
In einem altmärkischen Dorfe, man weiß aber nicht mehr in welchem, lebte eine Witwe mit ihrer Tochter.
Marie war die beste Spinnerin in der ganzen Gegend. Treulich arbeitete sie und sorgte gut für die Mutter. Doch sobald irgendwo Musik war, mußte sie tanzen. Ihre Mutter grämte sich darob sehr. Doch wie sie auch drohte, selbst bat, davon abzulassen, es half nicht. Im Spätherbst und besonders an den Spinnstuben-Abenden im Winter, wenn die jungen Leute zum Spinnen zusammenkamen, spielten sie auch einige lustige Weisen auf dem Leierkasten. Dann ging Marie nicht eher heim, bis sie mit allen Burschen getanzt hatte.
An einem Marientage, als sie wieder zum Spinnen ging, versprach sie der Mutter, recht früh heimzukommen. Nicht lange saßen die Mädchen am Rocken, da kamen die Dorfburschen mit Musik. Rasch wurden die Räder zur Seite gestellt, und alles tanzte und sprang. Marie gedachte ihres Versprechens und spann eifrig weiter. Doch schließlich sprang sie mit einem Jauchzer hoch und tanzte mit einem Burschen in wildem Wirbel durch die Stube. Spät nach Mitternacht erst machte man sich auf den Heimweg. Am Kirchhof fanden sie das kleine Tor offen, schlüpften hindurch und tollten durch die Gräberreihen. Maries Mutter wartete bang. Vom Kirchhof her klang Musik und Lachen in ihr Stübchen. Da wußte sie, daß Marie ihr Versprechen gebrochen. Sie ging zum Kirchhof und sah die Tanzenden. Da fluchte sie ihr: „Ich wollte, das ungeratene Kind säße im Monde und müßte da oben spinnen!“
Kaum daß sie es sagte, flog Marie mit ihrem Spinnrade dem Monde zu. In Vollmondnächten sieht man, wie sie emsig das Rädchen dreht. Feine, zarte Fäden spinnt sie, die im Herbste zur Erde fallen. Der Wind spielt mit ihnen und legt sie auf Bäume und Hecken, Sommerseide und Marienfäden nennen die Leute sie.
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Eine Sage zum Wintervollmond, der nicht nur eine Mondphase, sondern der Höhepunkt der Winterzeit ist, der die Hoffnung auf Licht und Leben bringt und alte, tief verwurzelte Rituale und Bräuche erklärt, die uns mit der Natur und unserer eigenen Seele verbinden können.
Sage aus einem altmärkischen Dorfe nach Bechstein
(aus: Märkische Sagen, Hrg. Hans Sturm, Leipzig 1923)
Beitragsbild: eine llustration zu „Die Spinnerin“ (aus: Spinnstube 1860), 1874 (Erstdruck 1860). In: „Ludwig Richter’s Illustrationen