Der Investiturstreit (1075-1122) – aus der Reihe: „Deutsche Geschichte“ nach Albert Thümmel

Dieser Teil der Geschichte forderte die Wortzahl heraus. Also nehmt euch Zeit, und lest in Ruhe. Spannend ist dieses Kapitel allemal, in Fortsetzung des Artikels zu Papst Gregor VII. https://undinepeter.blog/2023/11/26/gregor-vii-1073-1085/.

Denn der gewaltige Kampf zwischen Staat und Kirche, zwischen Kaiser und Papst weitete sich allmählich zu einem Kampf um die Weltherrschaft aus.

Der absolute Leiter der Kirche strebte nun ganz offen nach der Obergewalt über die weltlichen Reiche. Ein starker Bundegenosse erwuchs ihm dabei in den Normannen. Diese hatten, von der Normandie her, um die Mitte des Jahrhunderts fast ganz Süditalien erobert.

Der damalige Mönch Hildebrand hatte es verstanden, die Eroberer zu einem Vertrag zu bewegen, nach dem sie für die eroberten und noch zu erobernden Gebiete den Papst als Lehensherren anerkannten. Der Papst war dadurch der Obereigentümer von ganz Unteritalien, später auch von Sizilien, und hatte in den Normannen außerordentlich wertvolle Kampftruppen gewonnen.

Nun bedurfte er nicht mehr des Schutzes durch den Kaiser, er wurde unabhängig von ihm.

Heinrich berief 1076 eine Versammlung der deutschen Bischöfe nach Worms und ließ den Papst absetzen. Da holte Gregor zu einem gewaltigen Schlag aus: er erklärte Heinrich in den Bann, sprach ihm die Krone ab und entband alle seine Untertanen von ihrem Treueeid. Es war ein unerhörter, welterschütternder Akt, denn die Kirche beherrscht ja damals die Gemüter noch weit mehr als heute selbst in den klerikalsten Ländern. Den Fürsten war dieser Bannfluch die willkommene Gelegenheit, sich vom König loszusagen.

Auf einer Fürstenversammlung wurde beschlossen: Wenn Heinrich nicht binnen Jahresfrist vom Bann gelöst wäre, würden sie einen neuen König wählen, außerdem würden sie die Entscheidung dem Papst anheim stellen. Es war die erste Kundgebung jenes deutschen Sondergeistes, der on nun an schwer und immer schwerer unser Vaterland schädigte.

Gregor glaubte bereits, den Sieg in der Hand zu haben und in Augsburg den Schiedsrichter über die deutschen Parteien spielen zu können. In der erhobensten Stimmung brach er von Rom nach Norden auf. Da überraschte Heinrich alle Welt durch den plötzlichen Entschluss, persönlich dem Papst entgegenzueilen und seine Loslösung vom Bann irgendwie zu erzwingen. Im härtesten Winter 1076-1077 trat er die Bußfahrt an, begleitet von seiner Gemahlin, von seinem zweijährigen Söhnchen sowie wenigen Getreuen. Als er nach unsäglichen Mühen endlich die Lombardei erreicht hatte, zog sich Gregor erschreckt in das feste Schloss Canossa der Markgräfin von Toskana zurück. Am Fuß des steilen Canossafelsens hat dann Heinrich drei Tage lang geweilt und sich in der kirchlichen Büßertracht, barfuß und in härenem Gewand, trotz strenger Winterkälte wiederholt vor der Burg gezeigt und um Einlass gebeten. Am vierten Tag endlich, empfing ihn Gregor und sprach ihn vom Bann los, während Heinrich sich verpflichtete, in seinem Streit mit den deutschen Gegnern die Vermittlung oder den Schiedsspruch des Papstes anzuerkennen. Dann schieden die beiden Gegner, scheinbar versöhnt, aber Heinrich mit tödlichem Hass im Herzen ob der erlittenen Schmach.

