Anlass für diesen Beitrag ist zum einen die Nachricht der vergangenen Tage von der Uni Bielefeld zur Sperrung von etwa 60 000 Büchern wegen des Verdachts auf Gift, und zum anderen, die in Begleitung dieser Nachricht zuhauf auftretenden Kommentare: „Das war schon 1933 so“., „Jetzt ist es wie unter Hitler“.

Letzteres zeugt wiederholt davon, dass den Menschen lediglich etwas zur Geschichte von 1933 beigebracht wurde, und das in aller Ausführlichkeit und fern historischer Tatsachen.
Und da unsere Historie in den öffentlichen Lehranstalten nahezu in seiner Gesamtheit auf die Zeit ab 1933 bis 1945 reduziert wurde, und immer noch wird, und dabei andere geschichtliche Prozesse ausgespart oder stiefmütterlich behandelt werden, fließen falsche Informationen und Halbwahrheiten im digitalen Zeitalter durchs Netz.
Wenn ich das Thema der sogenannten Bücherverbrennungen „aufgreife“, möchte ich deutlich machen, dass es mir nicht darum geht, etwas in diesem Kontext zu verharmlosen, oder der Waagschale ein besonderes Gewicht zuzuordnen. Mir geht es vor allem darum, dass bestimmte Vorkommnisse dazu in ihrer Gesamtheit und im Rahmen der geschichtlichen Prozesse wahrgenommen werden sollen. Welches Bild man schlussendlich davon trägt, sei jedem selbst überlassen. Aber es gehört sich einfach, alle Tatsachen aufzugreifen, um sie greifbar machen zu können.
Das Beitragsfoto zeigt die Bücherverbrennung bei der Wartburgfeier der deutschen Studenten von 1817 (Stahlstich von W. POBUDA um 1818); es wurden unter anderen Schriften von August VON KOTZEBUE und Karl Ludwig VON HALLER verbrannt. Heute werden keine Bücher mehr in diesem Sinne verbrannt, sie werden – wirksamer – durch Indizierung oder Verbot aus dem Verkehr gezogen.
Welche Informationen sind noch interessant?
Schon in der Bibel wird von Bücherverbrennungen gesprochen. Ein Bericht hierüber findet sich im 19. Kapitel der Apostelgeschichte, Vers 19.2 „Wir wissen alle von Martin Luther, dass er die Bannandrohungsbulle von Papst LEO X. und die Summa Theologiae von Thomas von Aquin sowie andere Fundamentalwerke der Kirche öffentlich in Wittenberg vor dem Elstertor 1520 verbrannt hat.
Ein wichtiges Buch über unser Thema stammt von Hermann Rafetseder( im Quellverzeichnis erwähnt). Er hat viele Beispiele von Bücherverbrennungen genannt. So wurden 1764 in Den Haag Schriften von Voltaire öffentlich verbrannt.
1763 gab es in London große Schriftenverbrennungen, allerdings gibt es dazu heute keine Warnungen und Gedenktage!
Papst Klemens XIV. ließ 1770 aufklärerische Schriften durch den Henker öffentlich verbrennen.
Ebenfalls bekannt sind die 23 Forderungen der >Roten Garden< in China. Forderung Nr. 23 lautet: »Bücher, in denen sich die Gedanken von MAO TSE-TUNG nicht widerspiegeln, müssen verbrannt werden!«
1968 rissen Gäste des SPD Parteitages die Parteifahnen von den Masten und verbrannten sie mit dem Ruf »Ho-Ho-Ho Tschi Minh!«
1986 wurden in Teheran von Jugendlichen amerikanische Fahnen verbrannt.
Wir sehen, die deutschen Bücherverbrennungen des Jahres 1933 – bei weitem nicht die ersten und letzten, weder in Deutschland noch in der Welt – werden zu allen Jahrestagen in den Massenmedien erwähnt. Dass anderenorts solche in weit größerem Maße stattfanden und dort die Vernichtung einer literarischen Kultur versucht wurde, wurde – wenigstens bisher – weitgehend verschwiegen.
In den Veröffentlichungen der Umerzieher wird zumeist Heinrich HEINE zitiert: »Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen« – obwohl schon lange vor 1933 Bücher und Menschen verbrannt worden sind! Doch darüber schweigt man. Man wirft solche Tatsachen in das berühmte »Gedankenloch« von George ORWELL, das in seinem 1984 (Ullstein-Taschenbuch, S. 97) erwähnt wird.
Dagegen hat Bundeskanzler KOHL zum 50. Jahrestag des 10. Mai 1933 hervorgehoben, Bücherverbrennungen seien eine Mahnung für die ganze Welt.
Heiner GEISSLER (1983 noch Generalsekretär der CDU) erinnerte ebenfalls an Heinrich HEINE. Er hätte natürlich auch den berüchtigten jesuitischen Inquisitor KONIAS nennen können, der im Dreißigjährigen Krieg Zehntausende von Büchern in Böhmen verbrennen ließ. Aber das hätte nicht zu seinen Absichten gepasst, das deutsche Volk im Schuldbewusstsein erpressbar zu halten.
Großes Aufsehen entstand (hauptsächlich bei den Meinungsmachern der veröffentlichten Meinung), als am 3. Oktober 1965 in Düsseldorf 25 junge Menschen vom »Evangelischen Jugendbund für entschiedenes Christentum „unmoralische Schriften, darunter Bücher von Günter GRASS, öffentlich verbrannten.
Weil Herbert G. WEI.LS in seinem Werk über die Weltgeschichte die Meinung der Mohammedaner über die Unveränderbarkeit des Korans belustigend fand und bedauerte, dass sie »ihrem konfusen Buch« anhängen, hat vor gläubigen Moslems in der Londoner Moschee Dr. Abdul Yakub KHAN WELLS‘ Buch verbrannt.
Es ist aber kein großer Unterschied, ob man Bücher verbrennt oder ob man sie verbietet. Nach 1945 haben die Sieger mehr als 34000 Titel von Büchern und Zeitschriften in Deutschland verboten und verbrannt, sowohl in Ost als auch in West.
Ab 1946 erschienen in Ost-Berlin Listen der aus allen Bibliotheken und Büchereien auszusondernden NS-Literatur. Mit mehreren Nachträgen bis 1952 umfassten sie insgesamt rund 34000 Titel. Nach diesen Aufstellungen wurde auch vielfach in den Westzonen gesäubert.
Und wer hätte es gewusst? Am 10. Mai 1933 wurden an vielen, nicht allen, deutschen Universitäten pornographische und politisch missliebige Bücher verbrannt. Ein revolutionärer Akt – nach Ansicht der damaligen Studentenschaft. Darunter auch Bücher eines Mannes mit Namen Magnus Hirschfeld.

