Doch das Adenauer der Spalter Deutschlands war, das blieb den meisten (insbesondere der westlichen Bevölkerung) bis heute verborgen. Besser gesagt, sie wollen es nicht wissen.

„Der erste Bundeskanzler Konrad ADENAUER hat zwar oft und unmissverständlich die deutsche Einheit beschworen und die Wiedervereinigung als wichtigste Aufgabe deutscher Politik hingestellt. Aber schon zu seinen Lebzeiten gab er Anlass zu echten Zweifeln an seiner gesamtdeutschen Auffassung. Weitere Zweifel kamen später hinzu. Neben den Vorgängen zur Saarabstimmung und zu Ostdeutschland, den deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße, betraf das auch die Wiedervereinigung.

Bekanntlich tat also „der Westen“ politisch gegen den Mauerbau „nichts“ – eines dafür umso ausgiebiger: Er dokumentierte ihn. Zahllose Fotografen und Kameraleute aus aller Welt, Presseagenturen, Beauftragte des Berliner Senats, Mitarbeiter von Verlagen, Privatleute – sie alle sorgten dafür, dass sich schon innerhalb weniger Tage ein riesiger Fundus an Bildmaterial anhäufte
Über Erlebnisberichte, Dokumente und ordentlich Recherche gelangt man schon bald zu folgender Erkenntnis: Die Gegner zur Deutschen Einheit, oder zumindest die Spezies, die im Auftrag von …handelten, stammten allesamt aus Deutschland. Im Osten war es die Ulbricht-SED, im Westen Adenauer und sein Gefolge.
Kurt Schumacher bezeichnete Adenauer seinerzeit, und das zurecht, als „Kanzler der Alliierten!“
Zudem soll es im Vorfeld des 17. Juni 1953 ein „Fenster der Gelegenheit“ gegeben haben, den Sowjets den DDR-Staat abzuhandeln. Doch dafür fehlen im Westen die Verhandlungspartner. Adenauer hatte sich längst auf die Westbindung der Bundesrepublik festgelegt, eine Haltung die er auch in späten Jahren nie änderte.
Warum eigentlich, waren die Sowjets dazumal bereit, die DDR zu opfern und einer Wiedervereinigung zuzustimmen?
Beruhend auf Dokumentenfunde in sowjetischen und DDR-Archiven: Was hatte es mit der berühmten Deutschlandnote Stalins tatsächlich auf sich? Laut Adenauer war Stalins Angebot reine Propaganda.
Die Westalliierten planten schon früh die Abtretung Ostdeutschlands, des Gebiets östlich von Oder und Neiße, an Polen und Ostpreußens an die Sowjets. Führend waren darin die Briten unter ihrem Premierminister CHURCHILL.
Der später als >Europäer< gefeierte Winston CHURCHILL sagte bereits 1944 das deutsche Königsberg den Russen als Kriegsbeute zu. CHURCHILL erhielt 1956 den Karlspreis der Stadt Aachen, in Anwesenheit von ADENAUER, COUDENHOVE-KALERGI und anderen >Europäern <.

Konrad Adenauer würdigte ihn für seine Verdienste um die europäische Einigung, insbesondere nach seiner berühmten Zürcher Rede von 1946.
Die Idee der europäischen Einigung als Voraussetzung für Demokratie und Wohlstand in Europa war nun auf der Tagesordnung, zumal sie bald kräftig von den USA unterstützt wurde.
Ebenfalls weithin vergessen ist, als er 1955 als Bundeskanzler in den Wahlkampf im Saargebiet eingriff und in einer an Landesverrat grenzenden Weise die deutsche Bevölkerung der
Saar aufrief, für das mit Frankreich ausgehandelte Saarstatut zu stimmen, das die endgültige Loslösung des Landes von Deutschland vorsah.
Kurz vor dem Abstimmungstag, dem 23. Oktober 1955, rief er überraschend und zur großen Empörung vieler Deutscher die Saarbevölkerung öffentlich auf, für das Saarstatut und damit gegen die Rückkehr nach Deutschland zu stimmen. Er fiel damit dem Deutschen Heimatbund und seiner eigenen Partei in den Rücken.
Eine weitere unbestreitbare Tatsache kommt hinzu: So täuschte ADENAUER die deutsche Öffentlichkeit bis zu seinem Tod über die ihm bekannte wirkliche Haltung der Westmächte zur Frage der Oder-Neiße-Gebiete. Wie erst Jahrzehnte später durch Öffnung britischer Archive herauskam, wusste ADENAUER spätestens seit der Unterredung mit den drei westlichen Hohen Kommissaren John Jay M E CLOY ( 1 8 9 5 – ) , Sir Ivone KIRKPATRICK ( 1 8 9 7 – 1 9 6 4 ) und Andre FRANCOIS-PONCET ( 1 8 8 7 – ) am 15. November 1 9 5 1 genau, daß man in Washington, London und París die Oder-Neiße-Linie als endgültige Grenze Deutschlands zu Polen ansah.
In seinen Mitte der sechziger Jahre geschriebenen Erinnerungen braucht ADENAUER auch schon den Begriff »Ostdeutschland‘ für Mitteldeutschland, was allgemein erst ab 1990 in der Öffentlichkeit erfolgte.“
Und so weiter, und so fort…
Adenauer sollte nicht der letzte „Spalter“ aus den uns bekannten Reihen bleiben …

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Quelle
>> ADENAUER, aaO. (Anra. 1), S. 279; Protokoll der Bundestagssitzung v om 24./25, 11, 1949,
>> Die unheilige Allianz Stalins Briefwechsel mit Churchill 1941 bis 1945, Rowohlt-Verlag, Rein- bek 1964, S. 255. Brief vom 20. 2. 1944.
>> Heinz BRAHM U. Valerij LJUBIN, »Ein unbekannter Adenauer«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. 9 . 2 0 0 5 , S. 10.
>> Rainer BLASIUS, »Botschafteraustausch gegen Gefangenenfreigabe« in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9 . 9. 2 0 0
>> Werner GUMPEL, Gilching, in Leserbrief »Umfirmierte Gefangene« in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2 1 . 9. 2 0 0 5 .
>> Abgedruckt in: H . P . MENSING (Hg.), Adenauer.Rhöndorfer Ausgabe Briefe 1951-1953; ebenso vollständig abgedruckt ¡n:
PETERS, ebenda, S. 3 3 6
>> W i l h e l m GREWE, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. 10. 1989.
Rolf Kosiek „Der Große Wendig Band 2 S. 634-649
