Es war einmal… Vergessener Völkermord und verschwiegene Geschichte – Rheinwiesenlager

Zwischen medialer „Wirklichkeit“ und der Wahrheit von Betroffenen zu urteilen ist oft nicht einfach.

Ich sitze nunmehr Tag 7 an dem Text zum Rheinwiesenlager. Und ich hangle mich von Quelle zu Quelle. Es ist so unbegreiflich, dass es sich schwer in Worte fassen lässt. Denn die Zusammenhänge, also das, was zuvor „abgehandelt“ wurde, spricht Bände. Man muss verstehen, unter welchen Bedingungen das Desaster der Lager verborgen lag.

Bevor ich zu dem eigentlichen Unheil komme, greife ich auf die Niederschriften meiner Mutter zurück. Ich finde, über diese Erzählungen bringt man sich das Geschehen etwas näher, insofern man dazu bereit ist.

Meine Mutter war mit diesem Wissen, das mir nun nach und nach auch zuteilwird, zurecht entsetzt, als sie sich in Münster das Glockenspiel mit der Marseillaise anhören musste. (Siehe Beitragsfoto mit handschriftlichem Vermerk).

Für sie war es wie ein Schlag auf den Kopf und eine Verhöhnung der Toten auf den Rheinwiesen

Weiter schreibt sie: Franzosen waren es, die dem deutschen Kaiserreich 1914 und auch am 3.9.1939 dem Deutschen Reich den Krieg erklärten und 1945 die deutschen Kriegsgefangenen auf den Rheinwiesen, auf dem nassen und verschlammten Boden bei Kälte ohne Decken und Essen zu Tausenden sterben und die Bevölkerung in der französischen Zone hungern ließen.

Am Mittelrhein gibt es heute große, von der deutschen Kriegsgräberfürsorge gepflegte Gräberfelder, in denen, die damals 20- bis 30-jährigen verhungerten deutschen Soldaten, bestattet wurden.

Einzelne Lager wurden 1945 von den amerikanischen Truppen an die Franzosen übergeben.

Meine Mutter beschrieb diese Zeit und das Geschehen wie folgt: Auszug – Zitat:

„Die meisten deutschen Opfer wurden nicht während des Krieges durch direkte Kampfhandlungen getötet, sondern starben nach dem Ende des Krieges durch Verhungern, Erfrieren, Gewalt und Mord bei Flucht und Vertreibung, auf Gewaltmärschen, Transporten und in Lagern!

Nun wieder zu 1948

  Durch die starke Kälte (unter  -20° ) im Winter und das Fehlen dementsprechender Sachen gab es viele Erfrierungen. Auch meine Eltern und ich hatten schmerzhafte Erfrierungen an den Füßen. Ein alter Freund, der 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte, hatte auf dem Schwarzmarkt für sich Stiefel erworben, die ihm jedoch nicht paßten und die er mir schenkte. Trotzdem diese mir viel zu groß waren, habe ich sie angezogen.

Rudi Enders aus Hildburghausen, den ich 1941 in G. kennen lernte und mit dem ich immer in brieflicher Verbindung stand, kam 1944 in Afrika in amerikanische Kriegsgefangenschaft, kehrte 1946 zurück, mußte ins Durchgangslager Hoyerswerda, wo ich ihn besuchte Er kam dann oft nach G. und wir fuhren auch gemeinsam zu seinen Verwandten nach Hildburghausen

    Während seiner Kriegsgefangenschaft hatte er im Lager                                 eines großen Kaufhauses gearbeitet, 3 Mahlzeiten bekommen und konnte sich frei bewegen. Kameraden und auch er wollten dortbleiben, dürften aber nicht. 

Dies ist erwähnenswert, weil die französischen Kriegsgefangenen, die 1941 bei Mauksch arbeiteten, ebenso behandelt wurden! Dagegen haben die Franzosen tausende deutsche Kriegsgefangene auf den Rheinwiesen bei Regen, Wind und Kälte ohne Decken auf der durchweichten Erde und ohne Essen verhungern lassen. Und sie führten Kinder 14/15/ 16-Jährige mit Soldaten auf langen Märschen in Kriegsgefangenschaft nach Frankreich.  Das Fernsehen brachte Beweis, mit dem Film am 19.3.2008 um 22.30 Sender – Phönix –  3 Männer damals 15-jährig berichteten von der Gefangenschaft, sie hatten diese mit nur Einzelnen überbelebt!

