Die Hunnen, und der ungeheure Schrecken, der mit ihnen einherging.

Die Völkerwanderung – oder besser eine „Ausbreitung“ denn eine Wanderung wird sie genannt.

(nach Albert Thümmel, „Deutsche Geschichte Band 1)

Beginnen wir mit den Hunnen (Attila) – ein neuer stürmischer Zug kam in dieses ganze Geschehen durch einen plötzlichen gewaltigen Druck von Osten her.

Die Hunnen, und der ungeheure Schrecken, der mit ihnen einherging.

Um 375 erschienen die Hunnen an den Grenzen des Gotenreiches und veranlassten durch den Stoß, den sie auf diese und andere Völker ausübten, die große germanische Völkerwanderung, meist Völkerwanderung schlechthin genannt.

Die Goten – ein ostgermanisches Volk, das einst in Südschweden und später an der Weichsel gesessen hatte – waren im 2. Jahrhundert nach Süden und Südosten vorgedrungen und hatten ein großes Reich gegründet, dass vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee, vom Don bis zur Theiß reichte.

Die Hunnen waren ein nomadisches Reitervolk, das seit alten Zeiten in den Steppenländern von Innerasien umhergezogen war. Durch ihre Hässlichkeit – kleiner Wuchs, breite Schultern, kleine schwarze und tiefliegende Augen, platte Nase, gellende Stimme – und durch ihre ungewohnte Kampfesweise auf unschönen, aber äußerst raschen Pferden, verbreiteten sie überall einen ungeheuren Schrecken. Nach der Zertrümmerung des ostgotischen Reichs siedelten sie sich zunächst in den Ebenen zwischen Wolga und Donau an.

Um die Mitte des 5. Jahrhunderts gründete Attila (434-453) ein gewaltiges Reich, dass vom Schwarzen Meer bis nach Mittel- und Süddeutschland reichte, zahlreiche germanische Stämme waren im untertan: Ostgoten, Gepiden, Heruler, Rugier, Sweben, Thüringer u. a.

Ein Lagerdorf zwischen Donau und Theiß war seine Residenz, in einem Holzpalast saß er auf hölzernem Thron: ein schiefäugiger Mongole neben blondgelockten Germanen, unscheinbar im Kreis hochgewachsener Vasallen, aber stolz in Blick und Haltung.

Im Herbst 450 wälzte sich ein wildes Völkergewimmel donauaufwärts, über den Rhein bis an die Loire. Mit 500 000 Mann – Hunnen, Ostgoten, Gepiden – soll Attila den Boden Galliens betreten haben. In den Ebenen der Champagne, auf den sogenannten Katalaunischen Feldern (in der Nähe von Chalons), trat im 451 der weströmische Feldherr Aetius mit seinen germanischen Bundesgenossen – Westgoten, Franken, Burgunden – entgegen. Es kam zur blutigsten Schlacht jener schlachtenreichen Zeit.

Der Kampf endete unentschieden, doch beiderseits fühlet man sich durch die furchtbaren Verluste derartige erschüttert, dass man keinen zweiten Waffengang wagte. Attila zog sich wieder nach Ungarn zurück.

Die Westgermanen hatten Europa vor östlicher Gewaltherrschaft bewahrt. 453 starb Attila plötzlich an einem Blutsturz. Die Welt atmete auf; zerbrochen war die „Gottesgeißel“. Die einst unterworfenen germanischen Völker wurden wieder frei.

Attilas Reich zerfiel ebenso schnell, wie es entstanden war, aber in Sagen und Liedern lebte er noch lange fort – und das mit Recht, denn er war eine gewaltige Persönlichkeit von weltgeschichtlicher Bedeutung. Wenn auch seinen Eroberungen der wilden Natur des Hunnenvolkes entsprachen – persönlich muss er ein gütiger Mensch gewesen sein; sonst hätten ihn seine gotischen Untertanen nicht „Attala“ (= Väterchen) genannt. Seinen wirklichen hunnischen Namen kennen wir nicht – ebenso wenig wie wir den wirklichen germanischen Namen von Arminius kennen (Hermann, wie man so oft sagt, hieß er bestimmt nicht.)

In der deutschen Sage erscheint Attila als der gewaltige Etzel (das ist die mittelhochdeutsche Form von Attila). Keine Gestalt hat so tiefe Spuren hinterlassen wie dieser fremde Fürst.

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Morgen kehren wir wieder zu den kürzeren Episoden zurück. Thema: Die Germanenreiche. Wir streifen dann durch das

  • Westgotenreich
  • Wandalenreich
  • Burgunderreich
  • Das Angelsachsenreich
  • Das Frankenreich
  • Das Ostgotenreich
  • Das Langobardenreich

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Zusätzliche Info – Buchtipp: Ich empfehle den Roman „Attila“ vom Historiker und Autor Felix Dahn: eine Geschichte von Liebe und Verrat, Gewalt und Krieg, Prophezeiung und Wahnsinn, inmitten einer der blutrünstigsten und turbulentesten Perioden der Geschichte.

 Und noch etwas sei vermerkt zur sogenannten Völkerwanderung:

So spricht man die Völkerwanderung betreffend, von den dunkeln, stürmischen Zeiten, von denen wir keine nähere Kunde haben.

Und doch sind jene Zeiten nicht so dunkel, die Stürme nicht so ununterbrochen, die Kunde, welche unmittelbare und mittelbare Quellen gewähren, nicht gar so gering.

Darunter fällt auch eben diese Zeit als die römische Staatsregierung oder aufständische Feldherren germanische Stämme in bestimmte Provinzen einladen und rufen, wie etwa die Vandalen aus Spanien von Bonifatius nach Afrika berufen werden.

In den allermeisten Fällen ist die sogenannte Wanderung nichts anderes als eine Wiederaufnahme der uralten Sitzveränderungen, doch vielmehr Ziel und Plan, wie sie die Germanen in jahrtausendjährigem Umherziehen allmählich aus Mittelasien nach Mitteleuropa geführt hatten.


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