„Fasnacht“ – ein uraltes heidnisches Winteraustreibungsritual“

„Wenn keine Narren auf der Welt wären, was wäre dann die Welt?“, fragte sich einst Johann Wolfgang Goethe

Unternehmen wir an dieser Stelle einen Schwenker: Raus aus den „politischen Sphären“ und hin zu einer fast vergessenen Welt naturmagischer Bräuche. Zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Winter und Frühling – wir feiern die Zeit, die mit dem Erwachen der Natur im Frühling einhergeht.

Es handelt sich vorrangig um ein Totenfest, welches traditionell zum 11. Schwarzmond (unsichtbarer Mond) des Jahreskreises zum Abschied des Sommers gefeiert wird und zugleich das letzte Erntefest des Jahreskreises ist.

Die germanischen Stämme nutzten diese Zeit, um böse Geister zu vertreiben und den guten zu huldigen, sie markierten den Übergang von Winter zum Frühling, mancherorts auch mit einem Heidenlärm. Wie bei allen heidnischen, also unseren ursprünglichen Festen, stand und steht die Natur im Mittelpunkt mit einem naturmagischen Segen aus Blüten: Nelken, Tulpen, Rosen und Veilchen. Naturrituale, um das Neujahr zu begrüßen, Fruchtbarkeitskulte, um den Frühling anzulocken. Für mich ist es die schönste Art zu „feiern“.

Allerlei Interessantes von den Ursprüngen bis in die Gegenwart:

Fasching, Fastnacht, Karneval – auch hier wurde ein ursprünglich heidnischer Brauch von der Kirche gekapert und „umzitiert“. Unsere alten heidnischen Bräuche gerieten darüber mehr und mehr in Vergessenheit, und die von der Kirche verordneten Zeremonien rückten in den Vordergrund.

Warum wird Karneval (Fasching, Fasnacht) eigentlich am 11. November ausgerufen?

Tatsächlich lässt sich dieser Zeitraum auf Samhain zurückführen: Mehr noch als die bevorstehende Wintersonnenwende am 21. Dezember markiert Samhain Anfang, Ende und Neubeginn.

Warum drei Namen?

> Unser oberdeutsches Wort Fasnet ist gleichbedeutend mit Fasnacht. Fasnacht aber kommt über Faselnacht von faseln her. Fasnacht nennen wir die Tage von Dreikönig oder, im engeren Sinne, die Zeit von Donnerstag vor Quinquagesima bis Aschermittwoch. Fasnacht bezeichnet also einen Zeitabschnitt und nicht nur einen Tag oder eine Nacht.

> Das bajuwarische Wort Fasching hat sich aus Fa-Schank gebildet, wobei sich kaum nachweisen läßt, ob es aus Fasel-Schank oder aus Fasten-Schank entstand. Das Wort Vaschang taucht zum erstenmal in der Passauer Weberordnung vom Jahre 1283 auf und in seiner heutigen Form Fasching wurde es durch den Landsmann Hans Ulrich Megerle aus Kreenheinstetten, dem unter dem Namen Abraham a Santa Clara bekannten Wiener Hofprediger verbreitet.

> Das Wort Karneval will der Würzburger Professor Hermann Müller im Jahre 1844 aus carrus navalis — Schiffswagen ableiten. Eugen Fehrle aber, der verstorbene Heidelberger Volkskundler, weist nach, daß es die Bildung carrus navalis im lateinischen Wortschatz nicht gibt. Eine andere Deutung carne vale — Fleisch lebe wohl, soll von Lebensweisen und humorigen Klerikern als Spaß erfunden und auch nur scherzhaft verwendet worden sein; sie zeigt sich aber doch als ein auffallender Gleichlauf zu dem Bemühen, aus Fasnacht Fastnacht zu machen. Fehrle meint, unser Wort Karneval stamme erst aus dem italienischen carnevale.

Auch interessant: Die alte Vorstellung vom Schiff, in dem die Fruchtbarkeitsgötter über Meer und Land im Süden und Norden zu Beginn der Wachstumsperiode geführt wurden, wirkt noch in der frühen neuhochdeutschen Literatur bei dem elsäßischen Satiriker Sebastian Brant in seinem Narrehnschiff nach.

Für die frühen Anfänge dürfen wir aber wohl sagen: in Ursprung und Sinn sind Fasnacht, Fasching und Karneval dasselbe.

Unser heimischer Mummenschanz (Kostümball) steht nicht für sich im Jahrlauf, er hat Vorformen, die mit Martini beginnen und er hat Nachspiele, die sich bis Pfingsten hinziehen.

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Was ich noch herausfinden konnte:

> Auch die antiken Saturnalien, Lypercalien, Dionysien und Floralien sind Vorläufer der Fasnacht.