Russen ließen Millionen Kriegsgefangene, darunter Krankenschwestern und Nachrichtenhelferinnen, ebenso Deportierte Zivilpersonen in Gruben, beim Holz fällen in Sibirien an Hunger sterben!  Von den wenigen, die zurückgekommen sind, war der größte Teil todkrank, die in Bleigruben arbeiten mußten, meist blind. Eine Frau erzählte mir, dass in den Lagern Kälte herrschte, in den Gruben Hitze und sie die wenige Kleidung, die sie noch besaßen bei der Arbeit auszogen, um draußen nicht zu erfrieren. Ein mir bekannter Masseur hatte das Augenlicht verloren. 2 Personen von Hunderttausenden, die überlebten und zu denen ich persönlichen Kontakt hatte!

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Und was taten die Alliierten? Sie sprechen von „Pastoralisieren“. Sie sprechen eine Sprache, in der man Menschen durch Täuschen beherrscht.

„Im Sommer 1943, als Churchill dabei war, London zu verlassen, um Roosevelt auf einer Konferenz in Quebec zu treffen, fragte ein Reporter des Time-Magazins; «Werden Sie Deutschland Friedensbedingungen anbieten? » Churchill erwiderte in jovialem Ton: «Um Himmelswillen: Nein! Die würde dies sofort annehmen. Alle lachten.“

Und so nahm alles seinen Lauf….

Wer sich näher mit der Geschichte beschäftigt, wird nachweislich davon unterrichtet, dass die Deutschen während der Kriegszeit mehr als einmal die Friedensfühler ausstreckten. So wie wir es bereits aus Zeiten des Ersten Weltkrieges wissen.

Wie und wer hat über das Schicksal der deutschen Gefangenen entschieden?

Dazu wähle ich die einleitenden Worten des James Baque aus seinem Buch „Der geplante Tod „(Der gesamte Inhalt des gut recherchierten Buches ist aufschlussreich und dramatisch zugleich).

„Josef Stalin sagte beim Abendessen, dass er nach dem Krieg 50’000 deutsche Offiziere zusammentreiben möchte, um sie zu erschießen. Winston Churchill war entsetzt. «Lieber würde ich mich hier und jetzt in den Garten führen und erschießen lassen, als meine eigene und die Ehre meines Landes durch eine solche Infamie beflecken zu lassen», antwortete er mit Heftigkeit. Franklin Roosevelt reagierte mit Albernheit und schlug als Kompromiss vor, nur 49’000 Gefangene zu erschießen. Stalin, der Gastgeber, veranstaltete eine Umfrage unter den neun Männern am Tisch. Der Sohn des Präsidenten, Elliott Roosevelt, Brigadegeneral der US Army, erwiderte mit einem Trinkspruch auf den Tod «nicht nur jener fünfzigtausend … sondern ebenso vieler Hunderttausender weiterer Nazis». Starr vor Staunen hörte Churchill ihn sagen: «… und ich bin überzeugt, dass die Armee der Vereinigten Staaten das unterstützen wird. » Hocherfreut umarmte Stalin den jungen Roosevelt und brachte seinerseits einen Trinkspruch auf den Tod der Deutschen aus.“

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Was ein zivilisiert denkender Mensch noch nicht einmal zu denken wagt…

Die besiegten Soldaten hofften auf milde Behandlung, doch es sollte alles anders kommen.

„100 Mann ein Brot“

…, Folter, Misshandlung, fast eine Million in amerikanischer und französischer Gefangenschaft vernichtete Soldaten.

Ende April 1945 ertönte am größten Teil der Westfront statt Kanonendonners das Schlurfen von Millionen Stiefeln der Kolonnen entwaffneter deutscher Soldaten. Erschöpft marschierten sie den Stacheldrahtumzäunungen der Alliierten entgegen. Versprengte Feindeinheiten feuerten ein paar Salven, bevor sie sich im Lande auflösten und schließlich von alliierten Soldaten gefangen genommen wurden

(Vorwort übernommen von Oberst Ernest E Fisher Jr.)

