Schlesien – der Kampf um Breslau

Aus dem Bericht eines Zeitzeugen – als Überlebende ihre schlesische Heimat verlassen mussten: Juli 1946: „Schweigend setzte sich der Zug 7.30 Uhr in Bewegung. Es war ein herrlicher Sommermorgen, und die Heimat mit ihren Fluren und dem nahem Wahrzeichen Schlesiens, dem hochragenden Zobtenberge, zeigte sich noch in ihrer gesamten Schönheit: Immer wieder gingen die Blicke rückwärts Abschied nehmend. In den Dörfern, die der Zug, der sich durch Zuzug öfter vergrößerte, passierte, standen die Gemeindemitglieder und Heimatgenossen an den Straßen und grüßten die Ausziehenden, desselben Schicksals gewärtig. Manchmal sang die an der Spitze marschierende Jugend ein Wanderlied“

Was hier vor sich gegangen sein muss, welche Gedanken die Menschen wohl in sich trugen, all das lässt sich nur schwer begreifen. Was sie verloren haben, nur erahnen.

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Viele der geflohenen oder vertriebenen Schlesier leben heute nicht mehr. Doch sie haben es niedergeschrieben, ihren Schmerz und die Ratlosigkeit in sich, als sie durch die Straßen Breslaus gingen… Sie haben uns etwas hinterlassen. Die Toten können nicht mehr berichten, es ist die Pflicht der Nachkommen es für sie zu tun.

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Was bisher geschah: Am 13. Februar 1945 vereinigten sich russische Panzerkräfte an der Autobahn Breslau-Liegnitz und schlössen den Ring um Breslau. Am 15. Februar gab die Kommandantur die Einschließung der Stadt der Bevölkerung bekannt.

Der erste russische Angriff richtete sich bald nach der vollzogenen Einschließung gegen die Südfront der Festung. Dem Angreifer gelang zuerst ein tiefer Einbruch, der schnell zum Verlust des Stadtteils südlich des Hindenburgplatzes führte.

Hier versteifte sich aber der deutsche Widerstand, und es begann ein wochenlanges Ringen, indem sich der Russe beiderseits des großen Magsitrals, der früheren Kaiser-Wilhelm Straße, in Richtung auf den Hauptbahnhof vorwürgte, bis ihm in der Mitte des März in Höhe der Viktorin Straße ein endgültiges Halt geboten wurden.

Es brach ein Sturm herein, wie ihn Breslau seit dem Mongolensturm von 1241, der Breslau niederbrannte, nicht mehr erlebt hatte. Nach der Stille des Ostersonnabends setzte am ersten Ostertag ein Trommelfeuer schwersten Kalibers auf die deutschen Stellungen und die Stadt ein. Schwere Bombenangriffe gingen hernieder.

Der Dom wurde zerbombt, die Häuser der Dominsel zerstört. Die Domtürme brannten zu traurigen Stümpfen herab, vernichtet wurden die Ohlauer- und Taschenstrasse, zum großen Teil die Hauptstraße Breslaus, die Schweidnitzer Straße. Es brannten die Hauptpost, das Postscheckamt, das Gemäldemuseum, das Museum für Altertümer, ganze Häuserviertel standen in Flammen, die Häuser stürzten zusammen. Wer sich ins Freie wagte, drohte im Funkenregen in Flammen zu stehen.

Ein Geistlicher am Dom sagte unter dem Eindruck der Ostertage: «Wir glaubten die Schrecken des Jüngsten Tages seien gekommen.» Das Kleinod Breslaus, das gotische Rathaus, in dessen Kellern hunderte Verwundete lagen, blieb erhalten.

Um die Mitte des März war das Schicksal Breslaus eigentlich besiegelt. Einen militärisch echten Sinn hatte die weitere Verteidigung nicht mehr, abgesehen von der Bindung von 12 russischen Divisionen, die damit nicht an anderer Stelle wirksam werden konnten. Dass die Besatzung und Bevölkerung auch weiter sechs Wochen durchhielt, war vor allem das Wissen darum, dass dieses Stadt, über die täglich und stündlich der Feuersturm des Angreifers aus den weiten Ebenen Asien dahin raste, seit 700 und mehr Jahren deutsch war und geblieben ist, das diese Stadt schon einmal der grauenvollen Umschließung der asiatischen Horden des Dschingis-Khan ihr Deutschtum bewahrte und trotzig erkämpfte, dass diese Stadt und Festung der erste große zentrale Mittelpunkt europäischer Kultur an der Schwelle des großen asiatischen Tieflandes war.

