Bei Tacitus geblättert:
„Ein wundersam eigentümliches Gefühl muß uns anwandeln, so wir, im Geiste den Anblick festhaltend, welchen unser Land dermalen darbietet, zweitausend Jahre vor heute im Vogelflug über Germanien uns hingetragen denken. Da erschauen wir einen unermeßlichen Forst, aus dessen eintönig düsterer Fläche Gebirge hervorragen, bewaldeten Inseln gleich.

Rauschende Wasser, welche die großen Stromgebiete entlang wandeln, um an öden Küsten in das Meer zu münden, sowie da und dort zerstreute Lichtungen, Rodungen und Ansiedlungen bringen doch nur eine spärliche Abwechslung in das Waldgemälde, dessen Mächtigkeit viel mit der des Ozeans gemein hat und wie diese den Eindruck des Erhabenen hervorzubringen vermag.
Des deutschen Volkes Ursprung verliert sich in jene Märchenferne der Zeiten, deren Geheimnisse die rastlose Forschung unserer Tage zu durchdringen sich abmüht, aber noch lange nicht zu einer auch nur annähernd klaren Lösung gebracht hat.
Doch dazu an anderer Stelle mehr.
Wie verbrachten wohl die Völker der altgermanischen Stämme ihre Freizeit?
Auch darüber berichtet Tacitus:
„Die Zeit, welche sie nicht mit Jagd und Krieg ausfüllten, verbrachten sie in träger Ruhe oder mit Zechgelagen, welche die beiden großen altgermanischen Laster, Trinksucht und Spielsucht, nährten.
Aus Feldfrüchten, geronnener Milch und Wildbret bestand vornehmlich ihre Kost; ihr Getränk, das sie im Übermaße liebten, war ein aus Gerste oder Weizen gezogener Saft, zu einiger Ähnlichkeit mit Wein verderbt wie des Tacitus treffender Ausdruck besagt. Dies der Anfang des seither so sorgsam ausgebildeten Nationalgetränkes, welches jetzt unter dem Namen »deutsches Lagerbier« die Runde um die Welt macht.
Da es bräuchlich war, Tag und Nacht ununterbrochen fortzuzechen, ging das Gelage nicht selten in Kampftumult über, um mit Totschlag zu endigen.
Vom Biere erhitzt, mitunter auch nüchtern, Hab und Gut, ja zuletzt die persönliche Freiheit im Würfelspiel einzusetzen, war durchaus nicht ungewöhnlich.

Andererseits wurden fast alle wichtigen Angelegenheiten beim Gastmahle verhandelt. Hier wurden Aussöhnungen zuwege gebracht und Ehebündnisse verabredet, hier wurden sogar über Krieg und Frieden Beschlüsse gefaßt, hier zeigte sich die Gastfreundschaft, diese von den Germanen bis in ihre äußersten Folgerungen geübte Tugend, in ihrem vollsten Glanze, hier wurde unserer Ahnen liebstes Schauspiel, nackter Jünglinge Tanz zwischen aufgerichteter Schwerter Spitzen und Schneiden, aufgeführt, hier endlich öffnete sich bei »zwangloser Fröhlichkeit des Innere der Brust eines Volkes ohne List und Trug«.“
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Quelle:
Johannes Scheer Deutsche Kultur- und Sittengeschichte
Auszüge aus Tacitus „Germania“