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Auszug aus einem Bericht eines Zeitzeugen (am Ende des Berichts findet ihr dazu einen Link):

„Es war ein gespenstischer Anblick, als die deutschen Soldaten in Sechserreihen, bewacht von französischen Soldaten, an unserem Haus vorbeizogen. Es herrschte eine bedrückende Stille, während sich die ausgehungerten Gefangenen in Richtung Brohl schleppten. Wenn ein Gefangener zusammenbrach, schlugen die Bewacher mit Gewehrkolben auf ihn ein, bis er sich mit Hilfe seiner Kameraden wieder erhoben hatte und weitermarschieren konnte“.

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„Außer jedem Zweifel steht, dass vom April 1945 an Männer in enormer Zahl sowie etliche Frauen, Kinder und alte Leute in den amerikanischen und französischen Lagern in Deutschland und Frankreich an klima- und witterungsbedingten Krankheiten, an den Folgen unzureichender Hygiene, an Krankheit und Hunger gestorben sind. Die Zahl der Opfer liegt zweifellos bei mehr als 800’000, beinahe mit Sicherheit bei mehr als 900’000 und durchaus wahrscheinlich bei mehr als einer Million. Die Ursachen ihres Todes wurden wissentlich geschaffen.

Die Kriegsgefangenen hausten vielfach in Erdlöchern oder auf der blanken Erde auf den Feldern und Rheinwiesen, wo sie Wind und Wetter ausgesetzt waren. An Erschöpfung, Unterernährung, Krankheit und Hunger starben die Soldaten in den Lagern.“ 

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Obwohl es genügend Ressourcen gab, um die Menschen ausreichend zu verpflegen, hat man sie unter teils unmenschlichen Bedingungen unter freiem Himmel in großen, unterversorgten Lagern eingepfercht. Um sich vor Kälte, Regen und Sonne zu schützen graben die Menschen mit bloßen Händen oder Dosen Löcher in die Erde. Die Angst darin zu sterben ist allgegenwärtig.

Systematisch wurde deren Tod durch bewusst gesteuerten Nahrungsentzug vorangetrieben, obwohl in den Depots genügend Lebensmittel vorhanden waren und somit die Genfer Konventionen nicht eingehalten wurden.

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 Die Phasen einer Tragödie auf einen Blick:

  1. Phase 1: Gegen Ende 1944: Die Deutschen starben, Städte waren zerbombt und zerstört, Streitkräfte eingekreist und auf allen Fronten auf den Rückzug. Und doch fürchteten die Alliierten Deutschland trotz ihrer eigenen ungeheuren Übermacht.  
  2. Churchill fürchtete das der deutsche Kampfgeist wieder erstarken könnte…
  3. Roosevelt befürchtete, dass die deutsche Industrie sich wieder erholte und die Märkte der Welt erobern würde…
  4. Stalin befürchtete, dass der deutsche Faschismus wieder auferstehen und Kommunismus vernichten würde…
  5. Phase 2: Die Mächtigen besprachen den Plan Deutschland zu pastoralisieren, das soviel bedeutet wie: Selbst, wenn sich die Deutschen ergeben hätten, es keinen Frieden geben würde. Stattdessen würde der Krieg fortgesetzt, nur mit anderen Mitteln.
  6. Phase 3: Alliierte warfen Flugblätter ab, über deren Inhalt Friede, Nahrung und Obdach versprochen wurde, wenn die deutschen Soldaten sich ergeben würden. Kurz: Sie verbreiteten (falsche) Hoffnung.
  7. Phase 4: Diese erfolgt unter den Fittichen des Finanzministers Morgenthau. Gemäß dem Morgenthau-Plan hat Roosevelt das Ansinnen Deutschland in Weideland umzuwandeln befürwortet, unter dem Widerspruch Churchills, der das Vorhaben als widernatürlich bezeichnete. Doch als 6 Milliarden Dollar über die englische Tafel flossen, segneten Churchill und Rossevelt den Plan in aller Heimlichkeit ab.
  8. Phase 5: Die Presse deckt auf, dass gemäß dem Morgenthau Plan die Deutschen dem Hungerkrieg ausgeliefert würden. Das wiederum führte bei einigen Menschen in Nordamerika und Britannien zu Empörung, weil sie Frieden und nicht Rache wollten. (Darauf änderte man den Namen Morgenthau-Plan in Generalstabsbefehl jcs 1067 um)
  9. Phase 6: Angeblich ständen die deutschen Kriegsgefangenen nach der Genfer Konvention unter dem Schutz des internationalen Roten Kreuzes. Das zumindest behaupteten die Alliierten in einer Pressekonferenz im Mai 1945.
  10. Phase 7: Doch hinderten die Amerikaner das Rote Kreuz daran die hungernden Gefangenen aufzusuchen. Dem nicht genug: Eisenhower versuchte dieser Art der Behandlung einen rechtlichen Anstrich zu geben und beauftragte Marshall eine Kategorie für die gefangenen deutschen Soldaten zu erfinden. Darüber verloren die Soldaten das Recht im Lager von Inspektoren des Roten Kreuzes besucht zu werden. So gelang es Eisenhower die tödlichen Bedingungen in den Gefangenenlagern der US- Armee vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
  • Berichte von Überlebenden dazu gibt es genug.