Vielleicht ist auch manchen der Name ein Begriff? Der jüdische Sexualforscher Magnus HIRSCHFELD (1868-1935) wurde auch der „Einstein of Sex“ genannt, und erlangte später, insbesondere in den Kreisen der Frankfurter Schule, große Aufmerksamkeit, zur – nennen wir es – Zerstörung der Innenwelt durch Sexualisierung.

Nun, schauen wir uns um, das Werk dieses Mannes hat nie aufgehört zu existieren, im Gegenteil, die Inhalte sind heute in der Umsetzung.
Und noch etwas: In deutschen Universitätsbibliotheken wurden nach Kriegsende >Giftschränke< eingerichtet. In diesen wurden bestimmte aus der NS-Zeit stammende Bücher aufbewahrt, die nur für Ausleiher zugänglich waren, wenn diese ein berechtigtes wissenschaftliches Interesse nachweisen konnten. Das galt zumindest bis weit in die sechziger Jahre. Den historisch interessierten Laien blieben diese Bücher also vorenthalten.

In den neunziger Jahren wurden öffentliche Bibliotheken von Büchern im Verfassungsschutzbericht als »rechtsextrem« oder »revisionistisch« eingestufter Verlage oder Autoren gesäubert, so zum Beispiel auf Druck des Innenministeriums von Baden-Württemberg die Bücherei des >Hauses der Heimat< in Stuttgart.
——-
Quelle
Hermann RAFETSEDER, Bücherverbrennungen. Die öffentliche Hinrichtung von Schriften im historischen Wandel, Böhlau-Verlag, Wien-Köln-Graz 1988
Johannes GROSS, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Magazin, Heft 720, 17. 12. 1993, S. 10.
Ruth ANDREASFRIEDRICH, Schauplatz Berlin, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1968 > eindrucksvolle Beispiele über die alliierte Säuberung deutscher Bibliotheken bis zum 1. Oktober 1945. Sie beschreibt auch einige öffentliche Verbrennungen von Büchern.
Günter GRAFFENBERGER, »WO selbst Tarzan nicht überlebte«, in: Die Welt, 12. 8. 1988.