Seit dem 6. Jahrhundert begeht die Kirche jedes Jahr am 28. Dezember das »Fest der unschuldigen Kinder«. Es erinnert an jenen Tag, an dem laut der Bibel König Herodes die Kinder von Betlehem töten ließ – in der Hoffnung, dabei auch Jesus zu erwischen, den er als Konkurrenten ansah (siehe Mt 2,13-23).

Es ist ein weiterer Feiertag, der von der Kirche seit dem 6. Jahrhundert gefeiert wird, aber heute fast vergessen ist: der Tag der unschuldigen Kinder am 28. Dezember. Dieser Tag soll an die – historisch nicht belegbare – Tötung aller bis zu zwei Jahr alten männlichen Kinder in Bethlehem erinnern, welche Herodes angeordnet hatte. Der böse Herrscher, der von den Weisen aus dem Morgenland gehört hatte, dass ein neuer König geboren worden sei, fürchtete einen Konkurrenten, de ihn auf dem Thron ersetzen würde. Er hoffte, mit den grausamen Maßnahmen auch den Jesusknaben zu erwischen. Aber Jesus entkam, er befand sich inzwischen mit der heiligen Familie und ihrem Esel auf der Flucht nach Ägypten.
Daher gibt auch diesen Brauch, an diesem Tag die Esel gut zu füttern, oder, wenn man ihnen begegnet etwas Leckeres ins Maul zu stecken.
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Nun zur Geschichte hinter der Geschichte:
Herodes der Ältere („der Große“) lebte um Christi Geburt. Obwohl Herodes kein Jude war, ernannte ihn der römische Kaiser Augustus 37 v. Chr. zum König von Judäa. Mit dem Status eines Königs von Kaisers Gnaden führte er den Titel „Bundesgenosse und Freund des römischen Volkes“ (socius et amicus populi Romani) . Als überragende Herrscherpersönlichkeit führte Herodes den jüdischen Staat zu einer politisch-militärischen Machtstellung, die von den Römern anerkannt und von den Nachbarvölkern respektiert wurde. Von glühendem Ehrgeiz und krankhaftem Misstrauen besessen, beherrschte er das Land durch Spionage, Denunziation und Bluttaten. Er ließ sogar acht Familienmitglieder ermorden. Als sich die Magier nach dem neu geborenen König der Juden erkundigten „erschrak er“ und gab den Befehl zum Kindermord. Der Evangelist Matthäus, der die Begebenheit als einziger überliefert, sieht sich an das Prophetenwort erinnert: „Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren dahin.“ (
Herodes trachtet dem neugeborenen Jesuskind nach dem Leben, weil er seine eigene Herrschaft bedroht sah. Als brutaler Kindermörder von Bethlehem ist er deshalb in die Geschichte eingegangen.
Der Archetypus des Kinderfressers, der alte Saturn, findet in dieser Sage wieder einmal Ausdruck. Wir finden hier den Ursprung jenes Werkzeuges, das Kronos Saturn von da ab immer bei sich führen wird. Dieses Gerät wandelt sich dann später zu jener (größeren) Sense, die wir in der Gestalt des Todes (im Mittelalter) auf tausenden von Abbildungen vorfinden.-