Nicht zuletzt drängt sich mir der Gedanke auf, dass das, was wir heute erleben, eine Fortsetzung des Morgenthau-Plans ist, nur mit anderen Mitteln. Aber das nur am Rande.

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Quellen:

  • /2023/02/der_geplante_tod_rheinwiesen James Barque
  • Dokumentation zu „Rheinwiesen 1945“ von Hermann the German, mit Berichten von Überlebenden > Video

http://www.rheinwiesenlager.de/buederich.htm

Ein Zeitzeugenbericht:

Alfred Martensen

 In den Rheinwiesen

bei Büderich  und Wickrathberg

Am 30.4.1945, ausgerechnet an meinem Geburtstag, geriet ich in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Zunächst hielt ich es für ein Geburtstagsgeschenk, bei den Amerikanern in Gefangenschaft zu geraten und weil der Krieg für mich zu Ende war, später wurde ich jedoch eines Besseren belehrt.

Fahrt

Die Amerikaner brachten uns zunächst auf eine große Wiese, dann wurden wir am nächsten Tag auf riesengroße Lastkraftwagen verladen und ab ging es in Richtung Rheinland zu den berüchtigten Rheinwiesen. Die Fahrt dorthin war schrecklich. Wir standen so dicht zusammen wie Sardinen in einer Sardinendose und konnten uns weder bücken noch rühren. Die Fahrt war recht gefährlich.

Manche Straßen, die durch Bäume begrenzt wurden, waren nicht für die überhohen amerikanischen LKWs geeignet. Äste und Zweige fegten über unsere Köpfe hinweg und führten zu Verletzungen. Die Fahrt ging ohne Rücksicht mit großer Geschwindigkeit weiter zu den Rheinwiesen bei Büderich

Lager

Hier wurden wir auf ein großes Feld getrieben, auf dem sich bereits etwa 80 000 Kriegsgefangene befanden. Wir sahen eine graue Menschenmasse, soweit das Auge reichte. Das Feld war umgeben von hohen Wachttürmen, die mit Scheinwerfern ausgerüstet waren und von einem hohen Stacheldrahtzaun mit mehreren aneinander liegenden Stacheldrahtrollen. Außerdem war die Fläche in einzelne, ebenfalls mit Stacheldraht umgebene Camps unterteilt mit jeweils zwei- bis dreitausend Gefangenen. Es waren weder Zelte, Waschräume noch Toiletten vorhanden. Die Menschen lagen auf der nackten Erde, die bald vom Regen aufweichte und sich in Schlamm verwandelte. Mit den Händen oder irgendwelchen Dosen gruben sich die Gefangenen Löcher in die Erde, um Schutz vor Regen und Wind zu haben, trotzdem drang bei anhaltendem Regen die Nässe bis auf die Haut vor und ließ den Körper vor Kälte erzittern. Trinkwasser wurde aus dem Rhein gepumpt und war so stark gechlort, daß es kaum genießbar war. Außerdem mußten die Gefangenen mehrere Stunden anstehen, um ein wenig Wasser zu bekommen. Häufig wurde deshalb Regenwasser in Blechdosen aufgefangen und getrunken. Es dauerte nicht lange, bis die Ruhr ausbrach. Die Gräben, die ausgehoben wurden, um die Notdurft verrichten zu können, füllten sich mit blutigem Kot. Es gab kein Toilettenpapier, geschweige denn Waschmöglichkeiten, um ein Mindestmaß an Hygiene zu gewährleisten. Die Ruhr breitete sich rasant aus und forderte die ersten Verluste, die dann immer häufiger wurden, je mehr die Gefangenen an Unterernährung litten. Warme Mahlzeiten gab es in den ersten vier Wochen überhaupt nicht, denn es waren keine Küchen vorhanden. Die Rationen bestanden zum großen Teil aus unzubereiteten Bestandteilen wie rohe Bohnen, Erbsen, Ei-und Milchpulver, Fleischpulverextrakt und ähnlichem. Dazu mitunter ein Brot für etwa 30 Gefangene und ein etwa walnußgroßes Stück Käse oder Cornedbeef. Die gerechte Verteilung der Portionen war ein Problem für sich. Die letzte Verteilungsstufe für die Verpflegungsrationen waren Gruppen zu je 10 Personen. In dieser Gruppe wurde einer gewählt, der die Rationen aufteilen durfte, anschließend wurden die Rationen verlost. Tee und Kaffee wurden löffelweise verteilt. Da man keine Möglichkeit zum Kochen hatte, wurde der Kaffee gegessen und manch einer hat den Tee geraucht ohne Rücksicht auf die gesundheitlichen Folgen. Eine feiertagsähnliche Stimmung kam auf, wenn es einem gelang, ein wenig Pappe oder Holz von den Verpflegungskisten zu ergattern, womit man ein kleines Feuer entfachen konnte, auf dem man dann in einer Dose Tee oder Kaffee aufbrühte oder eine Suppe mit Hilfe von Fleischextrakt und Erbsen oder Bohnen kochte.