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Welches war die geschichtliche Bedeutung von Canossa?

Der kirchliche Bußakt hatte für die Zeitgenossen nicht ganz das Demütigende, das er für uns heute hätte. Heinrich kam es in erster Linie darauf an, zunächst einmal wieder die Hände frei zu haben. Durch die Loslösung vom Bann gewann er die Freiheit des Handelns zurück, und er hat sie in den folgenden Jahren mit meisterhafter Diplomatie genützt. Vergleich man freilich den Tag von Canossa mit jenem Tag von Sutri unter Heinrich III., dann wird der Abstieg der Reichsgewalt während des letzten Menschenalters erschreckend deutlich: damals der Kaiser noch der Schiedsrichter Europas, jetzt sich beugend unter das päpstliche Schiedsgericht.

Der Name „Canossa“ wird immer das Symbol bleiben für die Kapitulation staatlicher Macht vor kirchlichen Herrschaftsansprüchen.

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Trotz Heinrichs Loslösung vom Bann wählten die Fürsten, ohne die vereinbarte Jahresfrist abzuwarten, sofort einen Gegenkönig, den Herzog Rudolf von Schwaben. Es war ein erster Sieg des freien Wahlrechts über Erblichkeit und Rechtmäßigkeit. Ein verheerender Bürgerkrieg war die Folge. Heinrich entzog dem Gegenkönig das Herzogtum Schwaben und verlieh es seinem treuen Anhänger Friedrich von Staufen, dem Stammvater des hohenstaufischen Herrscherhauses. In der Entscheidungsschlacht siegte Heinrich und war somit wieder alleiniger König in Deutschland. Nunmehr eilte er nach Italien, um den Papst zu strafen. Er ließ einen neuen Papst wählen und sich von diesem zum Kaiser krönen.

Gregor VII. ward in der Engelsburg eingeschlossen, doch kamen ihm die Normannen mit einem starken Heer zu Hilfe, sodass sich Heinrich zurückziehen musste. Als die Normannen drei Tage lang entsetzlich plünderten und die Stadt fast zur Ruine machten, wandte sich die Empörung der Römer derartig gegen Gregor, dass er sich den Schutz der abziehenden Normannen begab. Bereits im folgenden Jahr (1085) starb er in Salerno, nachdem er Heinrich erneut in den Bann getan hatte.

Seine letzten Worte waren: „Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehasst, deshalb sterbe ich in der Verbannung“. Im Dom von Salerno wurde er begraben. Ranke, der große deutsche Geschichtsschreiber, bezeichnete Gregor „als die vielleicht größte kirchenpolitische Erscheinung“, die jemals gewesen ist.

Heinrich IV. aber wurde in immer wieder neue Bedrängnis gestürzt. Er musste den Kelch des Leidens bis zur bitteren Neige auskosten. Sein Sohn Heinrich empörte sich gegen ihn, da er eine neue Erhebung gegen seinen Vater befürchtetem welche diesem und ihm selbst die Krone kosten konnte. Er warf sich daher zum Führer der Opposition auf, um sich die Herrschaft zu sichern auf Kosten seines Vaters. Mit widerlicher Heuchelei und listigem Betrug brachte er diesen in seine Gewalt.

Es war wohl die „teuflischte Tat der ganzen deutschen Geschichte“. In schändlichster Weise wurde der Vater als Gefangener behandelt und durch Verrat und Treulosigkeit zur Abdankung gezwungen. Weder Bitten noch Tränen des Vaters rührten das Herz des Sohnes. Der tiefgebeugte Mann erhielt weder die Loslösung vom Bann noch die Freiheit. Schließlich gelang ihm die Flucht. Er wandte sich nach Lüttich, wo ihn der treugesinnte Bischof schützte. Dort starb er kurz darauf, im Jahr 1106, 56 Jahre alt.

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Im nächsten Teil geht es dann weiter mit Heinrich V., diesem moralisch so minderwertigen Herrscher.


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