Ein wirklich spannendes Kapitel in der Geschichte, wie ich finde, weil es eben das Machtgefüge und die daraus resultierenden Auswüchse bis in die Gegenwart hinein verdeutlicht.

Am Ende habe ich noch eine „Tafel“ mit Informationen angehängt.
Doch zunächst folgen wir den Ausführungen Albert Thümmels zu diesem Kapitel aus unserer „Deutschen Geschichte“.
Die Wortzahl fällt gegenüber den anderen Beiträgen aus dieser Reihe etwas höher aus, doch liest es sich wie eine Erzählung aus einem spannenden Roman. Und ich verspreche euch, es lohnt.
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Der deutsche Thronstreit und Papst Innozenz III. (1198-1216)
Der eigentliche Nachfolger Heinrichs VI. in der Weltherrschaft wurde Papst Innozenz, der wenige Monate nach Heinrichs Tod im Alter von 37 Jahren den päpstlichen Thron bestieg.
Er war von zartem Körperbau, aber seine feinen, schmalen Gesichtszüge deuteten auf Klarheit des Geistes und auf große Energie. Persönlich bedürfnislos und im Privatleben ohne Tadel, hatte er immer nur den Vorteil der Kirche im Auge und scheute dabei keine Mittel, um sein Ziel zu erreichen.
In wirklich meisterhafter Diplomatie verstand er es, die Gunst der damaligen allgemeinen Lage zu nutzen. Sein nächstes Ziel war es, die Kirche aus der Umklammerung durch das mit Sizilien vereinigte Reich zu befreien. Unmittelbar nach seiner Erhebung zum Papst sicherte er sich zunächst die Hoheit über Rom.
Sodann wusste er den Kirchenstaat durch ganz Mittelitalien, von einem Meer zum anderen, zu vergrößern. Weiter Erfolge erzielt er in Sizilien. Die Kaiserinwitwe Konstanze löste unter seinem Einfluss die Verbindung Siziliens mit dem Imperium und ließe ihren Sohn Friedrich zum König von Sizilien krönen (1198); sie erneuerte das alte Lehensverhältnis zum Papsttum und bestellte Innozenz zum Vormund für den jungen Friedrich.
Was für ein Wandel in einem kurzen Jahr: Die Allgewalt des Kaisers lag in Trümmern, das Papsttum war frei und sogar die vorherrschende Macht.
Dieser jähe Wandel war nur möglich geworden, durch die deutsche Zwietracht. In der Einsicht, dass nur ein Mann und nicht das Kind Friedrich das Reich zusammenhalten könne, bestimmten die Hohenstaufen Philipp von Schwaben, einen Bruder des verstorbenen Herrschers, zum Kaiser. Aber sofort erhob sich dagegen die welfische Partei und wählte Otto IV., einen Sohn Heinrichs des Löwen. Die beiden Thronbewerber, beides Jünglinge von kaum 20 Jahren, waren in ihrem Wesen grundverschieden:
• Philipp zart gebaut, mit blondem Haar, fein im Aussehen, in Umgangsformen und Bildung, mild, heiter, lebenslustig, von makellosem Lebenswandel und der wohl liebenswürdigste von allen Staufern, ein „süßer junger Mann“ wie ihn Walter von der Vogelweide nannte –

• Otto dagegen von hohem Wuchs und gewaltiger Körperkraft, kriegseifrig und abenteuerlustig, aber auch hochfahrend, schroff und derb.

Diese unselige Doppelwahl von 1198 ist das verhängnisvollste Ereignis der deutschen Geschichte im Mittelalter, der Wendepunkt sowohl in der äußeren Machtstellung des Reiches als auch in dem inneren Widerstreit zwischen der Krone und den Sonderbestrebungen der Fürsten. Die natürliche Folge dieser Doppelwahl war ein verheerender Bürgerkrieg.
Der Papst hielt sich zunächst zurück; denn solange keiner der beiden Teile die Oberhand gewann, brachte dieser Krieg eine erwünschte Schwächung der gefürchteten deutschen Macht. Als aber Philipp zusehends an Boden gewann, griff Innozenz energisch in den Kampf ein. 1204 entscheid er sich für Otto und erklärte Philipp und seine Anhänger in den Bann.
In den folgenden Jahren schwoll Ottos Macht gewaltig an. Seit dem Jahr 1207 aber begann plötzlich ein reißender Abfall von ihm. Der Papst hielt es schließlich für geraten, rechtzeitig umzuschwenken und durch einen Ausgleich mit Philipp für die Kurie zu retten, was zu retten war. Es kam zu langwierigen Verhandlungen, die im wesentlichen zu zugunsten Philipps verliefen. Schon war dieser nahe dran, den endgültigen Sieg über Otto zu gewinnen, da brach über Deutschland ein neues furchtbares Verhängnis herein. Philipp wurde von dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, eines Neffen jenes treuen Gefolgsmannes Barbarossa, in seinem Palast auf der Altenburg bei Bamberg aus persönlicher Feindschaft ermordet (1208). Das Entsetzen war allgemein.

