Frei dem Motto: Danke Facebook – hier haben wir gute Seelen kennengelernt, und nun schreiben wir uns Briefe.
Dieser erste Brief, zum „warm werden“, muss ja keine zehn Seiten lang sein. Einfach mal das Geschehen und die Erlebnisse vergangener Tage zusammenfassen und über ein paar freundliche Zeilen zu Papier bringen. Und was einen sonst noch so beschäftigt. Wenn man mag, gerne auch handschriftlich.

Wisst ihr noch wie es sich anfühlte, mit dem Füller und der Tinte? Und wie schön es doch war, statt Rechnungen freundliche Zeilen aus dem Postkasten zu nehmen, und wie gespannt man war, den Brief zu öffnen, um die Botschaft zu lesen. Es gab sogar wunderschöne Brieföffner, damit man den Umschlag fein öffnen konnte. Manche Briefe waren verziert, mit Zeichnungen und tollen Malereien versehen oder kamen als Gedicht daher.



Unser Volksstamm, soweit wir zurückschauen können, besaß dichterische Begabung. Er wusste die bunte Menge von Gestalten und Handlungen in Worte zu fassen, er wusste diese Stoffe zu Liedern abzurunden. Als die Germanen dann bei den südlichen Nachbarn in die Schule gegangen waren, erhob sich ihre bildende Kunst zu freien, großen Schöpfungen.
Unser Auge muss sich eingewöhnen, manches Vorurteil in uns muss fallen, bis wir zur ursprünglichen Gestaltung zurückkehren können.
Niedergeschriebenes wird immer Bestand haben. Es ist nicht eingepfercht in eine Datenbank, und für jedermann greifbar. Persönliches bleibt persönlich, Privates bleibt privat und erreicht immer nur den Empfänger. Man schreibt aufmerksam, überprüft die Wortwahl, denn nach dem Absenden ist ein Löschen nicht mehr möglich. Und wenn man darüber hinaus etwas kund tun möchte, schreibt man ein Buch, oder auch zwei oder drei Bücher.

Nun gut, was Briefe betrifft, bin ich auch ein gebranntes Kind. Denn auch in unserer „Familien-Stasiakte“ tauchten abgelichtete Briefe auf. Bestimmte Briefe wurden dazumal schon abgefangen, durchleuchtet und gelesen – auf dem Foto seht ihr einen Auszug aus einem Brief meiner Eltern an ein befreundetes Ehepaar in Westberlin.


Doch nun werde ich schreiben, ich werde wieder Briefe schreiben, sie zur Post bringen und mich darüber freuen, Antworten zu bekommen. Ja, auf die Antwort müssen wir dann ein wenig länger warten, aber das ist es wert, denn für den Inhalt hat man sich auch Zeit genommen.
Selbstverständlich werden wir nicht von heute auf morgen aus diesem System, welches uns schon arg geknebelt hat, ausbrechen können, aber wir sollten vielleicht einen Anfang machen.
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Auf den Bildern seht ihr noch alte Briefe von meinem Großvater, ihr seht ein Sammelsurium an alten Federn, ein Stempel, einen Brieföffner, ein Kochbuch, mit Rezepten in wundervoller Schrift verfasst, Poesiealben mit kitschigen Abziehbildern und großartigen Sprüchen. Und all das, wärmt das Herz, stimmt zugleich aber nachdenklich, wo wir heute angelangt sind und uns menschlich darüber immer mehr voneinander entfernt haben.
Aber ihr seht eben auch (siehe Auszug aus meiner Stasiakte“), dass die Überwachung mittels Fb & Co nichts Neues ist. Viele sind wie ich in dieses Überwachungssystem, das mit der Zeit immer „feiner“ wurde, hineingewachsen.
Also beginnen wir doch einfach mal mit dem Schreiben eines Briefes, und wecken das Schöpferische in uns.