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Infotafel:
Kronos, der die Königswürde über das Göttergeschlecht der Titanen durch den Frevel an seinem eigenen Vater erlangt hatte, muß jetzt fürchten, daß einer seiner Söhne denselben Frevel an ihm begehen wird. Und er hat Angst. Er will nicht die Herrschaft verlieren. Deshalb tut er etwas ganz ähnliches wie das, was bereits sein Vater Uranos an seinen Kindern getan hatte. Er schafft die Kinder beiseite. Hatte Uranos sie noch in die finsteren Tiefen der Erde verbannt, so entscheidet sich Kronos für etwas ganz ähnliches:
„Darum ließ er nicht ab, zu wachen und stellte den eigenen
Kindern nach und fraß sie zu Rheas unsäglicher Trauer“
Sobald sie auf die Welt kamen, sobald sie den Schoß der Mutter verlassen hatten, fraß er sie auf! Kronos ist jetzt wieder an der Stelle, an die ihn bereits sein Vater Uranos verbannt hatte: Unter der Erde.
Ich erwähne diese Geschichte dazu deshalb hier so ausführlich, weil in ihr jenes Motiv deutlich wird, das dem Saturn noch 2500 Jahre später anhaften wird: Er frisst seine Kinder!
Unser Bild zeigt, daß es einen Strang von Archetypen gibt, der durch die Jahrhunderte hindurch sich gleichsam als universales Muster durch das Leben der Menschen zieht. Dieser Strang oder dieses Bündel der Archetypen zieht sich durch die kulturellen, mythologischen, religiösen Bilder ganz ebenso wie durch die realen Handlungen und durch die Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen.
Diese Archetypen nützen sich niemals ab.
Die bisher erzählte Geschichte ist gleichsam die erste Fassung des Auftretens von Kronos-Saturn, denn Hesiod (ca. 700 v.Chr.) war der erste, der systematisch die Genealogie des griechischen Götterhimmels zusammengetragen und in seiner „Theogonie“ aufgeschrieben hat.
Für uns ist diese Geschichte aus mehreren Gründen wichtig: Will man eine Seelengestalt zu erfassen versuchen, so hilft es, die Geschichten, die sich um ihren Hintergrund ranken, erzählt zu bekommen. Weiß man um diese Geschichten nicht, so bleiben die einzelnen Versatzstücke („Sichel“, „Kinderfressen“ usw.) blass und sind nur noch angsteinflößend.
„Nach einem abweichenden Bericht war Kronos kein grimmiger Tyrann, sondern ein gütiger Herrscher, der in einem gesegneten goldenen Zeitalter regierte; nach seiner Absetzung wurde er Herrscher über die Inseln der Seligen im westlichen Ozean. Diese Darstellung verknüpft Kronos mit Saturn, dem römischen Gott, mit dem er gleichgestellt wurde.“
Kronos wird damit in der Tat zu einer eigenartigen Doppelgestalt: Auf der einen Seite ein milder König, unter dessen Herrschaft Milch und Honig fließen auf der anderen Seite ein Griesgram, der seine Kinder verschlingt.

Und wer war Herodes?
Er war der König Judäas, aber auch Samarias und der Küstenstädte. Neben Juden waren seine Untertanen Samaritaner, Syrer, Griechen und Menschen anderer Herkunft. Sein Königtum hatte Herodes allein Rom zu verdanken, von dessen Senat er im Jahre 40 vor Christus als König eingesetzt wurde.
Wegen ungeklärter Zuständigkeit schickt Pilatus Jesus zur Prüfung des Falles an die jüdische Autorität in Gestalt des Tetrarchen Herodes Antipas. Herodes verhört Jesus, treibt seinen Spott mit ihm und sendet ihn wieder zurück zu Pilatus, wo er endgültig zur Kreuzigung verurteilt wird.
Unter Herodes besetzten die Sadduzäer die wichtigsten Ämter…
Wer sind die Sadduzäer?
Die Sadduzäer passten sich teilweise der Lebensweise der Römer an. Sie waren die mächtigste jüdische religiöse Gruppe zur Zeit von Jesus Sozial kamen sie vor allem aus der Oberschicht: Großgrundbesitzer, Tempelpriester, Höflinge, Kaufleute. Viele von ihnen waren im Hohen Rat. Sie hatten alle gemeinsam, dass sie wohlhabend waren und ihren Besitz und ihre Macht bewahren wollten.
Jesus sprach dazumal (unter anderem in Bezug auf das Brotbacken)!:„Hütet euch vor dem sadduzäischen Sauerteig mit seiner Lehre und Lebenseinstellung“.
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Peter Orban Saturn und Die Macht des Schicksals
Helga Maria Wolf. Weihnachten Kultur & Geschichte. Wien – Köln – Weimar 2005)
Wolf Dieter Storl- Magie der Sonnenwenden
(Grant und Hazel: Lexikon der antiken Mythen und Gestalten, München 1980, S. 252)