Man war des langen Haders müde, daher wurde Otto IV., als er sich mit einer Tochter Phillips vermählte, allgemein anerkannt, auch vom Papst, von diesem allerdings erst nach großen Zugeständnissen.
Da überraschte Otto die Welt durch eine plötzliche Wandlung seiner Politik, die zum Bruch mit der Kurie führen musste. Mit Schrecken sah der Papst sein Lebenswerk, die Trennung Siziliens vom Reich, in Gefahr dadurch, dass Otto die Politik Heinrichs VI. wiederaufnahmen und die Vereinigung Siziliens mit dem Reich betrieb.
Da holte Innozenz zu einem gewaltigen Gegenschlag aus: er tat Otto in den Bann und stellte den jungen Friedrich als Gegenkönig auf, obwohl auch damit die gleiche Gefahr verbunden war. (Diese Kandidatur ging wahrscheinlich von Frankreich aus, dem die welfische Macht bedrohlich wurde).
Während Otto nach Deutschland zurückeilte, ging Friedrich nach Rom, wo er zum künftigen Kaiser ausgerufen wurde, und dann nach Konstanz. Der Glanz des hohenstaufischen Ansehens ging ihm voraus, sein Anhang wuchs, aufs Neue entbrannte in Deutschland der Bürgerkrieg. Friedrich wurde in Mainz gekrönt (1212) und schloss – gegenüber der engen Verbindung zwischen Otto und England – ein Bündnis mit Frankreich. 1213 erließ er die Goldbulle von Eger; sei beseitigte die Rechte, die dem König nach dem Wormser Konkordat über die deutsche Kirche zustanden, und schuf damit die Grundlage für ein souveränes geistliches Fürstentum in Deutschland.
Der deutsche Thronstreit wurde mit einem Schlag entschieden durch einen französischen Sieg von europäischer, ja weltgeschichtlicher Bedeutung: die Schlacht bei Bouvines 1214 entscheid auch über Deutschlands Zukunft. Seit diesem Sieg gewann Frankreich, das nunmehr ebenbürtig neben Deutschland stand, immer mehr Einfluss.
„Von dieser Zeit an, sank der Ruf der Deutschen bei den Welschen“, schrieb ein zeitgenössischer Geschichtsschreiber. (Nach dieser Niederlage ist Otto nichts mehr gelungen; er starb nach wenigen ruhmlosen Jahren auf der Harzburg).
Am glücklichsten von allen Mächten ging das Papsttum aus den endlosen Verwicklungen hervor. Es hatte die letzten beiden Jahrzehnte der europäischen Geschichte maßgebend beeinflusst und stand in der ganzen Welt glänzend da; auch innerhalb der Kirche hat sich seine Macht gefestigt.
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Im nächsten Kapitel lesen wir dann über Friedrich II. (1216-1250) und wie der Papst nach erfolglosen Verhandlungen die Vernichtung nicht nur des Kaisers, sondern auch die Ausrottung der gesamten staufischen „Vipernbrut“. Zu den Kirchenfürsten in vorderster Reihe gehörte unter anderen der Mainzer Erzkanzler Siegfried von Eppstein.
„…die kaiserlose, die schreckliche Zeit…“ so nannte Friedrich Schiller in seinem „Der Graf von Habsburg“ das sog. Interregnum, die Jahre zwischen 1250 und 1273.
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Infotafel:
Es scheint naheliegend, einen genaueren Blick auf diesen Papst zu werfen, der der Onkel des späteren Kirchenoberhauptes Gregor IX war und dem nachgesagt wird, seine Maßnahmen zur Häresieverfolgung haben die spätere päpstliche Inquisition (nicht zu verwechseln mit der bischöflichen Inquisition, deren Anfänge etwa beim 3. Laterankonzil 1179 zu datieren sind) vorbereitet.
Die Amtskirche, die sich doch schließlich als Vertretung Gottes auf Erden begriff, zeigte auch bei anderen Gelegenheiten in der Geschichte ein unmenschliches und grausames Gesicht.
Wenn es darum ging, gegen Andersgläubige zu verteidigen, wurde so mancher Papst und klerale Würdenträger zum unbarmherzigen Todesengel für Abertausende. Etwas die Kaiserrchronik, die von einem baierischen Geistlichen ab 135 verfasst wurde, macht mit lapidaren Worten deutlich, dass die Christen nicht gerade zimperlich mit dem „Feind“ umgegangen sind. (siehe Bild im Kommentar).
Häresien gab es schon vor Papst Innozenz III. Ihre Anfänge finden wir im Bulgarien des 10. Jahrhunderts mit der Lehre der Bogomilen. Die vermeintliche Bedrohung der katholischen Kirche durch angebliche Ketzerbewegungen war schon seit längerem bekannt, als er sein Pontifikat erhielt.
Wo Andersdenkenden zuvor „nur“ Exkommunikation drohte, rief er 1209 sogar zum Kreuzzug gegen die Albigenser auf.
Auch fällt das 4. Laterankonzil, auf dem etliche Edikte bezüglich der Häresien erlassen wurden, in seine Amtszeit (1215), ebenso, wie Innozenz III zum ersten Mal so etwas wie eine systematische Grundlage zur Ketzerbekämpfung zusammenstellte und verfasste.
Im 16. und 17. Jahrhundert, während der Reformationszeit, wurden Vertreter der radikalen Reformation, zum Beispiel Thomas Müntzer, der Antitrinitarier Michael Servetus und die Täufer verfolgt und verurteilt.
Die Ketzer oder Häretiker waren Menschen, die im Mittelalter an den Lehren der katholischen Kirche zweifelten und die Aussagen der Bibel anders erklärten, als die Theologen.
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Bilder/Fotos/ Aufnahmen: Mittelalter Wiki /Wikipedia