Lagerleitung

Besonders mißtrauisch war man gegenüber dem von den Amerikanern ernannten Lagerleiter und seiner Mannschaft, die die Essenrationen zu verteilen und andere Ordnungsarbeiten zu erledigen hatten. Es waren nicht gerade die vertrauenswürdigsten Personen, sondern meistens selbsternannte Antifaschisten und Speichellecker. 

Sterben

Nach einigen Wochen war der Hunger so groß, daß man an nichts anderem denken konnte als an Essen. Es wurden Rezepte ausgetauscht und fast nur über all die Köstlichkeiten, die man früher einmal genossen hatte, gesprochen. Die Liebe hingegen war hier kein Thema mehr. Der Körper wurde allmählich so geschwächt, daß es schwer fiel, die ganze Nacht umherzuwandern, wenn der Boden vom Regen aufgeweicht war und man sich nicht hinlegen konnte. Es gab manche, die so durch Krankheit und Unterernährung geschwächt waren, daß sie auf dem nassen Boden liegen blieben, oft war dies der Anfang vom Ende. Andere gruben sich fuchsartige Höhlen, um sich vor der Nässe zu schützen, jedoch stürzten die Höhlendecken, die ja nicht durch Balken oder dergleichen gestützt waren, bei anhaltendem Regen mitunter ein und begruben die darunter liegenden Menschen. Jeden Morgen wurden die in der Nacht verstorbenen Kriegsgefangenen gesammelt und an einem Platz am Drahtzaun deponiert, wo sie dann einmal täglich auf einen LKW verladen und abtransportiert wurden. Die am Tage im Sterben liegenden wurden in ein benachbartes Sanitätscamp getragen, wo sie jedoch auch nur auf Tragen am Boden lagen und starben.

Läuse

Ein Problem besonderer Art waren die vielen Läuse, die sich am ganzen Körper durch Juckreiz bemerkbar machten. Es war unmöglich, diese Plagegeister los zu werden, denn die einzige Wäsche, die man besaß, trug man am Leibe und war von Läuseeiern, den so genannten Nissen durchsetzt, so das die Zahl der neu geschlüpften Läuse die der „erlegten“ mehr als wettmachte.

Kameraden

Interessant, aber nur im nachhinein, ist die psychische Komponente in Bezug auf das soziale Verhalten von Menschen, die in einer Notsituation leben, wo jeder um das nackte Überleben kämpft. Es war schwer, neue Freundschaften zu knüpfen, das Mißtrauen gegenüber jedem war groß. Die Gefangenen hatten sich zu Kleinstgruppen von zwei bis drei Personen zusammengeschlossen, die sich meistens eine Art von Höhle oder Burg gebuddelt hatten und sich gegenüber der Umgebung abschotteten. Einer mußte immer in der Höhle bleiben, um aufzupassen, daß nichts gestohlen wurde. In der Nacht erscholl oft der Ruf:

Haltet den Dieb„. Wenn einer dann gefaßt wurde, mußte er um sein Leben fürchten.

