Auf ein Wort zur samischen Kultur – wir besuchten das lappländische Arvidsjaur

Nun beginne, ich mehr und mehr die schönsten und interessantesten Ereignisse von unserer diesjährigen Reise nach Schweden etwas ausführlicher zu betrachten, um sie dahingehend noch besser beschreiben zu können.

Dort, wo Moltebeeren wachsen und wo der Kolkrabe gerade einen Gute Nacht-Gruß herüberkrächzt:

Wir besuchten den Ort Arvidsjaur. Er liegt etwa 110 km südlich des arktischen Polarkreises und war neben Arjeplog eine der nördlichsten Gemeinden, an denen wir verweilten.

Die Gemeinde Arvidsjaur war lange Zeit eine rein samische Siedlung. Bis zum Beginn der Besiedlung der Lapplands durch schwedische Kolonisten lebten in den Weiten der damals viel größeren (!) Lappmark ausschließlich Samen. Diese aus der Rentierhaltung, der Jagd sowie aus der Fischerei lebende Urbevölkerung der Lappmark huldigte vielen unterschiedlichen Göttern und anderen Wesen des Jenseits.

Zeitgleich mit der Landnahme durch die Schwedische Krone im 16. Jh. wurde mit der Zwangschristianisierung der Urbevölkerung begonnen.

Im Jahre 1605 wurde der Ort zum Stützpunkt des Christentums in Lappland installiert und zugleich ein „Kirchenanwesenheitsgesetz“ ins Leben gerufen. Ein solches Gesetz wurde eigens für die samische Bevölkerung im 17. Jahrhundert erlassen, das eine Mindestpräsenz in der Kirche vorschrieb.

Eifrig wurde von den schwedischen Märkten in der Region aus die Christianisierung der Samen in Gebieten wie Arvidsjaur vorangetrieben. Das Gesetz sollte dazu dienen, die samische Bevölkerung zum Christentum zu bewegen und ihnen christlichen Unterricht zu vermitteln. Die Umsetzung war allerdings schwierig, da die nomadischen Samen weite Strecken zur Kirche zurücklegen mussten. Um die Teilnahme „sicherzustellen“, wurden Nacht-Gahties (kirchennahe Unterkunftsmöglichkeiten) gebaut, die den Siedlern eine Bleibe in der Nähe der Kirche boten.

Das Kirchenanwesenheitsgesetz war eine historische Maßnahme, um das christliche Leben in der Region Arvidsjaur zu fördern. Klingt nett. Doch war es nichts anderes, als ein Teil der Geschichte, der die Zwangschristianisierung des samischen Volkes vorantrieb. Gegen ihren Willen, denn schlussendlich wurden sie dazu genötigt.

Mit Drohungen, Verhören und Gerichtsverfahren wurden die Samen eingeschüchtert, gedemütigt und zu ihrem vermeintlichen Seelenheil gezwungen, indem sie ihrer Kultgegenstände, insbesondere ihrer mystischen Trommeln, beraubt wurden.

Die an ihrem Glauben festhielten, wurden nicht selten mit dem Tode bestraft. Die Zahl der Trommeln, welche diese Zeit überdauerten, ob in häuslichen Verstecken oder in Museen, wird mit 70 beziffert.

Die Kirche vertrat die Ansicht, der christliche Glaube sei die wahre Lehre, der Naturglaube der Samen indessen, mit seinen Götzen und Schamanen, sei des Teufels. Doch für die Samen waren es die in ihr Land eindringenden Kolonisten, ob Schweden, Norweger, Finnen oder Russen, die das Böse vertraten.

Die Zwangschristianisierung war „abgeschlossen“. Doch im 20. Jahrhundert machte man den Samen weiterhin das Leben schwer: Kulturelle Unterdrückung, Landenteignungen, Assimilationsversuche – ihre Sprache und ihre Traditionen wurden von vielen Regierungen und Institutionen unterdrückt, was zu einem langen und schmerzhaften Widerstand führte.

Und glaube man nicht, es gäbe heute keine versteckte Diskriminierung der Samen. Sie beginnt damit, dass die verbrieften Weiderechte für ihre Rentiere nur so lange staatlichen Schutz genießen, wie andere Interessen nicht beansprucht werden.

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Kultur und Geschichte auf einen Blick:

Die Samen, das indigene Volk des hohen Nordens, blicken auf eine mehr als 10 000 Jahre alte Geschichte zurück. Ihre Kultur, ihre Traditionen und ihr Widerstand prägen nicht nur ihre Vergangenheit, sondern auch ihre Zukunft. Heute leben sie hauptsächlich in den Ländern Norwegen, Schweden, Finnland und Russland.

Die samische Kultur ist reich an Traditionen, Ritualen und Kunstformen. Der“Joik“ ist eine traditionelle Gesangsform, die mit Natur, Tieren und Menschen in Verbindung gebracht wird . Es ist nicht nur einfach Musik, sondern auch eine spirituelle Ausdrucksform der samischen Seele. Wunderschön anzuschauen ist die farbenfrohe Kleidung. Oft mit Silberverzierungen geschmückt.

 Die Rentiere spielen eine zentrale Rolle im Leben der Sami, nicht nur als Nutztiere, sondern auch als Symbol ihrer Identität und Lebensweise. 

Die samische Esskultur ist geprägt von der Nutzung lokaler Produkte, insbesondere Rentier- und Elchfleisch sowie Fisch. 

Es wurden die Trommeln der Schamanen als „Teufelszeug“ verbrannt. Später wurde die samische Sprache verboten, Mensch und Tier von ihren Weidegründen vertrieben. „Wir trommeln nicht mehr, aber ich glaube an Schamanismus, denn für uns ist es der Glaube an die Natur. Wir möchten wie unsere Großeltern mit und in ihr leben, ohne sie auszubeuten“. Sie sind stolz auf ihre Vorfahren, die sich in einer samischen Mythologie „Kinder der Sonne und des Windes“ nennen.

Ein Volk mit seiner Eigenbezeichnung benennen zu wollen ist sicher ein löbliches Anliegen. Aber dann dürfen die Samen auf keinen Fall „Sámi“ oder „Sami“ oder „Saami“ genannt werden, denn in keiner der (insgesamt zehn) samischen Sprachen und Dialekte ist dies die eigene Benennung der indigenen Bevölkerung Nordeuropas.

Die Samen heißen:

(Übersicht über die Bezeichnung der indigenen Bevölkerung Nordeuropas“)

Nordsamischsápmelaččat
Skoltsamischsäʹmmlaž
InarisasmischLulesamischAnarâšSamek
PitesamischSáme
UmesamischSámit
SüdsamischSaemie

Indigene Völker sind die Hüter der kulturellen Vielfalt der Erde. Ihr Reichtum sind ihre vielen Sprachen und Kulturen, die Weisheit ihrer Religionen und ihres Umgangs mit der Natur. Weltweit wird derzeit von 350 bis 400 Millionen Menschen ausgegangen, die einem der ca. 5.000 indigenen Völker in über 75 Staaten angehören.


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