Bevor wir noch weiter in das 13. Jahrhundert „hineinlesen“, möchte ich es nicht versäumen einer der wohl berühmtesten und ehrenwertesten Heilerinnen und Frauengestalten des Mittelalters ein Kapitel zu widmen.
Hildegard von Bingen: Sie war Verfasserin mystisch-visionärer Schriften, Heilpraktikerin und Naturwissenschaftlerin, Predigerin und Komponistin. Ihre Schriften über Medizin und Naturheilkunde machten sie weltberühmt. Sie ging als schreibende Ärztin in die Geschichte ein.

Heilig gesprochen wurde sie für ihr Tun nicht. Das geschah erst 900 Jahre nach ihrem Wirken, im Jahr 2012. Die Begründung zu dieser späten „Heiligsprechung“ lag aber weniger im Tun und Wirken der Hildegard von Bingen, sondern folgte vielmehr dem Gedanken die Stadt Bingen über diesen Akt für Besucher noch interessanter zu machen.
Glaubenspolitisch war zu erwarten, dass nicht alle katholischen Würdenträger die Anerkennung Hildegards begrüßen. Seinerzeit fast eine Rebellin folgten ihr ihre Nachfolgerinnen stets dabei, wenn es darum ging, unbequem für den Klerus zu sein. Die Benediktinerinnen waren und sind sich mit dem Kirchenoberhaupt nicht immer einig.
Aber macht das eine Hildegard von Bingen nicht noch sympathischer, wenn man sich nur mal umschaut, wer so alles über die Jahrhunderte hinweg heilig gesprochen wurde?
So gab es bei einer Dame, namens Gonxa Bojaxu (Teresa) sogar eine Art Express-Heiligsprechung, nur zwei Jahre nach ihrem Tod. Wo sie doch bekanntlich im Leiden anderer auch Schönes gesehen habe. Mal abgesehen von der dubiosen und intransparenten Verwaltung der Spendenkonten ihres „Ordens“ Merkwürdigerweise waren die Medien nie darum bemüht, ein weniger einseitiges Bild über Mutter Teresa zu zeichnen. Und so bleibt sie bis heute die heilige Friedensnobelpreisträgerin, die mit ihrem Amulett Menschen von Krebs heilen konnte.
Es verhält sich damals wie heute, oft sind es doch eher Zuträger einer Elite, angepasst und unkritisch, die mit Orden und Auszeichnungen überschüttet werden, oder eben heilig gesprochen. Die, die wirklich etwas leisteten und hervorbrachten, aber ehrlich und kritisch waren, erfuhren kaum öffentliche Anerkennung. Viele wurden gar als Ketzer und Hexen dem Scheiterhaufen übergeben.
Doch zurück zu Hildegard. Denn sie war eine beeindruckende intelligente und gelehrte Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Sie tauschte sich mit berühmten Personen aus, wie dem damaligen Papst Eugen III. und anderen Kirchenoberhäuptern. Sogar mit Kaiser Barbarossa führte sie einen regen Briefwechsel. Selbst kurz vor ihrem Tod führte sie noch Fehden zugunsten Benachteiligter. Sie geriet immer wieder mit Kaisern, Fürsten und Bischöfen aneinander, doch dies geschah immer in der festen Überzeugung, dem Wunsch Gottes damit zu folgen. Stets versuchte sie, die aus den Fugen geratene Welt der katholischen Kirche wieder zu schließen und setzte sich massiv für die Erneuerung der Kirche im Glauben ein.

Schließlich war der Anfang des zwölften Jahrhunderts eine Reformzeit. Wie wir aus den vorangegangenen Kapiteln zu unserer deutschen Geschichte erfahren haben, gestaltete sich das Verhältnis zwischen Kaisertum und Papsttum immer schwieriger. Auch nach der offiziellen Beilegung des Investiturstreits wird zu jedem Papst ein Gegenpapst gewählt. Machtverteidigung und Machtexpansion sind die vornehmlichen Ziele.
Die Kirche gerät in dieser Situation zwangsläufig in die Kritik, für viele weisen die Zeichen der Zeit auf Verfall, ja sogar auf Untergang hin.
In diese Zeit der Wirrnisse fällt Hildegards Leben: Es ist so vielschichtig wie die Zeit selbst: Schon als Kind Nonne, wird sie später bedeutende theologische Schriften verfassen, ein Kloster führen, als Predigerin durch die Lande reisen (ziemlich ungewöhnlich für eine Frau in der damaligen Zeit), sie wird sich der Komposition widmen, Korrespondenzen mit den wichtigsten Zeitgenossen bis hin zu Kaisern und Päpsten führen, naturkundliche Forschung betreiben und auch (im weitesten Sinne) medizinisch tätig werden. Außerdem wird sie eine Geheimsprache erfinden, deren Sinn bis heute nicht geklärt ist

Hildegards Leben ist von Anfang an von großen Gegensätzen geprägt.
Daraus resultierend hat sie uns etwas Wundervolles hinterlassen. Denn in unserer Familie wird das Wissen von Hildegard sehr geschätzt. Es ist faszinierend, was wir heute noch von ihr lernen können und dürfen.

Hildegard von Bingen war nämlich vor allem eins: Eine große Heilende, eine Heilkundige, wie es die „Kräuterfrauen“ der keltischen und germanischen Frühzeit gewesen sind. Darüber hinaus war sie eine Naturkundige, eine Naturforscherin, wie ihre naturkundliches Werk „Physica“ belegt, und kannte sich bestens in der Tier- und Pflanzenwelt ihrer Heimat aus. Hildegard stand und lebte ganz in der Natur, die sie als Gesamtheit auffasste und als deren Teil sie sich sah. Also ist auch das “Grün“, das die Erde hervorbringt, in Hildegards Selbstverständnis zum Nutzen und zum Dienst am Menschen erschaffen.

Hildegard wurde 1098 in Bermersheim vor der Höhe geboren und verstarb am 17. September 1179 in Bingen am Rhein.
Natürlich hat ein über die Papstebene geschaffenes Syndikat kaum oder nur wenig Interesse daran, ein derart naturkundliches Werk, wie das der Hildegard von Bingen zu ehren.


