Nachtrag zum 275. Geburtstag von Johann Wolfgang Goethe.
Er wurde am 28. August 1749 mittags 12 Uhr in der alten freien Reichsstadt Frankfurt am Main geboren.

Sein Vater stammte aus einer Handwerkerfamilie – sein Urgroßvater war Hufschmied, sein Großvater ursprünglich Schneidermeister, später Gastwirt gewesen.

Als Sechzigjähriger hat uns Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ ein unvergessliches Bild seiner Jugend entworfen. Es wird trefflich ergänzt und vervollständigt durch das 1875 von Michael Bernans im Verein mit Salomon Hirzel herausgegebene, von Morris neu bearbeitete Buch: „Der junge Goethe“, in dem seine Briefe und Dichtungen von 1764-1776 der Zeit nach geordnet und zumeist nach den Urschriften in ihrer ursprünglichen frühesten Fassung, wiederhergestellt, uns vorgeführt werden.
Über unseren großen Dichterfürsten könnte man endlos schreiben. Doch beschränken wir uns auf diese kurze Anekdote:
Viel Tinte wurde auf Rührseligkeiten über Goethes Verhältnis zu Italien verschüttet. Kein Mensch hätte Goethe verhindern können in Italien zu bleiben, oder dahin zurückzukehren. Seine Mittel hätten ihm gestattet mit aller Bequemlichkeit in diesem billigsten Lande Europas zu leben. Er ist ja auch tatsächlich, kaum zwei Jahre nach seiner Rückkehr wieder nach Italien gereist, und … es hat ihm missfallen.
Schon während der ersten Reise vernehmen wir manchmal trotz allem Rausche der Neuheit Worte wie folgende: „So schön und herrlich diese Welt ist, so hat man doch in derselben und mit derselben nichts zu tun“ … ; jetzt aber lautet der Bericht aus Venedig: „Übrigens muss ich im Vertrauen gestehen, dass meiner Liebe für Italien durch diese Reise ein tödlicher Stoß versetzt wird.“
Durch äußere Umstände genötigt, in dem „Stein- und Wassernest“ einige Wochen zu verweilen, klagt er über das Sauleben dieser Nation“, begehrt „Erlösung“ daraus und „verlangt sehnlich nach Hause“.
Nachher sperrten allerdings die Napoleonischen Kriege das Land eine zeitlang ab, doch später hätte Goethe, der wiederholt monatelang Aufenthalt in den böhmischen Bädern und am Rhein nahm, ebenso Monate in Italien zubringen können.
Er aber schreibt: „Nach Italien, wie ich aufrichtig gestehe, habe ich keine weitere Sehnsucht.“
Das er sie nicht hatte , hängt mit der Bedeutung des italienischen Aufenthaltes für sein Leben zusammen. Hier war sein Schicksal in hartem inneren Kampf entschieden worden. Zum ersten und einzigen Male (wenn man von den unreifen und vielfach gebunden Jahren der Wanderzeit absieht) kostete hier Goethe mit Bewusstsein Freiheit, völlige Ungebundenheit. Welche Tragweite diese Erfahrung für sein Gemütsleben besessen haben muss, empfinden wir, wenn wir den schon so hoch hinaufgeläuterten Faust sich in dem schaurigen Schweigen der Nacht zuflüstern hören:
„Noch hab ich mich ins Freie nicht gekämpft“.
Was in dem dichterischen Symbol die vier grauen Weiber sind, der Mangel, die Not, die Schuld, die Sorge, das sind im Leben Verhältnisse, wie die menschliche Gesellschaft sie schafft und gegen die keine Zaubersprüche aufkommen: denn in der allseitigen Gebundenheit, aus der sie hervorsprießen, wurzelt zugleich alle Kultur des Geistes und des Gemütes.
„Stünd ich, Natur, vor dir, ein Mann allein, da wär’s der Mühe wert, ein Mensch zu sein.“
… fährt der Greis fort. Da aber liegt gerade der tragische Kern unseres Schicksals: ein Mann allein wäre kein Mensch. Das hat kein Denker öfter ausgesprochen, und keiner hat bewusster danach gelebt als Goethe.
„Der isolierte Mensch gelangt niemals zum Ziele“ sagt er.
Die kleine Bilderreise rundet das Gedenken an seinen 275. Geburtstag ab.
