Schmuggel

In jedem Lager bildete sich relativ schnell eine Händler- oder Schmugglerkaste heraus, die einen schwunghaften Handel über Stacheldrahtzäune hinweg zu den Bewachern mit Zigaretten, Ringen und Uhren betrieben und fast alles besaßen, was zum Überleben nötig war: Regenmäntel, Decken, Lebensmittelkonserven usw. Es hatten sich bald feste Preise gebildet wie z.B. 20 Zigaretten für einen Ehering und für eine Armbanduhr je nach Qualität 30 bis 60 Zigaretten.gFür Zigaretten konnte man wiederum alles mögliche eintauschen, vor allen Dingen Lebensmittel un d Holz, um sich eine Suppe zu kochen oder gar eine Decke.gIch selbst hatte nichts zum Eintauschen.

Meinem Kameraden, mit dem ich schon vor meiner Gefangennahme zusammen war, ging es ebenso.

Hilfe von außen

Mitunter versuchten Menschen aus den umliegenden Ortschaften, Brot über den Drahtzaun zu werfen. Meistens wurden sie jedoch von den Wachtposten brutal weggejagt. Einzelne, besonders schwarze Soldaten, erwiesen sich als gutmütig und ließen Menschen, die uns etwas über den Zaun werfen wollten, gewähren. Leider wurden diese Wohltaten oft dadurch zunichte gemacht, daß die über den Zaun geworfenen Pakete und Brote von dem Zugriff der vielen gierigen Hände zerfetzt wurden und so manches Stück Brot zertreten wurde. Ausgehungerte Menschen sind wie Tiere und der Egoismus ist grenzenlos wenn es ums Überleben geht.

Nach etwa vier Wochen wurden so genannte Gulaschkanonen aufgestellt und es gab dann einmal am Tag eine dünne, wässrige Suppe mit einzelnen Gemüsestückchen drin.

Hoffnung auf Entlassung

Außer vom Essen wurde auch oft über Entlassungstermine aus der Gefangenschaft gesprochen. Es gingen Gerüchte herum, daß die Gefangenen aus der sowjetisch besetzten Zone den Russen übergeben werden sollten. Dann hieß es wiederum, daß der Jahrgang 1927 entlassen werden sollte. Leider gehörte ich dem Jahrgang 1926 an, aber ich dachte, ich könnte mich etwas verjüngen, indem ich in meinem Soldbuch aus der 6 eine 7 machte. Ich tat es jedoch so ungeschickt, daß es jedem auffallen mußte. Mit einem scharfen Gegenstand hatte ich so lange gekratzt, bis die Stelle, wo die sechs war, schon durchsichtig geworden war. Außerdem hatte ich die sieben so stark gezeichnet, daß sie zu sehr hervortrat. Mir schlug nun das Gewissen, daß ich eine Urkundenfälschung begangen hatte. Die baldige Entlassung erwies sich als eine Latrinenparole. Ich war so enttäuscht, daß ich mein Soldbuch verbrannte und mir damit einen Tee kochte. Später sollte es mir zum Schaden gereichen, indem man mich verdächtigte, bei der Waffen SS gewesen zu sein, noch dazu , weil ich am linken Oberarm zwei Narben von meiner Verwundung hatte. Es war zu dieser Zeit keine Seltenheit, daß sich Angehörige der Waffen SS die Nummertätowierung herausschnitten oder herausbrannten, um nicht identifiziert zu werden.

Trennung

Das nächste Unglück, wenigstens für mich, ließ nicht lange auf sich warten.

Mein Kamerad und Weggefährte, den ich in der Schweriner Garnison kennengelernt hatte, wurde in ein anderes Camp verlegt, wahrscheinlich, weil er Saarländer war und sein Entlassungstermin kurz bevor stand. Nun hockte ich allein in meinem Loch und habe mich erst einmal richtig ausgeheult. Ständig mußte ich nun meine Sachen mit mir herumtragen, wenn ich mein Loch verließ.

In der Nacht wurde viel gestohlen und ich lief fast jede Nacht umher, besonders bei Regen, um nicht krank zu werden. Ja, und dann hatte ich keinen mehr, mit dem ich mein Leid teilen konnte. Neue, wahre und richtige Freundschaften waren nur schwer zu knüpfen, wo jeder nur auf das eigene Leben bedacht war.

Warum?

