Es ist nicht einfach dieses Feld zu durchblicken, auch dann nicht, wenn man für sich selbst die Annahme vertreten sollte, den Durchblick zu haben. Denn es ist mehr als ein Tor, was man durchschreiten muss, und hinter diesem Tor liegen unzählige Falltüren. Und über die zurückliegenden Jahrhunderte waren es auch Unzählige, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, diese Tore mit all ihren Falltüren zu durchschreiten. Und das meist, nicht ohne „ein blaues Auge“ davon tragen zu müssen.

Oder man war geschickt genug, um den heißen Brei herumzureden. Hierzu fällt mir wieder Umberto Eco ein. Dazu viele seiner Prophezeiungen, aber auch Rückschlüsse, die er als geschickter Autor brillant in Umsetzung brachte. Über eine chaotische Handlung mit linearer Entwicklung von Fakten irritiert er seine Leser absichtlich. Eindeutig zweideutig!
Ich beschreibe es mal als ein großartiges Zusammenwirken von Historie und Detailwissen mit beabsichtigter Irritation.
Er verstand es wie kaum ein anderer seiner Zunft, über geheime Dokumente zu erzählen, ohne dabei ins „Fettnäpfchen“ zu treten. Gewiss geriet er auch in Kritik. Doch nicht er, sondern seine Romanhelden verkörperten das „corpus delicti“, wenn man es denn so nennen mag.
Warum aber beschäftige ich mich damit? Nun ja zum einen ist es dieser ausgerufene „Tag der Reformation“, eng verbunden mit Martin Luther als interessante als auch umstrittene Persönlichkeit, dazu die Umstände der damaligen Zeit und den Verlauf bis heute mit ähnlichen Symptomen und Begleiterscheinungen. Parallelen halt.
Es gibt Unmengen an Literatur dazu, manches darunter wurde gar verboten, wiederum offerieren sich Unterschiede zur Rechtsprechung gegenüber den jeweiligen Verfassern.
Worum geht es nun eigentlich? Gute Frage. Ich versuche, es mal so zu erklären.
Wenn wir etwas aus den gegenwärtigen Zuständen gelernt haben, dann ist es das Wissen darüber, dass eh nur ein ganz geringer Teil der Menschen bereit ist, zuzuhören, nachzufragen, zu hinterfragen, oder der wohl beste Fall, selbst nachzudenken und in Eigenverantwortlichkeit zu handeln. Anders die, welche bereits eine Erkenntnis erlang haben, oder sich intensiv mit der Materie befassen. Sie zehren von dem darin verankerten Wissen. Das heißt letztendlich auch: Begreifen, was tatsächlich vor sich geht.
Es macht also wenig Sinn, hier erzählerisch oder auf anderen Umwegen irgendein „Geheimnis lüften zu wollen – der Schriften sind genug verfasst!
Was bleibt ist die Qual der Wahl – zum einen der Griff in das mächtige Repertoire dieser Schriften und zum anderen den Blick auf das, was darauffolgte und immer noch geschieht.
Schließlich war es nicht nur Luther, den dieses Thema beschäftigte, denn auch in den Jahrhunderten darauf flammt es immer wieder auf, wurde (und wird bis heute) als Unfug abgetan, als Mythos oder Fälschung, Es verhält sich ähnlich einem Gerücht, welches in die Welt gestreut wird – der Funken Wahrheit ist immer dran.
Wenn sich ein „Mythos“ wie ein roter Faden durch die Epochen zieht, ist es vermutlich weniger ein Mythos, doch mehr eine Geschichte mit hohem Wahrheitsgehalt.
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Angesichts des bevorstehenden Tages der Reformation, möchte ich dem „Reformator“ und seiner Zeit noch ein paar Zeilen widmen.
Luther und die Zeit um 1500, eine Zeit, die gleich einem Januskopf, nach rückwärts gewandt, auch zukunftsweisend ist. Ich verbinde damit (unter anderem) auch das neue Medium des Buchdrucks, der Vorstoß der Entdecker in unbekannte Welten, die Zunahme von Wissen und Bildung, die Auflehnung gegen Unterdrückung und Gewalt, und ein Kampf um Freiheit.



Die Zeit Martin Luthers war unbarmherzig. Grausam war auch die Justiz.
Luther und der Bauernkrieg
Seine Stellungnahme und seinen Rückzug hat man ihm übelgenommen. Während sich der Thüringer Reformator Thomas Müntzer als Anführer des Bauernaufstandes erklärte, haderte Luther mit sich, denn als Theologe und Gelehrter hatte er eine vollkommen andere Sicht auf die Problematik als die Bauern.
Bei Luther gab es ein grundlegendes Vertrauen in die gottgesetzte Obrigkeit. Er ging davon aus, dass die Fürstenherrschaft und auch die Adelsherrschaft dem Willen Gottes entsprochen haben; entsprechend war ein Aufstand gegen die Obrigkeit nicht zulässig. Vom Aufstand der Bauern befürchtete er Unruhe und Unfrieden.
