Aus den Tagebüchern meiner Mutter – Teil II (aus der Reihe: Wenn Lügen Geschichte machen)

Wie einige von euch bereits wissen, war meine Mutter Nachrichtenhelferin bei der Wehrm.acht. Dadurch war sie dem Geschehen während der Kriegszeit immer ganz nah.

Ich versuche nun, einige ihrer Tagebuchauszüge in einen Kontext zu bringen. Einen ersten zusammenhängenden Überblick über die Ereignisse zu den Weltkriegen konnten wir uns bereits über den Beitrag https://undinepeter.blog/2023/08/25/wenn-lugen-geschichte-machen/ verschaffen.  

Wie im ersten Beitrag, habe ich die Randbemerkungen, die meine Mutter hinzugefügt hat mit übernommen.

Ich zitiere:

„Während wir hier abseits des Kriegsgeschehens und Bombenangriffen ruhig lebten, waren unsere Soldaten in Rußland in höchster Gefahr.

Ende August 1942 hatte General Friedrich Paulus mit der 6. Armee Stalingrad erreicht und bis November waren 90% der Stadt in deutscher Hand. Während die deutschen Soldaten immer wieder in erbittere Straßenkämpfe verwickelt wurden, starteten die Sowjets eine Großoffensive die zur Einschließung der gesamten 6. Armee, sowie Teilen der 4. Panzerarmee und der 3. u. 4. Rumänischen Armee. (Zusammen 25.000 deutsche u. über 30.000 rumänische und russische Hilfssoldaten).

General Paulus schlug Hitler ein Ausbrechen vor, da der Verpflegungsnachschub stoppte, inzwischen 40 Grad Kälte gemessen wurden und die Soldaten vollkommen erschöpft waren. Hitler lehnte den Vorschlag des erfahrenen Offiziers aber ab. Als Paulus keinen Ausweg mehr sah, entschied er sich zu ergeben und in Gefangenschaft zu gehen.  150.000 Soldaten waren im Kessel bei Kämpfen, durch Kälte und Hunger umgekommen, 91.000 gerieten in sowjetische Gefangenschaft, aus der nur 6000 Überlebende bis 1956 nach Deutschland zurückkehrten.

Hier mache ich einen Sprung von mehreren Wochen und zitiere weiter:

Fast täglich erreichten uns interessante und auch bedrückende Nachrichten. 

Am 10.7.43 landeten Alliierte auf der Insel Sizilien.

Am 25.7.43 wird Mussolini gestürzt, König Emanuel d. III. läßt den Duce verhaften. Gründung der Badogogli-Regierung.

12.9.43 befreien Deutsche Mussolini und er gründet am 15.9.43 eine Gegenregierung in Norditalien… und viele andere Ereignisse.

Im Herbst waren Offiziere des Afrikakorps im Lager (wie wir das Hauptquartier bezeichneten) eingetroffen, mit Einigen hatten wir viel Spaß beim Himbeerpflücken.

“Zeppelin” war der Deckname für das OKH Quartier bei Zossen im südlichen Randgebiet von Berlin. Es lag mitten in einem großen Waldgebiet, eine riesengroße unterirdische Bunkeranlage. Betreten wurde diese (für uns Nachrichtenhelferinnen, es gab gewiss noch andere Eingänge) durch eine Tür an einem kleinen Turm ohne Fenster, dann ging es eine enge Wendeltreppe hinunter zum  Fahrstuhl, der in die drei unterirdische Etagen führte.  Nach dem Aussteigen stand man in breiten Fluren und endlos langen Gängen (ähnlich einer Tunnelstraße für Autos), rechts und links waren die einzelnen Diensträume. Die kahlen Gänge, dunkelgrauen Fußböden, Wände und Decken, dazu das kalte Licht der wenigen Glühbirnen, alles wirkte irgendwie beängstigend. 

Das Herz dieser Anlage war der “Nachrichtenbunker”  Fernmeldestelle “Zeppelin” auch “Amt 500” genannt.  Die anderen Räume waren mit Teilen von Stäben des OKW und OKH besetzt. Hier versahen u.a. Canaris, Hansen, Wagner, Stauffenberg ihren Dienst. In den Räumen arbeiteten Generale und Hilfspersonal. Es war die Zentrale der Wehrmacht.

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Zu Stauffenberg habe ich einen Extra-Beitrag verfasst.

Ich zitiere weiter:

Im Bunker lief die Arbeit weiter, Bombardierungen hatte man gar nicht wahrgenommen. So erlebte ich die Adventszeit, Weihnachten und Silvester 1943. Am 3. Jan. 1944 kam der lang erwartete Marschbefehl nach Gießen. Meinen 21.Geburtstag “feierte” ich noch in Zossen. Meine Kameradinnen hatten Kerzen aufgestellt, gesungen und eine von ihnen, sie war schon Kunststudentin ehe sie sich freiwillig meldete, hatte ein wunderschönes Bild für mich gemalt.

„Als nach fast 3 Wochen sich kein Einsatz in Holland ergeben hatte, stellte ich einen Urlaubsantrag. Der genehmigt wurde. Als ich auf den Weg zum Bahnhof war, kamen meine Zimmerkameradinnen rufend hinter mir her, und dann erfuhr ich, dass wir zum Einsatz nach Italien gehen können. Und sie überredeten mich auf den Urlaub zu verzichten und mit ihnen nach Verona zu fahren. Der Einsatz war verlockend und ich ging mit ihnen zurück. Zwei Tage später waren wir schon unterwegs. Bei Innsbruck wurde unser Waggon abgehängt und plötzlich standen wir im Schnee und Minusgraden auf einem Abstellgleis. 

Einige Wagen mit Soldaten auf dem befanden sich auf dem Nebengleis. Es sollte angeblich ab dort ein neuer Transport nach Italien zusammengestellt werden. Wir stiegen aus und standen im tiefen Schnee, die Soldaten, die uns frieren sahen holten aus ihren Waggons einen kleinen eisernen Ofen stellten diesen in unser Abteil und zündeten das darin befindliche Holz an. Nun konnten wir, Dank der großen Hilfe, uns wieder aufwärmen und auch schlafen ohne zu frieren (erfrieren ?)  Morgens rauchte es aus allen Waggons, aber von einer Lokomotive war nichts zu sehen. Nach Katzenwäsche im Schnee, warteten wir geduldig auf die Weiterfahrt. Aber in der Nacht hatte ein Unteroffizier bereits Soldaten zum Bahnhof nach Innsbruck geschickt, um telefonisch Meldung bei der Einheit zu machen und von der Bahn die sofortige Weiterleitung zu verlangen. Dabei stellte sich heraus, dass die Waggons an falscher Stelle abgekoppelt und bereits als vermißt gemeldet waren.

(War das Sabotage? Wollten diese “humanen” und heute so gefeierten Verbrecher unseren Tod? In Rußland und anderen Kampfgebieten kam oft Munition an, die zu den Waffen nicht passte oder defekt war, auch fiel an anderen Orten der Nachschub für Treibstoff und manchmal sogar für Verpflegung einige Tage aus, so dass dadurch tausende Soldaten vollkommen hilflos starben.

Mit Mord an den deutschen Soldaten wollten sie die Kampfkraft der Wehrmacht lahmlegen ?!)

Als dann eine Lok eintraf ging es weiter über den Brenner, Bozen bis kurz vor Trient. Dort hatten amerikanische Flugzeuge 1/2 Stunde vorher die Bahnstrecke bombardiert. Wir mußten auf offener Strecke aussteigen, ein Bus brachte uns später nach Verona“.

——Fortsetzung folgt—–


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