gefoltert, vergewaltigt wurden, die in den polnischen und tschechischen KZ-Lagern Hunger, Kälte, schwere körperliche und seelisch Übergriffe ertragen und täglich das Sterben der Kinder, Alten und vergewaltigten Frauen erleben mußten. In den Archiven liegen auch Berichte von den wenigen mit körperlichen und seelischen Schäden zurückgekehrten Deportierten vor: von den unmenschlichen Bedingungen in den Arbeitslagern und den Fußmärschen in diese, wo Tausende starben.
In Ostpreußen liefen Hunderte von Kindern im Alter von 7 Jahren, manchmal noch mit jüngeren Geschwistern über die Brücke nach Litauen, sie hatten vorher mit ansehen müssen wie ihre Mütter und Großeltern bestialisch ermordet wurden oder an Hunger starben. Sie lebten dort in den Wäldern, gingen bei den Bauern um Essen betteln, manche nahmen sie auf, trotzdem ihnen von den Russen die Erschießung drohte, wie viele dort starben, weiß heut keiner mehr. Manche konnten über das Roten Kreuz Ende der 60er Jahre zu ihren Verwandten (wenn es noch Onkel, Tante usw. gab, die sie suchten) in Westdeutschland Verbindung aufnehmen viele haben erst nach 1990 nach Angehörigen suchen können. Es gibt Fernsehfilme von solchen Wiedersehen, ich habe zwei aufgenommen, es wird zwar die Tragik dieser Geschichte gezeigt, aber nicht deutlich genug auf die Verbrechen der Russen und Kommunisten in der DDR hingewiesen. Ich selbst habe so ein Schicksal von einer Kollegin miterlebt.
1952 arbeitete ich im RAW Schlauroth in der Verwaltung und hatte dort eine Kollegin aus Ostpreußen. Sie war eine ausgezeichnete Buchhalterin. In einer Mittagspause hat sie mir ihr Leid mitgeteilt; denn öffentlich durfte sie nicht darüber sprechen. (das war, Verunglimpfung der Sowjetunion und unwahre Aussagen, da es ja für die Roten keine Vertreibung gab).
Die unfassbare Geschichte: 1944 will sie mit ihren beiden Kindern, (4 und 6 Jahre) ihrem Vater und der Großmutter flüchten (Mutter war tot, Mann an der Ostfront vermisst). Sie besteigen einen der Flüchtlingszüge. Auf dem Bahnhof kommt ein Ausruf, dass Mütter noch besonderes Essen für die Kinder empfangen können. Sie stieg aus und eilt durch eine dicht gedrängte Menschenmenge, die auf die Einfahrt des nächsten Zuges warten, weil die Züge auf den Bahnsteigen überfüllt sind. Sie nimmt das Essen in Empfang, kommt zurück ins Abteil und die Kinder sind nicht mehr da. Der Vater sagt, sie seien ihr nachgelaufen. Sie will aus dem Zug springen, aber die Menschen halten sie zurück und trösten sie, dass sie im nächsten Zug sitzen und vom Roten Kreuz betreut werden.
Als sie in der späteren DDR ankamen und ausstiegen ging sie nicht mit der Menschenmenge mit, die in ein Lager zur Aufnahme und Einweisung in Baracken oder andere Gebäude von Helfern des Roten Kreuzes geführt wurden. Sie blieb vollkommen aufgelöst auf dem Bahnsteig stehen und wollte auf den nächsten Zug warten. Als der Bahnsteig leer nur sie und ihr Vater und Großmutter auf einer Bank Platz genommen und die Koffer mit den wenigen Sachen hingestellt hatten, kam eine Angehörige des Roten Kreuzes und teilte ihnen mit, dass in ihrem Ort kein Flüchtlingszug mehr ankommen wird, weil alles überlegt im Ort und Umgebung ist.
Sie sagte zu mir: ”Obwohl die anderen mir alle zuredeten, die Kinder kennen ihren Namen und haben dazu noch ein Schildchen um den Hals, ihr werdet wieder zusammenkommen, wusste ich, ich werde sie nie mehr wiedersehen.”
Es waren inzwischen 7 Jahre vergangen ohne jegliches Lebenszeichen. Über das westliche Rote Kreuz, hatte sie Bekannte aus der Heimatstadt gefunden. Es durfte niemand wissen., dass sie in Westberlin nachgeforscht hatte. Uns liefen beiden die Tränen herunter, wir hatten Angst, dass die Kollegen an den Nebentischen etwas mitbekommen könnten, und trennten uns. In den späteren Monaten und Jahren sagte sie immer wieder:” Nichts Neues.” 1955 verließ ich den Betrieb. Erst 1960 traf ich sie wieder. Sie kam freudestrahlend auf mich zu und sagte sie hat vor einigen Monaten ihre Kinder wiedergefunden. Der nächste Zug war damals in den Westen Deutschlands gefahren. Die Kinder kamen in ein Heim und wurden später von Pflegeeltern großgezogen, inzwischen waren sie erwachsen.
Sie sagte:” Es war eine schöne Begegnung, aber alles so fremd, ich sah immer noch meine kleinen hilflosen Kinder und jetzt waren sie groß und selbständig.” Die Kinder und die Pflegeltern wünschten, dass sie zu ihnen zieht, das wollte sie noch überlegen. Wahrscheinlich ist sie dann doch zu ihnen gegangen, noch vor der Mauer, ich habe sie nie mehr gesehen.“