Luther war nie der einsame Held
Und noch etwas geht mir auch nicht aus dem Kopf: Wenn Luther eine so herausragende Bedeutung gehabt hat, wäre ja einzuwenden, dass die „Wittenberger Bewegung“ gänzlich ohne ihn begann und voranschritt – er war ja auf der Wartburg.
Zwei Argumente seien dagegen aufgeführt:
- Luther war präsent. Er stand die ganze Zeit mit seinen engsten Mitarbeitern, vor allem Georg Spalatin und Philipp Melanchthon, in intensivem Briefverkehr. Er wusste, was vor sich ging.
- Er gab Ratschläge, auch mit ermutigenden Flugschriften. Mitte Dezember hat er an Spalatin geschrieben: „Soll etwas über das Wort Gottes fortwährend nur disputiert und der Tat sich immerhin enthalten werden? Hinter der Frag stand natürlich eine Aufforderung und Ermutigung. Da waren seine Wittenberger Mitstreiter längst dabei.
Nein, Luther war nie der einsame Held, der allein die reformatorischen Gedanken entwickelt hat.
- Bereits seit Herbst 1516 erfolgte an der Wittenberger Universität im Rahmen von Disputationen ein intensiver Gedankenaustausch über theologische Probleme. Zu diesem Kreis gehörten, Bartholomäus Bernhardi, Nikolaus von Amsdorf, Johannes Dölsch und Andreas Bodenstein aus Karlstadt, Luthers Doktorvater.
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Was gäbe es noch zu sagen oder ist erwähnenswert, in puncto klassische Utopie oder des immerwährenden Mythos? Nun ja, wir blicken zurück auf Kirchen und eine unsägliche Ketzerhistorie, auf einen Ablasshandel, eine Krise von Kirche und Reich, aber eben auch auf diegroßen Bündnisse der Bibel manchmal auch Bilblischer Zionismus genannte –Dazu fällt mir der Name Malcolm Hedding ein, ein evangelikaler Zionist. Da gab es auch diese Diskussion, bei der ein Oberrabiner Australiens einem erstaunten Hedding mitteilte: „Sie wissen, dass der Messias kommt, und der aktuelle Konflikt kündigt das an.“
Christliche Zionisten, christlich-zionistische Ideen, die sich nicht so sehr von den orthodoxen jüdischen Ideen unterscheiden, das ist nicht neu.
Ein bisschen merkwürdig kommt daher eine Neuauflage /Fassung des lutherischen Werkes aus dem Jahr 2016 daher. Unter Morgensterns Feder erscheint diese überarbeitete Auflage zu „Von den Jüde.n und ihren Lügen“. ein bisschen so, als schlüpfe ein Hauptangeklagter in die Rolle des Richters und fallt sein eigenes Urteil.
Die Schriften und Werke Luthers wie „Wider das Papsttum, vom Teufel gestiftet“, „Von den Jüden und ihren Lügen“ oder „Shem Hamphoras“ liefern Impulse, die durchaus dem aktuellen Zeitgeschehen sehr nahe stehen. Aber auch Diskussionen zu offiziell gemachten „Fälschungen“ wie „Protokolle der Weisen von Zi.on“ lassen sich über bestimmte Vorgänge in einen Zusammenhang bringen. So unter anderem von Umberto Eco aufgegriffen und in seinen Romanen. „Das Foucaultsche Pendel“ ,Der Friedhof in Prag“, oder „Verschwörungen“, verankert.
Nicht weniger bewahrt auch Ecos Werk „Auf den Schultern von Riesen“ diesen Impuls: Wenn Lügner uns die eine „Wahrheit“ sagen….
Es gibt selbstverständlich noch eine Reihe an Künstlern und Literaten mit Werken, die richtungsweisend sind.
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Zum Abschluss noch eine kleine Auslese zu großen Worten
Ulrich von Hutten, Klage und Ermahnung gegen die Gewalt des Papstes (1520)
Wir wollens halten ingemein.
Laßt doch nit streiten mich allein.
Erbarmt euch übers Vaterland,
ihr werten Teutschen, regt die Hand.
Jetzt ist die Zeit, zu heben an
um Freiheit kriegen, Gott wills han
Ulrich von Hutten, Deutschlands Leiden und Hoffnung (1521)
Es ist ein jämmerlich Ding um dieses und dergleichen mehr, das wir Deutschen leiden und tragen. Wann will es doch ein Ende nehmen mit den Bischofsmänteln, den Annaten, Pensionen und der Unzahl der Räubereien? Wann wollen doch die Römer einmal ihren Dingen ein Maß setzen? Ich fürchte, wir Deutschen werdens nicht länger dulden können. Ihr unbilliges Gebahren, wodurch sie uns vergewaltigen, nimmt täglich zu, ihre Geldforderung hat kein Aufhören, keine Art kein Maß.
An das Teuschland Weckherlin, Georg Rudolf
Zerbrich das schwere joch, darunder du gebunden, o Teutschland, wach doch auf, faß wider einen mut!