> Europäische Höhlenmalereien deuten darauf hin, dass sich bereits die Menschen des Jungpaläolithikum vor etwa 30.000 Jahren mit Tierfellen und Hörnern maskierten.

> Vorläufer des Karnevals wurden bereits vor 5000 Jahren in Mesopotamien gefeiert, im Land mit den ersten urbanen Kulturen.

> Bei den Römern: Diese huldigten etwa ihrem Gott Saturn mit den sogenannten Saturnalien – feuchtfröhlichen Frühlingsfesten, zu denen sowohl das Vortragen von Spottgedichten als auch der Rollentausch von Herren und Sklaven gehörten.

> Heidnische Bräuche wie das Vertreiben von Winterdämonen zur Sonnenwende oder das Begrüßen des fruchtbaren Frühlings wurden im Laufe der Zeit nur argwöhnisch von der christlichen Kirche akzeptiert. Sie setzte alles daran, diese Festlichkeiten zu übernehmen und mit christlichen Werten und Bräuchen zu überlagern – wie auch die Fastnacht.

> Fasnacht wurde erst nach dem Jahre 1200 unter dem Einfluß des frommen Mittelalters ihrem Herkunftssinn widersprechend zu Fastnacht umgewandelt, nachdem das Konzil von Benevent im Jahre 1091 den Beginn der österlichen Fastenzeit auf den Mittwoch vor Sonntag Invocavit festgesetzt hatte. Den ältesten schriftlichen Nachweis für die Form Fasnacht finden wir in Wolfram von Eschenbachs Parzival aus dem Jahre 1206. Er schreibt im VIII. Buch in der 8. und 9. Zeile des 409. Verses: Das diu koufwip ze Tolenstein an der vasnaht nie baz gestriten

> Vom 12. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts werden in den Kirchen Narrenfeste gefeiert.

> Martin Luther war der Ansicht, die Menschen sollten nicht nur zu bestimmten Zeiten, sondern ganzjährig gottgefällig leben. Somit war die Durchführung der Fastenzeit in den evangelischen Gebieten Deutschlands zeitweise gänzlich erloschen – und damit auch die Fastnacht.

> Die alt Fasnet — Buurafasnet Der Sommer-Winter-Kampf wird aber durch die Fasnacht noch nicht endgültig entschieden. Acht Tage nach dem Fasnachtssonntag, am Sonntag Invocavit, am Funkensonntag, an der alten Fasnacht oder an der Bauernfasnacht, werden auf den Bergen die Funkenfeuer entzündet und Scheiben geschlagen. Auf der Spitze des Holzstoßes steckt eine ausgestopfte Hexenfigur. Sie symbolisiert den Winter, der nun endgültig, durch den Feuertod, sterben soll.

> Ein weiterer Wendepunkt in der Geschichte der Fastnacht war das Jahr 1823. Damals brachte die Stadt Köln eine gänzlich neue Form des Brauchs hervor. Festlichkeiten wurden „gezielt organisiert, um die Straßenfastnacht in kultivierte Bahnen zu lenken“. Ein Festkomitee sorgte für klar geregelte Umzüge und Prunksitzungen. Der rheinische Karneval war geboren.

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All die hierin beschlossenen Bräuche hatten einmal — wie die Fasnacht selber — den Sinn, den Winter auszutreiben, das Licht und den Sommer durch Aufstellen von Sinnbildern anzulocken, das Wachstum und die Fruchtbarkeit zu fördern und das Heer der Geister der Abgeschiedenen, die zur Wiederkehr drängen, abzuhalten.

Hierzu habe ich noch einmal bei Wolf Dieter Storl nachgeschlagen:

„Den ganzen Februar hindurch zieht die alte Göttin in der Gestalt der Percht oder Berta mit ihrer Geisterschar durchs Land. Die Menschen werden davon mitgerissen und feiern jetzt Fastnacht, Fasching, Karneval und andere Narrenfeste. Es ist die Urkraft der Wildnis und des Waldes, die in der Gestalt von Naturgeistern, Teufeln und Hexen über die kultivierte, zivilisierte Welt herfällt.“

Diese Kreaturen der ungezähmten Wildnis regen zum lustvollen Treiben an.

Das Wort Fastnacht hat nichts mit Fasten zu tun, wie es uns die Kirchendoktrin glauben machen will. Es kommt vom neuhochdeutschen Wort faseln (mittelhochdeutsch: vaselen) und bedeutet gedeihen, fruchtbar machen. Schon Bonifatius, der angelsächsische Missionar und sogenannte Apostel der Deutschen, der die heiligen Eichen umhauen ließ, verdammte in der Synode von Liftinae in Belgien (745) diese „unflätigen Feste im Februar“.

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Literaturverweise

Wolf Dieter Storl-Magie der Sonnenwenden

Hegau Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte Heft 1 / 5. Jahrgang / 1960


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