Wer hat’s gewusst? Deutsch wäre die eigentliche Weltsprache, oder fast geworden
… und dann geschah Folgendes:
1790 stimmte das Parlament des Staates Pennsylvania „angeblich“ darüber ab, ob Deutsch zur offiziellen Landessprache erklärt werden sollte. Der Sprecher des Parlamentes, der Deutsch-Amerikaner Frederick Augustus Conrad Mühlenberg, soll die entscheidende Stimme für Englisch und gegen Deutsch abgegeben haben.

Zu dieser Zeit stellten die Deutschen die größte Einwanderergruppe (Übersiedler) überhaupt.
Und so brachte im Januar 1794 eine Gruppe deutscher Einwanderer aus Virginia die Bitte in das Repräsentantenhaus ein, Gesetzestexte auch in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Zur Begründung hieß es, es würde den neuen Bürgern damit leichter fallen, sich in Amerika zurechtzufinden.
Der Antrag wurde an den Hauptausschuss überwiesen. Dort kam es schließlich zur Abstimmung. 41 Mitglieder votierten mit Ja, 42 mit Nein. Frederick Muhlenberg, dessen Vater noch in Einbeck im heutigen Niedersachsen geboren worden war, hatte es zum ersten Sprecher des Repräsentantenhauses gebracht. Er enthielt sich der Stimme. In der Debatte zuvor hatte er sich aber ablehnend geäußert: „Je schneller die Deutschen (zu denen auch Bewohner aus dem Habsburger-, dem Zarenreich und dem Alpen- und Balkanraum zählten) das Englische erlernen würden, des schneller würden sie sich in den USA eingewöhnen.“
Bei den Deutschstämmigen wurde die Abweisung ihrer Petition als Zurückweisung berechtigter Wünsche empfunden.
Deutsch wäre also fast zur Weltsprache geworden. Es waren damals nur wenige Stimmen, die „fehlten“. Um genau zu sein: eine!
Und was hat es mit Frederick Muhlenberg auf sich?
Während seiner Amtszeit als Redner war Muhlenberg der erste, der die Bill of Rights unterschrieb, doch seine Abstimmung über den umstrittenen Jay-Vertrag erwies sich als sein Scheitern. Muhlenberg verlor danach ein Wiederwahlangebot und seine nationale politische Karriere war beendet.
Aber seine „legendäre“ Rolle bei der Verhinderung der Annahme von Deutsch als Amtssprache der Vereinigten Staaten gewann im Laufe der Jahre an Bedeutung.
Bereits deutschstämmige Autoren haben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Muhlenberg als den Schurken des Stücks identifiziert. Denn der eloquente Pfarrer verweigerte offensichtlich seinen Landleuten die nötige Unterstützung; es soll sogar seine Stimme gewesen sein, die ihre Petition zu Fall brachte. Am Ende ergab die Abstimmung im zuständigen Hauptausschuss 41 zu 42 Stimmen. Damit war der Vorstoß gescheitert.
Man darf also zurecht die Annahme vertreten, das Muhlenberg so gehandelt hat, um eine Resolution des Kongresses zu blockieren, die Deutsch zur Nationalsprache gemacht hätte.
Übrigens, das Argument, mit dem Muhlenberg seine Haltung verteidigte, lautete wie folgt: „Je eher die Deutschen Amerikaner werden, desto besser ist es“, erklärte er unumwunden. Das beste Mittel dafür aber sei das Erlernen der englischen Sprache.

Und nun spinnen wir das mal weiter.
Ein Deutsch sprechendes Amerika wäre vermutlich nicht an der Seite der Entente in den Ersten Weltkrieg eingetreten. Richtig?
Auch hätte sich die Sprache der Dichter und Denker, also unsere deutsche Sprache, als Verkehrssprache behauptet.
Aber es gab genügend, die das zu verhindern wussten (nur als Beispiel):
„Nur wenige ihrer Kinder lernen Englisch“, klagte ein Zeitgenosse über die Deutschen, darunter auch Einwanderer aus Österreich, der Schweiz, den Niederlanden oder Russland. „Sie importieren viele Bücher aus Deutschland … Die Schilder in unseren Straßen sind in beiden Sprachen gehalten, manchmal sogar nur in Deutsch“, schrieb kein Geringerer als Benjamin Franklin. Und er sah voraus, dass „sie uns bald zahlenmäßig überlegen sein“ werden, sodass all die Vorteile, die wir haben … nicht ausreichen werden, um unsere Sprache zu erhalten. Auch unsere Regierung“, warnte er, „gerät dadurch ins Wanken.“
Von der deutschen Sprache haben sich nur noch Spurenelemente erhalten, wozu vor allem die beiden Weltkriege beigetragen haben. Für die Generation von Mark Twain war es noch ganz selbstverständlich, ihre Kinder das Deutsche als Sprache der höheren Bildung erwerben zu lassen.

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Die massiven Einflüsse des Amerikanischen auf das Deutsche begannen nach dem Ersten Weltkrieg. Bereits für die Zwischenkriegszeit konstatierte ein auf die Reinheit der deutschen Sprache bedachter Zeitgenosse abwertend einen »Amerikafimmel«.
Nach 1945 verstärkten sich diese Einflüsse. Deutschland war besiegt, der Text der Kapitulationsurkunde spiegelte die politische – und damit sprachliche – Wirklichkeit wider: »Diese Urkunde ist in russischer, englischer und deutscher Sprache ausgestellt. Nur der russische und englische Text ist maßgebend.«
Die USA waren die dominierende Besatzungsmacht des Westens – ihre Präsenz in wichtigen Bereichen des öffentlichen Lebens bereitete die Amerikanisierung der deutschen Sprache vor: »Die Anwesenheit einer großen Zahl amerikanischer Soldaten und Zivilisten auf deutschem Boden; die Herausgabe einer überregionalen Zeitung {Die N e u e Z eitung) durch die Amerikaner für die Dauer mehrerer Nachkriegsjahre; die Verbreitung amerikanischer Filme, Songs, Zeitschriften, Taschenbücher und Theaterstücke …
Die Amerikanisierung der deutschen Sprache dehnte sich rasch auf nahezu alle Lebensbereiche aus: Musik, Börse/Wirtschaft/Bank/Finanzwesen, Mode/Bekeidung/Textilien”, Kosmetik’, Sport/Fitness,, Flugverkehr/Touristik/Reisen , Hifi/Video/TV ‚, Unterhaltungswesen, Film sind sprachliche Referenzbereiche mit besonders hoher Frequenz gerade in den ersten beiden Nachkriegsjahren.
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Quelle
A. ]. F. Ziegelschmid, Englisch-amerikanischer Einfluß auf den Wortschatz der deutschen Sprache der Nachkriegszeit, in: Journal o f English and Gemanic Philology, 34/1, 1935,24-39, 25.
B. Kämper, die Amerikanisierung