Allmählich begann ich, die Amerikaner zu hassen, die uns so verkommen ließen, verlaust und verdreckt, keine Möglichkeit, sich zu waschen, der Witterung ausgesetzt wie Vieh, körperlich durch Hunger geschwächt, so daß man sich nur mühsam vom Boden erheben konnte. Der Gang wurde immer schleppender. Die längste Zeit ohne Stuhlgang betrug bei mir 14 Tage. Man bekam das Gefühl, innerlich zu verfaulen. Die winzigen Portionen wurden fast vollständig vom Körper resorbiert. Viele Gefangene lagen im Schlamm ohne Kraft, sich zu erheben. Eine derart menschenverachtende Behandlung hätte man sich bei der Gefangennahme nicht vorstellen können. Nur bei den Russen hatte man von ähnlichen Zuständen gehört. Wir faßten es als eine bewußte Bestrafung dafür auf, daß wir für Hitler gekämpft hatten und dieser Ansicht bin ich noch heute.

Wickrathberg

In Büderich lag ich noch weitere Wochen, bis es eines Tages hieß, daß wir am nächsten Tag in ein anderes Lager verlegt werden sollten. Wieder rollten riesengroße LKWs heran, auf die wir wieder mit lauten `lets go` und `come on` Rufen wie Vieh verladen wurden. Die letzten wurden brutal gestoßen, um so viele wie möglich auf den Transporter unterzubringen. An der Himmelsrichtung versuchten wir uns zu orientieren, wo es hinging. Die Fahrt ging erst nach Süden, dann nach Westen. Nach mehreren Stunden waren wir in Wickrathberg angelangt und sahen zu unserem Entsetzen ein ähnliches Lager wie in Büderich. Wir wurden auf ein großes Feld getrieben, welches unterteilt war in einzelne Camps, Felder, die mit hohen Stacheldrahtrollen umzäunt waren. An den Außenzäunen standen hohe Wachttürme, ausgerüstet mit Maschinengewehren und Scheinwerfern. Die Camps waren neu eingerichtet und wir waren die ersten, die das Feld betraten, überall noch frischgrünes Gras und gelb blühender Löwenzahn, allerdings nicht mehr lange. Was nicht zertreten wurde, war bald maulwurfsartig mit Händen und leeren Dosen umgewühlt, um Schutz vor Wind und Regen zu haben. Einige versuchten noch vorher, Löwenzahn zu sammeln, um ihn dann als Blattsalat zu essen. Es waren auch hier keine Zelte, Toiletten und Waschräume vorhanden, nur Gräben, in denen man seine Notdurft verrichten konnte und die sich auch hier bald von den an der Ruhr erkrankten durch Blut rot färbten. Erstmals wurden hier nach einigen Tagen Küchen eingerichtet und wir bekamen jeden Tag eine dünne Suppe, in der einige Gemüsestücke drin waren und wenn man Glück hatte, auch ein Stückchen Fleisch. Jedenfalls ging das Hungern und Sterben hier weiter und wir wurden wie in Büderich von Läusen und von der Ruhr heimgesucht.

Fahrt nach Belgien

Mitte Julie 1945 wurden wir ohne große Ankündigung in einen langen Güterzug verladen, in jeden Wagen etwa 30 Gefangene. Die Schiebetüren wurden verschlossen und verriegelt, so daß sie von innen nicht geöffnet werden konnten. In jedem Wagen waren zwei Eimer zur Verrichtung der Notdurft.

Zunächst hatten wir die Befürchtung, an die Russen ausgeliefert zu werden.

Wir versuchten, uns zu orientieren, jedoch ließen die geschlossenen Türen nur spaltförmige Blicke in die Außenwelt zu. Nach Einbruch der Dunkelheit war es dann vollkommen unmöglich, sich zurecht zu finden. Oft schwappten die Notdurft- Eimer von den Rangierstößen über, so daß die in der Nähe dieser Eimer liegenden arg betroffen waren, ohne wegen der Platzenge ihre Lage verbessern zu können. Einer von den Betroffenen war ich und mir saß die Angst im Nacken, von der Ruhr angesteckt zu werden, aber ich hatte wohl einen Schutzengel. Auf manchen Rangiergleisen blieben wie stundenlang stehen. Erst am Morgen erreichten wir einen kleinen Bahnhof in der Nähe von Waterloo in Belgien. Es folgte ein langer Fußmarsch durch etliche kleine Ortschaften. Die Menschen, die uns sahen, betrachteten uns wie Wesen aus der Unterwelt, die ihre gerechte Strafe bekommen hatten. Sehr menschlich sahen wir auch nicht aus in unseren verdreckten und zerlumpten Uniformen, an denen wir unsere Habe drangehängt hatten wie Blechbüchsen, Brotbeutel, manche auch Decken und Matten, die sie sich irgendwie besorgt hatten. Unser Ziel war ein Zeltlager, welches aus Rundzelten bestand, die jeweils etwa 12 Personen Schutz boten.

