Schlesien 19. / 20. Januar 1945 – Zur Erinnerung!

Der Todesmarsch der Breslauer Mütter

Ein Dichter sagte: „Es ist eine Größe des Leides, bei der jeder Widerstand aufhört, deshalb wird schweres Leid meist stiller würdiger getragen, als die kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens. Die Schwere der Last hat die Kraft, sie abzuschütteln, gebrochen!“

Mit einer Fläche von 33.000 Kilometern und einer Bevölkerung von 4,6 Millionen Menschen war Schlesien die bevölkerungsreichste Provinz des deutschen Ostens. Die Hauptstadt Breslau war bis Ende 1944 eine ruhige deutsche Stadt – weit entfernt von allen kriegerischen Auseinandersetzungen.

Am 19. Januar 1945 überschritten Sowjettruppen im Zuge ihrer Großoffensive zum ersten Mal die Grenze Schlesiens. Nachdem am 20. Januar die ersten Lautsprecherdurchsagen in Breslau zu hören waren, wurden am 21. Januar überall Plakate mit der offiziellen Anordnung des Gauleiters Hanke angebracht. Auf ihnen war zu lesen: „alle Frauen und Kinder verlassen sofort die Stadt Breslaus zu Fuß in Richtung Opperau-Kanth“.

Bei bis zu 20 Grad unter Null machten sich daraufhin tausende Frauen mit ihren Kindern, mit Schlitten und kleinen Handwagen hinaus in die eiskalte Winternacht. Für hunderte von Kleinkindern war diese Nacht ihre letzte, denn bei diesen Temperaturen, ohne Verpflegung, war ihre Überlebenschance gleich Null. In den Straßengräben Richtung Liegnitz lagen in den nächsten Tagen massenhaft Säuglingsleichen, erfroren und zurückgelassen von den in panischer Angst Flüchtenden.

Das Leid, der Schmerz, die Tortur – kein Ende war abzusehen. Und dieses Leid erstreckte sich bis in die 1950er Jahre hinein. Und es begann weit vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Der Schweizer Marius Baar schrieb 1972 zu den unerhörten Vorgängen in der Nachkriegszeit im deutschen Reich: „… was aber noch in schlimmer Form dargestellt wird, die Lüge wird zur Wahrheit gemacht.“

Morgen lesen wir dann vom Kampf um Breslau.

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Und noch eine Anmerkung zum Vorspiele der Vertreibung:

Im Fall Polen ist es schwer zu sagen, wann die Vertreibung angefangen hat. Immerhin wurde vor dem Zweiten Weltkrieg etwa eine Million Deutscher veranlasst, das Land zu verlassen, die meisten davon in den 1920er Jahren. Als die Tschechoslowakei im September 1938 das gemischt nationale Olsagebiet an Polen abtreten musste, verließ angesichts der unwirtlichen Behandlung durch die neuen Landesherren von den 17 000 Deutschen dieser Provinz über ein Drittel binnen elf Monaten fluchtartig seine angestammten Wohnsitze.

Am Vorabend des Krieges zählte man 70 000 Deutsche aus Polen in den Flüchtlingslagern im Reich, nicht gerechnet weitere Tausende in Privatunterkünften.

Ursache des Exodus war die extrem nationalistische Minderheitenpolitik Warschaus. Der führende nationaldemokratische Politiker Stanislaw Grabski erklärte im Oktober 1919 im Hinblick auf die Deutschen in den neuerworbenen Gebieten, das „fremde Element“ müsse von »14

oder sogar 20 v. H. auf 1 ½ v. H. ,<< herabgedrückt werden. In der Wahl der Mittel war man nicht kleinlich. Deutsche Bauernhöfe wurden massenhaft enteignet und zwangsgeräumt, das Erbrecht für Deutsche galt in einem breiten Grenzstreifen nicht mehr, von den übrigen Methoden der administrativen Diskriminierung ganz zu schweigen.

»siehe auch die Berichte meiner Urgroßmutter aus Lissa«

In den Archiven des Völkerbundes in Genf lagern mehr als 20 Kästen mit Protesten und Petitionen ausgewiesener Deutscher aus der Vorkriegszeit. Polen wurde so oft von internationalen Gremien und Gerichten wegen des Bruchs des Minderheiten-Schutzabkommens vom 28.7.1919 verurteilt, dass es sich schließlich 1934 von diesem Abkommen einseitig lossagte.

Jede Geschichte hat so ihre Vorgeschichte! Urteilt also immer erst, wenn ihr sie kennt.

Siehe auch Berichte des Völkerrechtlers Alfred de Zayas, hier nur ein Auszug:“ „Die Vertreibung der Deutschen war eine reine und rücksichtslose Ausübung der Macht durch die Vertreiberstaaten, und eine Realisierung längst vor 1939 und auch vor 1933 bestehenden chauvinistischen Expansions- Fantasien. Dabei muss man deutlich machen, dass die Idee der Vertreibung der Deutschen nachweislich mit Edvard Benes ihren Ursprung fand, und das die Lubliner Regierung Polens die Idee begeistert aufnahm. Beide hatten ihre ureigenen Ambitionen und auch panslawistische Interessen. Es war Landraub in großem Stil, die keine historische, moralische oder juristische Berechtigung hatte“

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Wir können auf einem guten Niveau ehrlich streiten und diskutieren, wir müssen nicht immer einer Meinung sein. Aber im Gedenken an unsere Vorfahren sollten wir Anstand bewahren und uns dahingehend einig sein.

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Quellen und Literaturhinweise:

Heinz Nawrati „Schwarzbuch der Vertreibung 1945-1948

„Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße (herausgegeben vom ehemaligen Bundesministerium, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte“

Auschnitte aus den Ostdokumenten u. a. Aus „Tragödie Schlesien 1945/46“

Ruth Storm „Ich schrieb es auf – Das letzte Schreiberhauer Jahr“

„Die letzten Tage in Schlesien“ Herbert Hupka

Abkürzungen

» 20 V. H. = 20 vom Hundert (20/100)


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