Hört, Hört! Von Beinwell, Kobolden und anderen märchenhaften Begebenheiten

Nun haben wir schon wieder Ende Oktober: Kräuter und Tinkturen haben ihren festen Platz eingenommen. Nur wenige warten noch auf die „Zubereitung“. Löwenzahn, Brennnessel, Gundelrebe, Wegerich, Fingerkraut, Salbei, Ringelblume, Schafgarbe, Kamille, – tata, alle Kräuter sind schon da!

Gestern habe ich dann noch die Wurzel von unserem Beinwell ausgebuddelt. Ganz schön tief lag seine Wurzel und sooo dick war sie. Ich nehme ja immer nur einen Teil der Wurzel, den anderen setzte ich wieder zurück, damit sich die Pflanze weiter verwurzeln kann. Im nächsten Jahr erfreut er uns und all die umher schwirrenden und summenden Tierchen mit einer üppigen Blüte.

Uns Frauen wurde schon immer ein besonderer Zugang zur Welt des Übernatürlichen und der Geister zugesprochen, weil Intuition, Instinkt, Naturverbundenheit und Weissagungen aller Zeit Frauendomänen waren.

Mit Blick auf die kommenden Tage:

Samhain, unser Ahnenfest, feiern wir bereits in wenigen Tagen. Immer näher rückt die Zeit zur Wintersonnenwende, der dunkelste Tag des Jahres. Ich mag diese Geschichten, die damit einhergehen:

Nach unserem heidnischen Glauben sollen auch Kobolde ihren Sitz in den Türzwischenräumen haben. Deshalb hängte man kleine Amulette aus bestimmten Wurzeln und anderen Kräutern (wie Wacholder oder Beifuss bspw.) an die Türrahmen. Aber auch nach einer Hausreinigung zu den Schwellentagen, wie den Sonnenwenden und besonders der Winterwende und vor den Rauhnächten, kann man einen Schwellenzauber zum Schutz vornehmen. Schutzkränze aus Zweigen zum Beispiel.

In den langen Winternächten beim Nähen, Spinnen und Kochen wurden wichtige Frauengeheimnisse weitergegeben. Vor allem den Großmüttern wurde besondere Verehrung entgegengebracht. Sie waren die Hüterinnen des alten Wissens, sie kannten alle Geheimnisse und konnten mit den Hausgeistern und Ahnen kommunizieren.

Sie saßen oft lange in der Hecke oder unter dem Holunder, deswegen wurden sie von den Dorfbewohnern als „Heckensitzerin“ bezeichnet. Hagadise, Hagezusse, „das Weib (Zussa) oder der Geist (Dise) im Hag“, so und ähnlich wurden sie von den verschiedenen germanischen Völkern genannt.

Auf diese Art wurden all die Weisheiten und das alte Wissen weitergegeben, von Generation zu Generation. Uns sind sie als Märchen bekannt. Sie sind die Nahrung der Seele.

Wusstet ihr das? „Wenn die Märchen verstummen, verdunkelt sich unser Lebensweg“. So formulierte es einst der Psychologe Wolfdietrich Siegmund.

(hier übernommen von Wolf Dieter Storl):

„Wir sind Lichtwesen, Seelen, auf einer Reise durch diese irdische Dimension. Die Märchen erinnern uns an unser wahres Wesen.

Sie sind eine Landkarte, ein Kompass für die Seele. Sie bringen auf bunte, bildhafte Weise in Erinnerung, was wir in unserem Alltag so leicht vergessen. Kinderseelen, den Nachklang himmlischer Welten noch in sich tragend, verstehen die Märchen – insofern diese echt sind und nicht nur erdachte Fantasiegebilde.

Der verwunschene Königssohn und die von einer bösen Stiefmutter geschundene Königstochter stellen niemand anders dar als unsere eigene göttliche Seele, die sich in einer verzauberten, stiefmütterlichen Welt zurechtfinden muss.

Deswegen sind auch für Erwachsene Märchen heilsam. In früheren Zeiten erzählte man solche Geschichten am Abend am warmen Herd im Kreis der Familie. Der Feierabend war die segensvolle Zeit, wenn das Tagwerk ruhte und man sich dem Geistigen zuwendete. Jung und Alt, Kinder und Erwachsene lauschten dann gebannt, was die Alten, die Großmütter und Großväter, denen das Leben Weisheit geschenkt hatte, vortrugen.

Märchen sind, wie es das mittelhochdeutsche Wort maere ursprünglich bedeutete, »Kunde, Bericht«. Es handelt sich um eine wahre Kunde.“

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Und was passiert jetzt mit der Beinwellwurzel? Nun, geschnitten habe ich sie ja schon. Jetzt muss sie noch ein wenig trocknen, damit sie nicht Schimmel ansetzt, wenn ich sie in das Öl einlege. Dort ruht sie dann vier bis sechs Wochen. Anschließend stelle ich aus diesem Öl eine Salbe her. Wie das geht, verrate ich euch, wenn es so weit ist.

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Quelle zur Märchenkunde

Auszug aus Wolf Dieter Storl „Einsichten und Weitblicke“ (Kunterbuntes / S.248)


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