Briten

Es wurden Decken und Liegematten verteilt. Außerdem war das Lager mit Waschräumen und Toiletten ausgestattet, für uns ein vollkommen neues Lebensgefühl. Zu unserem größten Glück wurden die amerikanische Bewacher durch britische abgelöst. Schon am nächsten Tag begann man, unsere Läuse zu bekämpfen, indem wir von Kopf bis Fuß mit Mengen von DDT- Pulver eingestäubt wurden und das mehrmals in einem Intervall von einigen Tagen. Unsere verlauste Kleidung wurde verbrannt und wir erhielten Unterkleidung, Strümpfe, Schuhe und eine  POW (Prisoner of War) Uniform, die auf dem Rücken und auf den Knien mit gelb gefärbten Flicken versehen waren. Für uns war es die Hauptsache, daß diese Kleidung warm, sauber und zweckmäßig war. Zum ersten mal in unserer Gefangenschaft erhielten wir Eßgeschirre und Trinknäpfe. Zweimal am Tag, morgens und mittags, bekamen wir eine warme Suppe, die recht schmackhaft und nährhaltig war. Abends 1/4 Weißbrot mit einer Portion Aufschnitt, dazu den englischen, gesüßten Tee mit Milch. Wir erholten uns hier zusehends. Die Kranken kamen in ein Lazarettlager und wurden ärztlich versorgt. Meine Gefangenschaft bei den Briten dauerte bis 1948. Während dieser ganzen Zeit kann ich über keinen einzigen Fall von menschenunwürdiger oder menschenverachtender Behandlung berichten. Die Verpflegung war ausreichend, die Behandlung korrekt und die medizinische Versorgung immer gewährleistet. Fortan gab es keine `lets go` und `come on` Rufe, keine Schläge mit Gewehrkolben und keine Gewehre, die im Anschlag auf einem gerichtet waren.

Totengedenken

Ich habe diesen Bericht geschrieben, um der vielen Toten zu gedenken, die in den Rheinwiesenlagern umgekommen sind und die ein Recht darauf haben, daß ihr Leidensweg nicht in Vergessenheit gerät, zumal die Zeugen dieser Zeit immer weniger werden. Zum anderen diente es dem Zweck, der weitläufigen Meinung entgegenzutreten, daß nur in sowjetischer Kriegsgefangenschaft viele ihr Leben lassen mußten wegen Unterernährung, Kälte, Mißhandlungen und unzureichender hygienischer und medizinischer Versorgung.

Paul Jäger

Das Gefangenenlager Rheinberg-Büderich

Meine amerikanische Gefangenschaft 1945 begann im Lager Rheinberg-Büderich. Das Leben in diesem Lager kann man nur als menschenunwürdig bezeichnen. Von der ersten Stunde <an nahm ich mir vor, ein Buch unter dem Titel: „Ich klage an“, zu schreiben. Im Schmutz liegend und zum Knochengerüst abgemagert half mir dieser Gedanke, über die nächsten Monate hinwegzukommen. Ich registrierte alle Details, um sie später zu veröffentlichen……

…daß wir in Rheinberg ohne Zelte auf der Erde gelegen hatten. Täglich regnete es. Wir gruben uns mit Blechdosen und mit den Händen Löcher in den sandigen Boden. Die Erdlöcher stürzten ein. Man schätzte die Verschütteten auf etwa 230 pro Nacht. Niemand konnte die Menschen ausgraben, keiner war registriert worden. Mit Bulldozern ebneten die Amerikaner die Gruben mitsamt den Toten ein und verboten den Gefangenen, neue Löcher zu schaufeln.

Wanderer zwischen den Welten, Die Lebenserinnerungen des Landauer Architekten Paul Jäger,
aufgezeichnet von Wiltrud Woisetschläger, Impflingen, 2005, S. 66


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