Ein Kaiser und sein Tod, der zur furchtbarsten Katastrophe der mittelalterlichen deutschen Geschichte führt – und von einem Recken, der kommendes Unheil weissagt

Ein neues Jahr, und die Reihe „Deutsche Geschichte nach Albert Thümmel“ geht in Fortsetzung. Nach Barbarossas Tod geht es weiter mit Heinrich VI.

Heinrich VI. (1190-1197)

Ein seltsamer Gegensatz bestand zwischen Barbarossa und seinem Sohn und Nachfolger: neben dem jugendlich wirkenden Greis der früh gereifte Jüngling.

Gegenüber dem reicheren, harmonischen Wesen des Vaters mit seinem ritterlichen Sinn, seinem gerechten Maßhalten und seiner sittlichen Größe erscheint in dem Sohn der Sinn für Macht und die Kunst staatsmännischen Handelns großartig gesteigert auf Kosten aller übrigen Eigenschaften. Schon sein Äußeres lässt darauf schließen, der magere, schwächliche Körper zeigt nicht von kriegerischer Kraft, aber die mächtige Stirn in dem bleichen, ernsten Gesicht verrät die Gedankenarbeit des Staatsmannes. Von Vater frühzeitig in die große Politik eingeführt und zum Mitregenten erhoben, tritt er uns mit seinen 25 Jahren als ein völlig Fertiger entgegen.

Sosehr er sich auch von seinem Vater unterschied, dessen Weltmachpolitik nahm er unverändert auf. Ein glühender Ehrgeiz, das Reich noch größer und mächtiger zu gestalten, treib ihn unablässig vorwärts, verscheuchte ihm Ruhe und Genuss – Jagd, Spiel und Gaukler waren seine einzigen Zerstreuungen – machten ihn unliebenswürdig, streng, gegebenenfalls rücksichtslos, ja grausam. Durchaus Wirklichkeitsmensch, skrupellos in der Wahl seiner Mittel, erinnert er an Heinrich V., doch überragt er diesen, ganz abgesehen von dessen unedler und weit kleinerer Persönlichkeit, als der wohl größte Politiker unter allen deutschen Herrschern des Mittelalters. Sein Herrschergeist umspannt immer weitere Kreise der Weltpolitik, bis ihn ein früher Tod jäh aus der Bahn seiner Erfolge reißt.

Kaum hatte der junge Heinrich die Dinge in Deutschland notdürftig geordnet – durch ein raschen Frieden mit Heinrich dem Löwen, der unter Eidbruch aus England zurückgekehrt war – so eilte er nach Italien. Auch mit den lombardischen Städten und mit dem Papst verständigte er sich überraschend schnell. Wie er die Kaiserkrönung betrieb und erreichte, das war ein Meisterstück politischer Rechenkunst, wie sie für Heinrichs Art bezeichnend ist. Aber er scheiterte zunächst an dem dritten Gegner, an den Normannen in Unteritalien, obwohl er doch dieses Land als das Erbe seiner Gemahlin beanspruchen konnte. Die Heerfahrt gegen Neapel schlug fehl infolge einer schweren Pest. Heinrich selbst wurde von ihr ergriffen, todkrank sah er sich gezwungen die Belagerung abzubrechen.

Dieses Missgeschick im fernen Süden wirkte, ähnlich wie einst bei Otto II., mit gewaltigem Rückschlag bis nach Deutschland hinein. Die Welfen erhoben sich sogleich wieder unter der Führung des Sohnes Heinrichs des Löwen, der Papst stellte sich auf dessen Seite, und auch alle Fürsten unterstützten ihn. – das erhabene Gebäude der hohenstaufischen Weltmacht erbebte in seinen Grundfesten. Durch Glück und meisterhafte Diplomatie gelang es dem Kaiser, den gefährlichen Bund zu sprengen. So konnte er 1194 aufs neue nach Italien ziehen , und dieses Mal unterwarf er im ersten Ansturm das süditalienische Normannenreich.

Am Ende des Jahres zog er triumphierend in Palermo ein. Heinrich stand an dem ersehnten Ziel: er war der tatsächliche Herr des Abendlandes.

Um das Errungene zu sichern und dauernd mit dem Imperium zu vereinigen, war sein Auge von nun an auf den wundesten Punkt der königlichen und kaiserlichen Machtstellung gerichtet: auf die Erblichkeit der Krone. Aber ehe er Entscheidendes durchführen konnte, griff das Schicksal ein. Kaum hatte er einen neuen Aufstand in Sizilien, eine Verschwörung gegen sein Leben, mit fürchterlicher Strenge niedergeworfen. Da starb er dort im September 1197, im jugendlichen Alter von 32 Jahren, ein Opfer des sizilianischen Sommers. Seine Gebeine ruhen im Dom von Palermo.

Nicht abzusehen ist, was noch hätte werden können, wäre Heinrich ein langes Leben beschieden gewesen.

Sein Tode führt zur furchtbarsten Katastrophe der mittelalterlichen deutschen Geschichte. Das schlimmste dabei war, dass sein einziger Sohn erst drei Jahre alt war und das zur gleichen Zeit ein Mann den päpstlichen Stuhl bestieg, der in der ganzen Reihe der großen politischen Päpste vielleicht der herrschbegabteste gewesen ist.

Schon die Zeitgenbossen hatten nach Heinrichs Tod das Gefühl eines unersetzlichen Verlustes und die Ahnung eines drohenden Umschwungs.

So erzählte man sich in Köln: Voller Sorge suche der alte Recke Dietrich von Bern das Reich auf; an der Mosel habe man seine riesenhafte Erscheinung auf kohlschwarzem Roß gesehen, er weissage kommendes Unheil.

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In der kommenden Woche eröffnen wir dann das Kapitel der Kreuzzüge (1096-1291). Dabei war der Kinderkreuzzug von 1212 die wohl traurigste Ausgeburt jener mystischen Zeitstimmung.


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