Es ist nicht ganz einfach, über einen Rückblick in die Vergangenheit, das Vergangene zu tatsächlich zu begreifen.

Wie wir ja schon vor Kurzem in einem anderen Beitrag zum „wirtschaftlichen Verfall“ eines Landes Parallelen zum Untergang des Römischen Reiches aufgegriffen und erkannt haben, ziehen sich diese seitdem wie ein roter Faden durch unsere Vergangenheit bis in die Gegenwart. Nun möchte ich nicht ganz soweit zurückblättern, vielmehr werde ich jetzt ein paar Zeilen von meiner Mutter aufgreifen, in der sie über die Zeit mit Beginn der Weimarer Republik berichtet. Da meine Mutter erst 1923 geboren wurde, fließen auch Erlebnisberichte aus den Tagebucheinträgen meiner Großeltern mit ein.
Es handelt sich hier lediglich um Auszüge aus den mir vorliegenden Niederschriften. Ich denke, Umrisse werden deutlich, und Assoziationen zur Gegenwart erkennbar.
Ob uns das gegenwärtig weiterhilft? Das lässt sich schwer beantworten. Doch ich, für meinen Teil, brauche etwas Greifbares aus der Vergangenheit, um besser verstehen zu können, was tatsächlich vor sich geht. Denn der Fehler, den die meisten machen, ist es, sich immer nur auf das aktuelle/brandaktuelle Ereignis zu konzentrieren und darin eine Zeit zu verharren. Der eigentliche Hintergrund zum Geschehen bleibt dann leider außen vor.
Nun aber zu den Auszügen aus den Niederschriften. Noch einmal zum Verständnis: Es handelt sich hier um ERLEBNISBERICHTE und nicht um eine historisch-wissenschaftliche Abhandlung.
So haben es die Menschen damals erlebt.
- Beginn Auszug aus einer Niederschrift –
Ich zitiere:
„In der Weimarer Republik (gegründet 1919) kam es ab 1922 zu einem rasend steigenden Währungsverfall. Die gesamten Spareinlagen des Volkes wurden vernichtet und das mittlere Bürgertum um seinen Besitz gebracht. Ihren Höhepunkt erreichte die Inflation im Jahr 1923 infolge der Besetzung des Ruhrgebietes durch Frankreich. (F. nahm sich das Gebiet als Pfand für die nichtbezahlbaren Reparationsleistungen Deutschlands) Am 15. Nov. 1923 gelang es schließlich dem Reichswährungskommissar die Inflation zu beenden und durch Schaffung der Rentenmark von 1=Billion zu stabilisieren. (Im Nov. 1923 waren die Preise für 1 Liter Milch auf 300 Milliarden, 1 Pfund Zucker auf 700 Milliarden, 1 Pfund Butter auf 2,5 Billionen gestiegen.
Die Not der Eltern bekamen auch die Kinder zu spüren. In dieser unruhigen Zeit, die mit großen Sorgen meiner Eltern verbunden war, wuchs ich heran.
Großen Kummer bereitete auch meinen Eltern die Post von meiner Großmutter väterlicherseits. Sie wohnte in Lissa , einer rein deutschen Stadt (wurde im 16. Jh. von Glaubensflüchtlingen aus Schlesien gegründet), die seit 1920 durch die Bildung eines polnischen Staates zu Polen gehörte. Aus den Briefen meiner Großmutter erfuhren meine Eltern von den Schikanen der Polen denen sie und all die anderen Deutschen täglich ausgesetzt waren (Anspucken, Treten, Schlagen, auf die Fahrstraße stoßen und viele andere Gewalttaten). Es gab für deutsche Besucher keine Einreise, so war mein Vater gezwungen bis nach Fraustadt mit der Bahn zu fahren u. von dort schwarz über die Grenze zu gehen. Das war sehr gefährlich; denn die Polen erschossen jeden der die Grenze illegal überschritt. Meine Mutter u. mein großer Bruder warteten mit. großer Angst auf die Rückkehr., ich spürte zwar die Sorge, konnte aber den Zusammenhang noch nicht verstehen.
