Mit guten Gedanken ins Wochenende! Lust auf einen Ausflug in die germanische Mythologie?

September ist Erntedank-Zeit. Es ist die Zeit, wenn aus den letzten Korngaben auf dem Feld ein Kranz geflochten wird. Noch vor wenigen Tagen haben ich diesem, unserem germanischen Fest noch ein paar Zeilen gewidmet. So auch über das Wesen der Thusnelda und zur historisch beglaubigten Liebesgeschichte mit Arminius.

Mit all diesen Erzählungen bin ich aufgewachsen. Ich erinnere mich an Spaziergänge mit meinen Eltern, begleitet von kurzweiligen Geschichten. Dann wurden aus den Raben auf dem Feld ganz plötzlich Fabelwesen. Und so erfuhr ich, dass wegen eines Fluchs die sieben Brüder der einzigen Schwester in Raben verwandelt wurden. Um den Fluch zu brechen, darf das Mädchen nicht mehr sprechen und muss aus Brennnesseln sieben Hemden herstellen.

In Zeiten, in denen vehement der Versuch unternommen wird, uns aus unserer ursprünglichen Welt zu vertreiben, sie zu vergessen, sind solche Fabeln Sagen, Märchen und Volkgeschichtenmit mit Gold kaum noch aufzuwiegen.

Ja, in solchen Zeiten sollten wir uns auf unsere Wurzeln besinnen.

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 „Dabei führt uns Odin in die höchsten und tiefsten, die feinsten und meist durchgeistigten Elemente des germanischen Wesens. Thor-Donar ist der Gott der Bauern, Odin-Wotan, der Siegeskönig, ist der Gott der völkerleitenden Fürsten und Helden.

Als geheimnisvoller Wanderer, in unscheinbarem Gewand, tritt der Gott in zahlreichen Sagen und Märchen auf. Den großen breiträndigen Schlapphuttief in die Stirn gerückt, seine Einäugigkeit zu verbergen, an der man ihn erkennen möchte, in einen weitfaltigen, dunkelblauen, fleckigen Mantel gehüllt, mit dichtem Haupthaar (manchmal aber auch kahl), meist mit wirr wogendem, grau gesprenkeltem Bart, den Speer in der Hand, den Zauber-Ring Draupnir am Finger, ein hoher Mann von etwa fünfzig Jahren oder auch wohl als Greis, doch gewaltig an ungebrochener Kraft.

So ist das Vorbild der Faustsage, welche durch Goethe abermals eine Volksdichtung geworden, das alte Wotans-Bündnis. Der Zaubermantel des Doktor Faust ist lediglich der alte Mantel Odins, auf dem er seine Schützlinge entrückt, durch die Luft über Länder und Meere führt

Es ist wunderbar, wie zähe die Volksseele die uralten Formen der Sage festhält; nur der Inhalt, d. h. die Menschen und die Verhältnisse, welche hineingegossen werden, wechseln, aber die Form bleibt die gleiche.

So sind im 19. Jahrhundert vor unseren Augen zwei Sagen entstanden, die Eisenbahnsage (ungefähr 1855) und die Bismarcksage (1866), welche lediglich die alten Wotans-Bündnisse darstellen, angewandt auf eine neuzeitliche Erfindung und einen noch lebenden Mann.

Genau dem Wotantypus entspricht ferner die Sage, welche während des österreichischen Kriegs von 1866 niemand geringeren zu ihrem Gegenstand machte als den späteren Kanzler des Deutschen Reiches.

Die überraschenden Erfolge der preußischen Waffen wurden ausschließlich dem Zündnadelgewehr zugeschrieben; diese Siegeswaffe aber hatte nach der Sage der deutsch-österreichischen Bauern nicht der ehrenwerte Herr Dreyse in Sömmerda erfunden, sondern dies Gewehr, das von selbst sich ladet und losgeht, wenn der Preuße darauf klopft, hat der Teufel (d. h. Wotan) „dem Bismarck“ verkauft; – natürlich um den Preis, den er von je bei seinen Verträgen sich ausbedingt: – den Preis seiner Seele.

Der Fürst Bismarck mag es sich schon gefallen lassen, dass er so nachträglich noch als der letzte der Einheriar nach Walhall gelangt, wenn man den Ort auch heutzutage schlimmer nennt. 

Aber schon viel früher wird in den Sagen Odin-Wotans oder des Teufels Mantel (oder Ross) Helden, seinen Lieblingen (oder Männern, welche ihre Seele dem Teufel verkauft), verliehen, um sie aus weitester Ferne über Meer und Land noch rechtzeitig zur Abwendung einer drohenden Gefahr in die Heimat zu schaffen; so z. B. den Kreuzfahrer (Heinrich den Löwen) aus dem Gelobten Land auf seine Burg gerade an dem Tage, an dem seine Gattin, die ihn nach Ablauf beredeter Frist für tot halten muss, zur zweiten Ehe schreiten soll. 

Und oft ist es nicht ein Jagdzug, sondern ein Heer von Kriegern, was Wotan durch die Lüfte leitet. Dann führt er die Götter und die Einheriar aus Walhall (oder „aus dem hohlen Berge“) zum Kampfe gegen die Riesen, und es berührt sich hier die Sage mit dem errettenden Heer, welches von Karl dem Großen oder von dem Rotbart im Augenblicke größter Bedrängnis des deutschen Volks aus dem Berge zur Hilfe herausgeführt wird.

Hört man das wütende Heer, sieht man etwa gar in den Wolken Gewaffnete dahinjagen, so bedeutet dies den baldigen Ausbruch großen Kriegs.

Wotan, der Gott des Lufthauchs, ist also auch der Gott des Geisteshauchs; und zwar des Geistes in seinem geheimnisvollen Grübeln, in seiner tiefsten Versenkung in die Rätselrunen des eignen Wesens, der Welt und des Schicksals; wer der Natur und der Geschichte ihre Rätsel abfragen, wer die Ursprünge und die Ausgänge aller Dinge ergründen, wer Gott und die Welt im tiefsten Wesenskern erforschen, d. h. wer philosophieren will, der tut wie Odin; Odin, der „grübelnde Ase“, wie ihn bezeichnend die Edda nennt.

Ahnungsvoll hat der deutsche Geist den ihm eignen philosophischen Sinn und Drang, der ihn vor allen Nationen kennzeichnet, seinen Faustischen Zug, in das Bild seines obersten Gottes gelegt.

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Aus („Die Könige der Germanen“) Felix Ludwig Julius Dahn


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