Diese zweihunderttausend deutschen Männer und Frauen haben in der Tiefe ihrer Seele vielleicht darum gewusst, dass europäische Kultur im Kampf der Geister und im Kampf der Schwerter gegenüber der Tyrannei jedweder Art jeden Tag neu erkämpft und errungen werden muss, und das nur tapferster und äußerster Kampf um diese Dinge die Berechtigung verleiht, das Licht Europas einmal wieder an diese Stelle zu tragen, wenn es auch jetzt im Sturm der Raserei verlöschen musste.

Vielleicht war es so!

Ostern 1945, sonst von den unzähligen Kirchenglocken Breslaus jubelnd begrüßt, sah die fürchterlichste Beschießung der Stadt aus unzähligen Rohren der russischen Artillerie, sah die pausenlosen Luftangriffe der russischen Flieger im rollenden Einsatz. Noch immer wehrten sich die Deutschen. Noch immer ratterten ihre Maschinengewehre gegen die vorquellenden russischen Massen, deren Angriffe nun auch auf die Front ostwärts der Oder übergriffen.

7. Mai – die Festung Breslau ist gefallen. Der Kampf um Schlesien war zu Ende, was folgte, war die menschenunwürdige Austreibung einer Bevölkerung aus ihrer Heimat, um die sie gearbeitet, gelitten und gestritten hatte, wie alle deutschen Menschen im deutschen Osten.

Was den Menschen bereits zuvor widerfahren ist, lässt sich auch nur schwer in Worte fassen.

„Bei schneidender Kälte von 20 Grad und mehr zogen die Elendstrecks der Alten, Frauen und Kinder aus den schlesischen Dörfern in westlicher und südlicher Richtung dem schlesischen Gebirge zu. Die Frauen Breslaus erschraken nicht wenig, als sie am 20. und 21. Januar die Durchsage von den Lautsprechersäulen hörten: «Frauen und Kinder begeben sich zum Fußmarsch auf die Straße nach Opperau in Richtung Kanth.» Der Andrang auf den Bahnhöfen war inzwischen so groß, dass der Bahnverkehr auf den Bahnhöfen fast zum Erliegen kam.

Schon in der ersten Nacht, zu Beginn der Kämpfe, erfroren unzählige Kinder, obwohl die Mütter vielfach ihre Koffer wegwarfen, um die Kinder an ihrer Brust zu bergen. Nach der zweiten Nacht war die Hiobsbotschaft vom Sterben der Kleinkinder und dem Flüchtlingselend der Mütter in Kälte und Hunger nach der Stadt zurückgedrungen, dass fast jeder vor solcher Flucht ohne Quartier und Verpflegung zurückschreckte. In Breslau sagten sich Tausende, haben wir unser Bett, Kohle und Kartoffeln, dann wollen wir lieber hier umkommen als erfrieren oder verhungern. So blieben mindestens 200000 Zivilpersonen, zu denen noch einige zehntausend aus den benachbarten Landkreisen stießen, ehe die Festung sich schloss.“

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Mit diesem Beitrag endet vorerst die Reihe zu „Schlesien – der Kampf um Breslau“.

Es gäbe noch so viel mehr zu schreiben, angesichts der unzähligen Erlebnisberichte. Unsere Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen, unsere Vorfahren haben uns etwas hinterlassen. Sie können nicht mehr berichten, es ist unsere verdammte Pflicht es für sie zu tun.

Eine Würdigung der Schlesier und der Soldaten Opfer, vor deren Größe wir in Andacht verstummen, sowie der schlesischen Bauern und der Unternehmungen der Deutschen Reichsbahn, folgt im Anschluss an diesen Beitrag.

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Quelle: „Die Vertreibung aus der Heimat“

Bericht über das Ende des deutschen Lebens

in Namslau Bez. Breslau

1. Teil,

bis zur vollständigen Räumung am 21. Januar 1945,

erstattet von G. Röchling, Pastor,

unter Berücksichtigung erreichbarer brieflicher Mitteilungen,

mit einem stichwortartigen Bericht des Landrats Heinrich über die Tage

18. – 22.1.1945

Lembeck (Westfalen)

Thieme, Hans: Letzte Vorkriegsjahre an der Breslauer Universität. In: Herbert Hupka

(Hrsg.): Meine Heimat Schlesien. Erinnerungen,

Der Sturm „Die Russen kommen“, ZDF – Dokumentation

(ausgestrahlt am 18.01.2005 von 20:15 – 21:00 Uhr)

Hupka, Herbert: Letzte Tage in Schlesien. In: Herbert Hupka (Hrsg.): Meine Heimat

Schlesien. Die letzten Tage,

Jahresarbeit von Christin Mende über „Flucht aus Schlesien“ – Fakten, Erlebnisse und Erinnerungen

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Die bisher zu dieser Reihe verfassten Beiträge findet ihr im Kommentar (zusammengefasst unter einem Beitrag)


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