Die Not und die Armut begannen bereits mit dem Abschluß des Vertrages von Versailles mit dem Gewaltverzicht rein deutscher Gebiete. Für die Gründung des polnischen Staates mußte Deutschland ein Fünftel seines Landes abtreten. Dies wurde von den Staaten Belgien, Großbritannien, Frankreich, Italien und den erst 1919 entstandenen Ländern Polen und der Tschecheslowakei beschlossen. (es kamen in den Besitz der Polen: Provinz Posen, Teile Westpreußens -(es entstand der so genannte Polnische Korridor) und Teile Oberschlesiens. Die Gebiete Elsaß und Lothringen nahm sich Frankreich, außerdem mußte Deutschland noch 286 Milliarden Reparationskosten zahlen. Zu der riesenhaften Kriegsbeute zählten auch die Kolonien in Afrika, (die Franzosen, Engländer u. Belgier besetzten bereits 1916 Deutsch-Südwest (heute Namibia), Ostafrika (heute Teil von Tansania), Kamerun u. Togo. Belgien, England und Frankreich teilten sich die Gebiete, enteigneten und vertrieben die Deutschen, nahmen deren Häuser und die angelegten Plantagen, Bahnanlagen und vieles mehr in Besitz. Auch die anderen Kolonien teilten die großen Sieger untereinander auf. Das waren in China: Kiautschou, in der Südsee Neuguinea, Samoa, die Marschall-Inseln, Palau u. einige kleine Inseln.
Die Mehrheit der Deutschen fanden diesen “Friedensabschluß” falsch. Zur Anerkennung der nun entstandenen deutsch/polnischen Grenze kam es beim Treffen der Sieger in Locarno nicht! 1926 wurde Deutschland Mitglied des Völkerbundes.
Meine Großmutter väterlicherseits (Rosina Schön geb. Jatzke, geb. 24.10.1858, gest. 14.3.1939) wohnte mit ihrem Ehemann und der Zwillingsschwester in Lissa in der Provinz Posen (wie schon erwähnt: eine rein deutsche Stadt – von Glaubensflüchtlingen aus Schlesien u. aus anderen deutschen Gebieten um 1500 gegründet).
Sie lebten nun unter der Gewalt der Polen. Es gab nur noch polnische Geschäfte, den Deutschen wurden Fabriken, Kaufhäuser usw. weg- u. von den Polen übernommen, die Deutschen dürften in den polnischen Läden zwar einkaufen, bekamen aber nur Ware, wenn sie polnisch sprachen, deutsch sprechen war in der Öffentlichkeit bei Schläge verboten, 1 Million flohen vor dem polnischen Verfolgungen und fanden in anderen Provinzen des Reiches Unterkommen, aber in der Notzeit 1921-23 keine Arbeit. Das zu erfahren brauche ich heute keine Historiker, das haben meine Eltern und viele Tausend andere selbst oder ihre Verwandten erlebt.
Daß viele Deutsche von den Polen ermordet wurden, war bekannt. Es waren 1939 50.000, dies wurde erst jetzt bekannt, Protokolle können nachgelesen werden, sie liegen im Aktenbestand – Bundesarchiv/Militärarchiv Freiburg Breisgau -.
Gewinner der Inflation waren Börsenbarone, Profitgeier und Ausländer in Deutschland durch Aufkauf ganzer Schätze und von Grundbesitz für ein paar Dollar. Die Geld- und Machtelite wusste ihr Geld zu vermehren und aus der Geldentwertung noch Gewinne zu ziehen, sie waren die Ausbeuter des deutschen Volkes. Eine bestimmte Gruppe verbreitete Unmoral, Perversitäten, auch in Kunst und Kultur. Die Gesellschaft teilte sich in zwei Schichten ein. Während die überwiegende Bevölkerung unter den schwierigsten Bedingungen sich bemühte, normale Lebensverhältnissen zu schaffen, schlemmte eine bestimmte Gruppe bei ausschweifenden Tanzveranstaltungen, einer bis dahin unbekannten Hemmungslosigkeit.“
- Ende des Auszugs aus der Niederschrift –
In den nächsten Tagen greife ich aus den Berichten noch eine paar sehr persönliche Erlebnisse auf. Dieser Beitrag ist lediglich eine grobe Zusammenfassung aus der Sichtweise einer Erlebnisgeneration.
Doch zuvor möchte ich noch den Beitrag zum Rheinwiesenlager fertigstellen und mit der Reihe „Die Anklage hören viele, die Rechtfertigung wenige“ fortfahren.
Unsere Geschichte, die uns bis hierhin vermittelt wurde, ist ein mächtiges Lügenkonstrukt. Und während die Verbrechen aus der Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet wurden, vertuschen sie (das Konstrukt) bereits die nächsten.
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Auf einem Bild seht ihr meine Urgroßeltern (väterlicherseits). Eine Aufnahme aus dem Jahr 1937 zu ihrer Goldhochzeit.



